Oscar 2012

The Artist - Beim Oscar triumphiert die Nostalgie

Der Stummfilm "The Artist" und Scorseses 3-D-Spektakel "Hugo Cabret" haben beim Oscar 2012 - wie erwartet - abgeräumt. Beide Produktionen feiern die Nostalgie, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. The-Artist-Star Jean Dujardin gilt bereits als französischer George Clooney.

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Der ungewöhnlichste Film des Jahres wurde auch zum besten gewählt: „The Artist“, ein Film fast ohne Worte, ohne bunte Farben, ohne Überwältigungseffekte, dafür voller Charme und beglückender Nostalgie. Angesichts von fünf Oscars für den Stummfilm aus Frankreich waren in der Nacht zum Montag sicher viele Hollywood-Mogule sprachlos. Schließlich hatte zuletzt im Jahr 1929 ein Stummfilm den Oscar als beste Produktion gewonnen. Überhaupt war es die Galashow Frankreichs in der Traumfabrik.

Fast schien es, als würden sich die Filmnationen USA und Frankreich in der „Nacht der Nächte“ respektvoll voreinander verbeugen: „Ich danke Billy Wilder, ich danke Billy Wilder, ich danke Billy Wilder“, rief der „Artist“-Regisseur Michel Hazanavicius. Denn er feiert in seinem Film die melodramatische Stummfilmzeit in den großen Hollywood-Studios, wie es schon Billy Wilder 1950 in seinem Meisterwerk „Sunset Boulevard“ getan hat.

Im englischsprachigen Raum stieß der Film nicht überall auf Begeisterung: Kinogänger im britischen Liverpool wollten kürzlich kein Geld zahlen und forderten Medienberichten zufolge ihre Eintrittsgelder zurück.

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In dem Streifen geht es m George Valentin (Jean Dujardin), einen erfolgreichen Stummfilmstar. Ihm und seinem niedlichen Hund Uggie fliegen die Herzen der Frauen nur so zu. Doch dann beginnt die Ära des Tonfilms und damit das Ende von Valentins Karriere. Denn so charmant der Schauspieler in Stummfilmen wirkt, so groß ist sein Manko, wenn es um die neue Filmform geht: Seine Stimme ist ein klägliches Nichts. Dujardin spielt diesen Star, der sich plötzlich auf dem Abstellgleis findet, mit bemerkenswerter Intensität und jeder Menge Enthusiasmus.

Bezeichnend ist dabei, dass „The Artist“ – der seit Ende Januar auch in deutschen Kinos läuft – zuerst niemand unterstützen wollte. Einen schwarz-weißen-Stummfilm zu finanzieren, war vielen zu heikel, wie Regisseur Michel Hazanavicius erzählte. Doch dann begann das Werk doch seinen Siegeszug: Beim Filmfestival in Cannes feierte es im vergangenen Jahr Premiere und heimste gleich die Auszeichnung für Jean Dujardin als bestern Darsteller ein. Es folgten unzählige weitere Preise, darunter drei Golden Globes, sechs französische Filmpreise und nun die fünf Oscars.

In den USA setzte sich „The Artist“ nun gegen den großen Oscar-Konkurrenten „Hugo Cabret“ durch. Dieser aufwendige 3D-Film von Martin Scorsese spielt wiederum im Paris der frühen 1930er-Jahre. Der Titelheld Hugo liebt die Werke des französischen Kinopioniers Georges Méliès, vor allem dessen „Reise zum Mond“. Auch das ist sehr nostalgisch. Doch das Wagnis eines wirklich altmodischen Stummfilms mit Charme und überraschenden Bildideen im Kontrast zu technisch übersättigten Produktionen scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

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Denn auch wenn „The Artist“ und „Hugo Cabret“ viele Gemeinsamkeiten haben, so unterscheiden sie sich grundsätzlich: „Hugo“ ist eine bombastische 3D-Produktion, die satte 170 Millionen Euro gekostet hat und jede Menge Spezialeffekte auffährt. Das Werk von Martin Scorsese („Taxi Driver“, „Casino“, „Departed – Unter Feinden“) gewann zwar auch fünf Oscars – allerdings nur in den Nebenkategorien. „The Artist“, gedreht in den Paramount Studios in Los Angeles, hat schätzungsweise 15 Millionen gekostet, weniger als ein Zehntel von „Hugo Cabret“.

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Das Flair von Frankreich und Paris – auch ein anderer amerikanischer Oscar-Film bezieht seinen Reiz aus dem Blick auf das gute, alte Europa: Woody Allen hat den vierten Oscar seiner langen Karriere für das Drehbuch zu „Midnight in Paris“ bekommen – und den Preis wieder einmal nicht persönlich abgeholt. Er dreht seine Filme schon seit Jahren fast nur noch in Europa (auch wegen der Filmförderung, die es so in den USA nicht gibt). In seinem jetzt prämierten Werk schickt er einen Amerikaner mitten ins hitzige Kulturleben von Paris in den 1930er-Jahren.

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Angesichts weiterer Kassenerfolge wie den derzeit mehr als fünf Millionen Besuchern für die französische Tragikomödie „Ziemlich beste Freunde“ allein in Deutschland lassen die Filmschaffenden Frankreichs dieser Tage die Champagnerkorken ploppen. Jean Dujardin, für seine Hauptrolle in „The Artist“ als bester Darsteller gewürdigt und schon als „French Clooney“ gefeiert, konnte das Glück kaum fassen. Er rang auf der altmodisch mit gemalten Vorhängen dekorierten Bühne nach Worten und rief: „Wow, das ist genial, merci, formidable!“

Präsident Nicolas Sarkozy würdigte „The Artist“ unter anderem als Beleg für die außergewöhnliche Vitalität des französischen Kinos und sprach dem Filmteam seine Glückwünsche aus. Premierminister François Fillon schloss sich den Gratulationen an und würdigte vor allem die Auszeichnung von Hauptdarsteller Jean Dujardin als eine „historische Premiere“.