Konzert in Berlin

Max Prosa nörgelt und nuschelt im Lido

Spätestens seitdem er als Support für Clueso tourte, kennt man Max Prosa. Der Berliner mit Gitarre und Mundharmonika schämt sich nicht, beim Singen große Gefühle zu zeigen. Im Kreuzberger Lido gab er ein Heimspiel.

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Ein feuerroter Reisebus parkt am Montagabend vor seinem Konzert vor der Tür des Lido, einem Club in Berlin-Kreuzberg. Mit ihm ist Max Prosa unterwegs durch Deutschland. Er könnte nach Hause laufen, nach „Kreuzkölln“ wie Prosa sagt, zu seiner winzigen Wohnung an der Weserstraße, Reuterkiez. Aber die Kreise werden größer, die er zieht mit seinen Liedern. Münster, die Studentenstadt, hat er am Vorabend besucht, und von Berlin geht es nach Hamburg, von der neuen in die alte deutsche Pop-Hauptstadt.

Verfroren sitzt der 22-Jährige im unbeheizten Freigehege für die Raucher, während sie im Lido seine Instrumente auf die Bühne stellen und verkabeln. Er vergräbt die Hände in den Taschen seines Parkas. Er zieht seinen Kopf ein und die Schultern hoch. Vor 50 Jahren lief Bob Dylan so durch den New Yorker Winter, für ein Plattencover, und es ist kein Wunder, wenn Max Prosas Fürsprecher in ihm den spät geborenen deutschen Dylan sehen. „Weil ich Akustikgitarre und Mundharmonika spiele, und vor allem weil ich Locken habe“, sagt er lächelnd hinter seinem Lockenvorhang. Sein Debütalbum nennt er „Die Phantasie wird siegen“. Es ist bei Columbia erscheinen wie Bob Dylans Lebenswerk und zeigt Max Prosa mit geschlossenen Augen im Konfettiregen.

Es gibt plötzlich viele Sänger wie Max Prosa, neue deutsche Liedermacher, die mit nachdenklichen Songs und Welpencharme das Land erobern. Der Weltretter Tim Bendzko aus Berlin-Köpenick, die Schwaben Tiemo Hauer und Philipp Poisel. Manche haben noch ein Beben in der Stimme wie Xavier Naidoo und seine Soulbrüder, die das vergangene Jahrzehnt geprägt hatten. Die Kinder der Migranten, die vom HipHop kamen und vom Aufstieg in ein bürgerliches Leben träumten. Man weiß nicht, was es politisch und sozial bedeutet, wenn ihnen die Bürgerkinder mit ihren Gitarren jetzt auf halbem Weg entgegen kommen und das Leben auf der Straße suchen. In den Spätverkaufsstellen und Imbissbuden. Auch Max Prosa weiß es nicht. Er wärmt sich an der Teetasse im Lido, er erzählt seine Geschichte.

Max Podeschwig ist der Sohn eines Charlottenburger Kaufmanns. Er kam ein Jahr früher als die anderen in die Schule, später übersprang er eine Klasse. Nach dem Abitur mit 17 stürzte er sich an der Humboldt-Universität in sein Physikstudium. „Ich hatte damit selbst gar nicht so viel zu tun“, sagt er. „Ich hatte ehrgeizige Eltern.“ Zweifel kamen ihm am Effizienzsystem des Bachelor- und Masterwesens, Prosa kam sich wie ein junges Zuchttier vor.

Er fuhr für längere Zeit nach Irland. Als er wiederkehrte, nahm er die Gitarre und zog nach Neukölln. „Neukölln ist ein Symbol für meine Sehnsucht nach dem Leben.“ Wenn Max Prosa solche Sätze spricht, klingt er wie ein erfahrener, weiser Mann. Er zog zu einem Schlagzeuger und einem Fotografen in deren chaotische WG. Musik betrieb er ernsthafter, und an der Uni wechselte er zu den Philosophen, bevor er sich ganz dem Liedermachen zuwandte. Sein Künstlerdasein deckte sich mit den Befürchtungen der Eltern: „Musiker sind arm, sie leben ungesund, sie tragen fadenscheinige Klamotten.“

Warum floh er nach Neukölln und nicht nach Friedrichshain wie alle Bürgerkinder, die sich in Berlin in Bohemiens verwandeln wollen? „Friedrichshain ist was für Hipster“, stellt Max Prosa klar. „Die Musiker zogen schon damals nach Neukölln. Ich wollte Teil dieser Szene sein. Wo jeder etwas macht, entwickelt man den Mut, es auch zu tun.“

