Simon Le Bon

"Wir sind keine Eighties-Band. Wir sind Gegenwart"

Nach einer Stimmbandentzündung von Duran-Duran-Sänger Simon Le Bon meldet sich die Gruppe zurück. Ein Gespräch über Retromania und die Kunst des Überlebens.

Was für ein dämliches Timing! Duran Duran, eine der ikonischen Popbands der Achtziger, hatten alles richtig gemacht und im März letzten Jahres mit „All You Need Is Now“ ein beachtliches Comeback-Album hingelegt. Doch dann erlitt ihr Sänger Simon Le Bon eine schwere Stimmbandentzündung.

Eine komplette Welttournee musste abgesagt werden, und lange war unklar, ob eine der markantesten Stimmen der MTV-Generation jemals wieder live zu hören sein würde. Doch Le Bon, der bereits Schiffbrüche, Fönfrisuren und unverhohlene Kritikerhäme überlebt hat, saß auch diesen Schicksalsschlag aus: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch stärker”, stellt Le Bon im Gespräch in einem Londoner Café klar.

Morgenpost Online : Mr. Le Bon, was empfinden Sie, wenn man auf dem Cover der wichtigsten italienischen Modezeitschrift als „the band that defined an era“ bezeichnet wird – gemeint sind die Achtzigerjahre ...

Simon Le Bon : Ich würde so etwas von mir und den Jungs nie behaupten.

Morgenpost Online : Die Frage war ja auch anders gestellt.

Le Bon : Wir sind seit über dreißig Jahren als Band zusammen und machen ebenso lang erfolgreich Musik. Wir geben nach wie vor Konzerte, und wir veröffentlichen regelmäßig Platten. Es ist kontraproduktiv, uns auf ein Jahrzehnt festzunageln. Wir sind keine Eighties-Band. Niemand von uns würde jemals behaupten, dass wir der Retromanie verfallen wären.

Morgenpost Online : Das ist ein Begriff, den der Pop-Theoretiker Simon Reynolds geprägt hat – er formuliert in seinem Buch „Retromania“ die Horrorvorstellung, dass die Zukunft der Popmusik ein luxuriös aufgemachtes Best-of-Box-Set von beispielsweise Duran Duran ist.

Le Bon : Das meine ich ja. Duran Duran stehen im Hier und Jetzt. Wir sind nicht nostalgisch. Wir sind Gegenwart.

Morgenpost Online : Finden Sie es so befremdlich, dass Sie die Achtziger angeblich definierten?

Le Bon : Ich verstehe die Medienlogik, die dahintersteckt, wenn eine Zeitschrift wie die „L’Uomo Vogue“ uns auf eine Schlagzeile reduziert. Superlative sind nun einmal Verkaufsargumente. Als ich das Titelbild das erste Mal sah, dachte ich: So muss sich auch Bob Dylan fühlen , wenn er heute noch, ein halbes Jahrhundert nach den Sechzigern, dafür angefeindet wird, dass er keine Protestsongs mehr singt und nicht mehr mit der akustischen Gitarre auftritt. Es gibt aber nichts Schlimmeres, als das Publikumsbedürfnis nach Nostalgie zu bedienen.

Morgenpost Online : Erfolg kann also auch eine Falle sein?

Le Bon : Es ist auf alle Fälle schwer, hartnäckigen Klischees zu entkommen.

Morgenpost Online : Es gibt dieses berühmte Zitat von Mick Jagger: „Wenn eine Band über Jahrzehnte zusammenhält, wird alles gut enden.“

Le Bon : Das stimmt schon, ist aber arg vereinfacht. Man muss hin und wieder auch gute Schallplatten veröffentlichen.

Morgenpost Online : Wie viele Bandmitglieder müssen übrig bleiben, damit man noch von derselben Band sprechen kann? Jagger sagt: drei. Er selbst, Keith Richards und Bill Wyman.

Le Bon : Ich sage: zwei. Ich muss es sagen, denn zwischen 1997 und 2001 waren wir plötzlich nur noch zu zweit, nur Nick Rhodes und ich waren übrig geblieben. Alle anderen hatten das Boot verlassen. Zwischendurch gab es noch mal wieder die Urbesetzung, und heute sind wir immerhin zu dritt. Einigen wir uns auf „durchgemogelt“, denn der Wille weiterzumachen war bei Duran Duran immer da.

Morgenpost Online : Fehlte es den anderen an Korpsgeist?

Le Bon : Ich würde eher sagen: Das ist der Preis, den man zahlen muss, wenn es keine Regeln gibt. Ich kann es verstehen, wenn wir Musiker alle unterschiedliche Ziele vor Augen haben. Wir leben alle schließlich nur einmal. Aber ich gebe zu, dass es sicherlich leichter gewesen wäre, hätte die Band zusammengehalten wie die Stones.

