Everlast-Album

Weißer Nigger predigt gegen die Sünden des Systems

Stimme der Mittellosen: Der Ex-Rapper Everlast besingt das Elend des kleinen Mannes und den Niedergang des Systems. Sich selbst nennt er "weißer Nigger".

Der echte Whitey Ford ist 83 Jahre alt und rüstig. Er betreibt ein Restaurant am Roosevelt Field, dem größten Einkaufszentrum von New York, wo das Personal Baseballhemden mit der Rückennummer 16 trägt – wie Whitey Ford während seiner aktiven Zeit bei den Yankees, nach dem Krieg. Es war das Goldene Zeitalter Amerikas.

Ford war ein semmelblonder Junge von der Straße. Jetzt ist er schlohweiß und reich. Ein Veteran des amerikanischen Traums mit einem Namen, der wie ein gebrochenes Versprechen klingt.Gelegentlich schmückt sich der Rapper Erik Schrody mit dem Künstlernamen Whitey Ford. Gewöhnlich tritt er als Everlast auf.

Von Ice-T zur Musik verführt

Auch diesen Kampfnamen hat Schrody mit Bedacht gewählt: Der Boxausrüster Everlast verkauft Satinhosen für den Ring, aber häufiger noch bedruckte Kapuzenjacken an zu kurz gekommene weiße Männer. Niemand in der Popmusik hat das Thema White Trash so tief ausgelotet wie Erik Schrody alias Everlast alias Whitey Ford.

In „White Trash Beautiful“ besang er vor acht Jahren eine Königin der Trailer Parks, die unter ihrem Sternenbanner schläft, aber nicht mehr vom Leben in Amerika erwartet als die ewige Liebe eines hübschen Kraftfahrers und ein paar Kinder. Damals ging es um die Restwürde der neuen Unterschicht. „Muhammad Ali sagte: ‚Schwarz ist schön.‘ Das war ein Appell an die Schwarzen. Ich sage: ‚White Trash ist schön‘“, verkündet Everlast, wie sich Schrody für seine neue Platte wieder nennt.

Die heißt „Songs Of The Ungrateful Living“, und dass ihm nicht nur Sozialromantiker die Lieder abkaufen, sondern auch Leute, die leibhaftig ein eher undankbares Leben führen, liegt zuallererst an Erik Schrody selbst: Geboren 1969 in New York als Sohn eines irisch-katholischen Bauarbeiters, aufgewachsen an den ausgefransten Siedlungsrändern von Los Angeles, vom radikalen Rapper Ice-T zur Musik verführt.

Er gründete das Trio House Of Pain. Von unten wurde ihr robuster Roughneck-Rap als Antwort auf den Mittelstandsradau der Beastie Boys gefeiert. Einwände kamen von oben: Riefen House Of Pain zu Gewalt auf? Schätzten sie Frauen gering? Und wie rassistisch waren Lieder wie „Black Jesus“ oder Selbstbezichtigungen wie „white nigger“?

In der Glanzzeit der politischen Korrektheit wurden House Of Pain berühmt. Sie scheiterten am ruinösen Lebenswandel ihres Anführers. Mit 27 wäre Schrody beinahe gestorben wie so viele Frühvollendete, an einem Herzinfarkt. So schnell er ein Vermögen angehäuft hatte, so schnell war es verprasst.

Er wurde demütig und irritierte seine Zielgruppe durch eine rigorose Wandlung: Er trat zum Islam über. Er trat auf als Whitey Ford. Er sang den Blues der Weißen, Country Songs, wie sie sein Vater auf dem Bau mochte, aber auch erzkonservative Präsidenten. Auf der letzten Platte „Love, War And The Ghost Of Whitey Ford“ vermischte Everlast den „Folsom Prison Blues“ von Johnny Cash mit „Jump Around“ von House Of Pain zu einem Bastard-Soundtrack für den White Trash der amerikanischen Gegenwart.

Wehrdienst ist eine Pflicht für die Armen

Während Everlast den kleinen Mann aus seiner Sicht besingt, führen die großen Männer in der Politik eine aufgeregte Debatte: Wer im Wohnwagen von Tiefkühlpizza lebt, sei nicht nur selber für sein Elend verantwortlich, erklärt der Politologe Charles Murray in seinem viel diskutierten Buch „Coming Apart“. Er habe zudem Amerikas Moral auf dem Gewissen. Er sei selbst schuld an der Rücksichtslosigkeit der Reichen. Nun folgt das Geschrei der Gegenargumente. Es ist Wirtschaftskrise, es ist Wahlkampf.

Everlast sitzt kopfschüttelnd dabei mit seiner hellen Gretsch-Gitarre und dem trockenen Beat unter dem Bluegrass, er singt Songs wie „Little Miss America“: Ein Mädchen träumt von Ruhm und Reichtum, weil der Vater, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer, ihr die Zuwendung verweigert. Wehrdienst ist für Amerikaner heute eine Pflicht der Ärmeren – Everlast predigt gegen die Sünden des Systems.

Everlast greift auf Protestsoul zurück

In „Friday The 13th“ erleben die Geringverdiener täglich ihren Schwarzen Freitag. Es gibt Reime wie „Creditors callin’/ Dow Jones fallin’“. Everlast erklärt sich wieder zum weißen Nigger und singt den Protestsoul von Sam Cooke „A Change Is Gonna Come“, Black Music, wie man früher sagte.

Die Verhältnisse sind eben so. Aber auch wer ihretwegen im weißen Müll hause, müsse nicht unter seinen Möglichkeiten bleiben. In „My House“ heißt es: „Wir könnten Schach spielen oder am Feuer sitzen. Und wir könnten auch ausführlich reden über die menschliche Hoffnung.“ Everlast leiht den Sprach- und Mittellosen seine Stimme. Eine heisere Stimme der Vernunft.