Er rekrutierte in den Kneipen seine Band, belegte Kurse an einer freien Schule für Poesie und Musik bei Christof Stählin, einem bayrischen Liedermacher der Dylan-Generation. Aufnahmen verschickte er an Plattenfirmen und Verlage. Er berichtet von Vertragsgesprächen, die er ausgehungert absolvierte. Und wie er im Zughafen in Erfurt landete, im Netzwerk von Clueso, dem großen Bruder aller neuen deutschen Liedermacher. Dort entstand sein Album, da begann seine Tournee. Selbst seine Eltern schlossen Frieden mit dem Leben des verlorenen Sohnes, der in ihren Augen alles hätte werden können und stattdessen lieber Hungerkünstler wurde.

Man kann Max Podeschwigs Künstlernamen, hinter dem Max Prosa sich versteckt wie in seinen geräumigen Mänteln, hinter seinen Mädchenlocken und Gitarren, albern finden. Man glaubt auch, den eigenen Ohren nicht zu trauen, wenn er singt: Es ist ein Nörgeln und ein Nuscheln, irgendwo zwischen Pete Doherty und Rio Reiser. Von den „Abgründen der Stadt“ singt er, in einer Stadt, die vieles ist, aber gewiss nicht abgründig. „Und wenn ich könnt’, flög’ ich davon mit meinen Flügeln aus Beton“, heißt es in einem Lied. Der Apostroph hängt häufig an und in den Worten wie ein alter Zopf. Der Konjunktiv ist Prosas bester Freund. So singt und spricht und schreibt kein Mensch mehr. Solche Lieder ließen sich auch als Gedichte aufsagen, ohne den antiquiert modernen Folk- und Countryrock der Band. Doch diese Sprache unterscheidet ihn von allen Jünglingen, die jetzt als wohlerzogene Singer-Songwriter das Land bereisen und die Herzen der Studentinnen erwärmen. Wenn Max Prosa Türe singt statt Tür, ist das kein Schnörkel in der Poesie, sondern eine Verbeugung vor dem Metrum. Oder wie er sagt: „Für mich fühlt sich das total richtig an.“

„Wir sind Ikonen einer längst vergangenen Zeit“, singt er. „Mein Kind“ ruft er seine Geliebte im Gesang an. Selbst ein Seelsorger taucht in den Stücken auf aus dem Archiv der ausgestorbenen Berufe. Und Max Prosa prustet in die Mundharmonika, in einer Dylaneske, die „Visionen von Marie“ heißt. So phantomnostalgisch kann nur jemand sein, der 1990 und danach zur Welt kam. „Nostalgie ist ein Merkmal unseres Wesens“, sagt Max Prosa: „Im Jahr 2062 werden sich die Menschen zurück sehnen ins Jahr 2012.“ Vor allem, wenn sie da noch nicht geboren waren. Überhaupt: Es gibt ein Unbehagen an der Welt, der „togesagten Welt“, am „Gefängnis der Welt“ und der „Welt in ihrer Wut“. Allerdings kennen Sänger wie Max Prosa sehr genau die Grenzen ihrer Lieder, einer besseren Welt und ihrer eigenen Macht: „Ich weiß nicht, warum alles so ist, wie es ist.“ Wie sollte er darüber singen, wie es sein könnte, wenn alles schöner wäre? Er hat nichts gegen den zweifelhaften Titel Liedermacher. Aber er entkrampft die Zuschreibung, indem er seine Hörer nicht belehrt, sondern indem er sie in seine Lieder einlädt wie in eine Wärmestube. „Mein Sendungsbewusstsein ist auch ein Empfangsbewusstsein“, sagt Max Prosa.

So bestreitet er sein erstes großes Berliner Heimspiel in der Nacht im Lido. Auf der Bühne sind drei Lautsprecher beschriftet mit den Worten „Phantasie“, „Wird“, „Siegen“. Fantasie wird bei Max Prosa selbstverständlich mit „Ph“ geschrieben. Er besingt seine Betonflügel und rudert mit den Armen wie ein angeschossener Singvogel. Die Band beschützt ihn, und der Saal vor ihm ist überfüllt mit Mädchen, die Max-Prosa-Leinenbeutel auf den schmalen Schultern hängen haben und mit Männern, die ihm anerkennend zunicken. Er freue sich, daheim zu sein, erklärt er, wenn er hören könne, wie sie sonnengelbe U-Bahn durch Neukölln und Kreuzberg quietscht. Dann muss Max Prosa wieder weiter.

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