Liebe Männer, die ihr mal wieder alle von den Fernsehern und aus kichernden Prosecco-Mädchen-Runden geflüchtet seid – das war ein Fehler! Am Weltfrauentag, dem Tag, an dem die Welt über Emanzipation und Gleichberechtigung spricht, wäre „Germany’s Next Topmodel“ wohl das einzige Programm gewesen, in dem die Befreiung der Frau noch keine Rolle spielt.

In dem Machos noch Machos und Mädchen noch Mädchen sein dürfen – schlicht und unterwürfig, immer mit dem dringenden Bedürfnis, gut auszusehen und keinen Ärger zu machen.

Laura ist so ein Musterbeispiel. Sie ist 17 Jahre alt und hat endlich laufen gelernt. Über Nacht. Mit hartem Training zwar, immer wieder den Flur rauf und runter. Stolz schauen die Juroren-Namensvetter Thomas und Thomas da auf ihr „Mädchen“, das schmale Wesen mit scheuem Blick, das ihnen da entgegen gestakst kommt.

Für den Laufsteg reicht es zwar nicht, wohl aber für ein gönnerhaftes Lächeln der Juroren. Und am Ende gibt es ein Ticket für die nächste Etappe.

„Ich habe heute leider kein Foto für dich“ ist der Satz, der hingegen immer am Ende jeder Folge Tränen provoziert. Heidi Klum sagt ihn meist und schaut dabei so mütterlich streng, dass die verstoßenen Mädchen sich reuig bei ihr bedanken und schüchtern davon schleichen – schließlich haben sie sich nicht genug bemüht, wie ihnen die Jury dann oft auf den Weg mitgibt.

Der schöne und der schrullige Thomas vertreten die strenge Heidi

Am Internationalen Frauentag aber gibt es keine Heidi, die ist irgendwo auf den Laufstegen und roten Teppichen in L.A. unterwegs und hat ihre zwei Assistenten, den schönen und den schrulligen Thomas, damit beauftragt, den Mädchen mal wieder die ein oder andere „Challenge“ zu geben, um am Ende nur 18 der 22 Schönheiten in die USA nachfliegen zu lassen.

Gesiebt wird in Berlin. Dort ist gerade Fashion Week, und zwei rothaarige Designerinnen, von denen man sich die ganze Zeit fragt, ob sie Mutter und Tochter oder doch nur Freundinnen mit dem gleichen Friseur sind, haben noch nicht alle Models für ihren Laufsteg zusammen.

Also dürfen Heidis Mädchen alle einmal an ihnen vorbei laufen und ihre Mappe da lassen. Nicht nur die rothaarigen Designerinnen beäugen sie dabei skeptisch, auch Thomas und Thomas beobachten ihre Mädchen genau, schreiten schließlich als „Fashion-Polizei“ ein: Die Schuhe müssen passen, das Outfit darf nicht zu schrill sein. „Die wollen hier ein elfenhaftes Wesen, ihr müsst strahlen“, mahnt Thomas.

Die gesuchte Elfe wird dann doch die rockige Shawny, ein zu kleines, blondes Mädchen, das versichert, es sei schon immer sein Lebenstraum gewesen, einmal für genau dieses Label in diesem Kleid laufen zu können.

Märchengeschichten aus dem harten, kalten Modebusiness

Es sind Märchen wie diese, die GNTM am laufenden Band aufführt. Geschichten aus dem harten, kalten Modebusiness, in dem jedes Mädchen immer noch härter an sich arbeiten muss. In dem Launen und Zickereien keinen Platz haben, „Professionalität“ ist auch so ein Begriff, den die Juroren bis zum Erbrechen predigen.

Dabei funktioniert auch Heidis Dokusoap längst wie jedes andere Casting-Format: Eine große Gruppe gleichblonder, gleichhübscher Mädchen, aus der eine handvoll herausstechen, die man sich merken sollte.

Wie eben Shawny, die Rockerin. Eigentlich spielt die Berlinerin in einer Rockband E-Gitarre, hat sich aber irgendwie doch in den Kopf gesetzt, lieber mit Highheels aufs Cosmopolitan-Cover klettern zu wollen. Mit 1,72 Metern ist Shawny eigentlich zu klein für die Laufstege dieser Welt – und gerade deshalb bekommt sie natürlich immer wieder „den Job“ – gerade weil es ja so unwahrscheinlich ist.

Da ist Laura, das scheue Reh. Auch sie ist ein Klassiker des GNTM-Casts: Hübsch, aber zu schüchtern, nah am Wasser gebaut und immer wieder heimwehgefährdet. Die „Gala“ hat sie deshalb schon zum Geheimtipp ausgerufen.

Psycho-Kunstpause, ein paar Tränen und am Ende ein Foto

„Du bist so ein hübsches Mädchen“, wird Heidi vermutlich am Ende jeder weiteren Sendung zu ihr sagen, „aber du musst an dich glauben.“ Dann kommt die Psycho-Kunstpause, ein paar Tränen und am Ende ein Foto, dann noch mehr Tränen.

Die vergießt in solchen Entscheidungsrunden selbst Sara, die Sexbombe. Auch bei ihr kann man sich wohl sicher sein, dass wir noch ein paar Folgen mit ihr erleben werden. Sie ist die Gina-Lisa der aktuellen Staffel: Ein bisschen zu prollig, mit viel Brust und viel Selbstbewusstsein ausgestattet, aber eigentlich ein wirklich liebes Wesen.

Sara flucht zuviel, gibt Widerworte. Das schickt sich nicht für ein echtes „Mädchen“, auch das lernen wir in jeder Folge neu und freuen uns dann, dass sie trotzdem ein Foto für die nächste Runde bekommt – irgendwer muss schließlich Schwung in den Laden bringen.

Absolute Favoritin ist allerdings Melek, eine dunkelhaarige Schönheit aus Stuttgart. Melek war in der letzten Staffel schon dabei, musste dann aber wegen einer Krebserkrankung aussteigen. Nun ist sie zurück, gesund und strahlt vor Lebensfreude. Eine Geschichte, die ans Herz geht.

Sie alle werden in den kommenden Wochen von Heidi überraschenderweise immer wieder daran erinnert werden, dass sie noch härter an sich arbeiten müssen. Es wird viele blasse Gesichter geben, die in der nächsten Folge nicht mehr auftauchen, weil die Juroren in ihnen einfach kein „Potential“ sehen.

Gute Models können sie trotzdem sein. Zum „Mädchen“ gehört aber dann doch ein bisschen mehr. Um es mit den Worten von Ex-Juror Bruce Darnell zu sagen: Drama, Drama, Drama.