Im Gegensatz zu anderen hätte Mehmet Göker nichts dagegen, wenn es wieder Partyfotos von ihm und Carsten Maschmeyer geben würde. Der Finanzdienstleister aus Hannover war eines der großen Vorbilder des Deutsch-Türken aus Kassel.
Es sind aber nicht die nebulösen wirtschaftlichen Zusammenhänge, die in Klaus Sterns 2006 begonnener Dokumentation „Versicherungsvertreter“ im Zentrum stehen. Stern, der für seine Film-Arbeiten über Andreas Baader und Tan Siekmann, das deutsche One-Hit-Wonder der New Economy, mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Adolf Grimme Preis ausgezeichnet wurde, verzichtet auf Erklärungen aus dem Off, sondern verlässt sich auf die dokumentarische Aussagekraft seines Materials.
Schließlich brach das Unternehmen zusammen
Oberflächlich betrachtet zeichnet Stern so das bizarre Porträt eines Aufsteigers aus einfachsten Verhältnissen, der ein Unternehmen mit Millionenumsätzen und über 1000 Mitarbeiter aus dem Boden stampfte. Die von Göker gegründete Firma „MEG“ vertickerte private Krankenversicherungen.
Dank astronomischer Provisionen wurden der Boss und die Seinen absurd reich. Bis alles in sich zusammenfiel und Göker mit 21 Millionen Euro Schulden dastand. Was angesichts des ferienkomplexartigen Domizils in der Türkei, wohin sich der Kasseler als Angestellter eines neuen Unternehmens („das gehört meiner Mutter“) zurückgezogen hat, nicht weiter schlimm zu sein scheint.
Man kann sagen, was man will: Göker ist ein extrem leidenschaftlicher Verkäufer. Vor allem seiner selbst. Er genießt es, seine Statussymbole vor Sterns Kamera auszustellen: den Ferrari, die Villa, sein Büro. Verwirrend sind die Unschuld und die Überzeugung, mit der er das tut. Göker kann sich und anderen die tollsten Dinge einreden. Oder die Hölle heiß machen, wenn die Verkaufszahlen nicht stimmen.
Es herrschten sektenähnliche Zustände in Gökers Firma. Man sieht es auf den Handy-Videos ehemaliger Mitarbeiter, die Stern einstreut: Einmal ließen sich die Mitglieder der Führungsriege gemeinschaftlich das „MEG“-Logo aufs Handgelenk tätowieren. Die Untergebenen ließen alles mit sich machen – wegen der Aussicht auf Geld.
Und immer mehr Geld. „Gier frisst Hirn“ fasst ein ehemaliger „MEG“-Mitarbeiter die Philosophie zusammen. Wenn man Sterns Film sieht, ahnt man, dass damit keineswegs nur Göker und seine Jünger gemeint sind. Sondern ein ganzes System.