Morgenpost Online : Geht es in einer Band wie Duran Duran eigentlich darum, die Welt zu erleben?

Le Bon : Absolut. Wir wussten zu keinem Zeitpunkt unserer Karriere, was als Nächstes passieren würde. Der Erfolg hat uns damals überrascht, und wir wussten ebenso wenig, wie wir anschließend der allgemeinen angespannten Erwartungshaltung begegnen sollten, um als Band und Musiker zu bestehen. Entscheidend sind daher die zwischenmenschlichen Kleinigkeiten: Für das Überleben einer Band ist mehr als musikalische Virtuosität entscheidend: ob man gemeinsam gut verreisen kann. Denn wir Menschen haben Stacheln, an denen man sich verletzen kann. Piekst man sich, zählt allein der Wille weiterzumachen. Man muss antizipieren und akzeptieren, dass man Wunden und Narben davonträgt.

Morgenpost Online : War es eine Zerreißprobe, als Sie im Herbst krankheitsbedingt eine bereits so gut wie ausverkaufte Welttournee absagen mussten?

Le Bon : Es war ein Moment der Wahrheit. Wir hatten eine sehr anstrengende US-Tournee hinter uns. Jede Woche fünf bis sechs Konzerte. Und dann passierte es während des Filmfestivals in Cannes: Ich verlor meine Stimme mitten im Song. Ein Drittel meines Stimmumfangs war einfach weg.

Morgenpost Online : Verändert es die Sicht auf die Welt, wenn einem als Sänger die eigene Stimme plötzlich verloren geht?

Le Bon : Ich bekam es mit der Angst zu tun, dass ich nie wieder würde singen können. Es war furchtbar, ein absoluter Albtraum. Ich zwang mich dazu, ans Essen zu denken, und vergrub mich in die Bücher, die ich mitgenommen hatte, in Science-Fiction, historische Schmöker. Ich habe wohl das getan, was andere Menschen Urlaub nennen. Und nach ein paar Monaten meldete sich schließlich meine Stimme zurück.

Morgenpost Online : Hat sich das Tourneeleben verändert?

Le Bon : Heute geben wir fast täglich Konzerte, während wir früher vielleicht zwei oder drei Konzerte die Woche gegeben haben. Wir müssten einpacken, wenn wir auf unseren Tourneen nicht Gewinne erwirtschaften würden. Die Konzerte haben sich zu unserer Haupteinnahmequelle entwickelt, sie sind zu unserer harten Währung geworden.

Morgenpost Online : Weil jeder Musiker heutzutage viel mehr Geschäftsmann sein muss als früher?

Le Bon : Ja, früher hat es nichts ausgemacht, dass wir uns um nichts gekümmert haben und keine Ahnung vom Geschäft hatten. Es war egal, denn die Platten haben sich ja verkauft. Im schlimmsten Falle hatten Sie anschließend ein Problem mit der Steuer. Aber heute sind Sie verloren, wenn Sie sich als Musiker nicht grundsolide strukturieren. Mag sein, dass damit ein wenig Glamour verschwunden ist, aber es ist so. Dass Duran Duran heute so erfolgreich sind, hat ursächlich damit zu tun, dass wir alle in der Band zugleich und sehr bewusst auch Geschäftsleute sind. Uns kann man – anders als früher – heute nicht mehr so leicht über den Tisch ziehen.

Morgenpost Online : Wie wichtig ist es, einer Erfolgsformel treu zu bleiben?

Le Bon : Na, da bin ich ja mal gespannt auf die Formel.

Morgenpost Online : Was sagen Sie dazu: Duran Duran beziehen sich auf Disco, auf Kraftwerk und auf Andy Warhols Velvet Underground.

Le Bon : Ihre Beschreibung ist absolut zutreffend. Auf unserem aktuellen Album zitieren wir Kraftwerk in dem Song „Blame the Machines“ und The Velvet Underground in „The Man Who Stole a Leopard“. Und auch in der Vergangenheit bezog sich der Pop von Duran Duran wie in einem Setzkasten auf die genannten Künstler oder Stile. Und natürlich sind wir außerdem von Roxy Music, von David Bowie und den Sex Pistols grundiert. Vergessen Sie nicht: Duran Duran begannen 1978 als Punkband. Entscheidend ist immer, dass man seine Vorbilder transzendiert.

Morgenpost Online : Spielt es eine Rolle, dass Sie im Laufe der Jahre etliche der von Ihnen verehrten Protagonisten – Grace Jones, Bob Dylan, Andy Warhol, David Bowie und viele andere mehr – persönlich kennengelernt haben?

Le Bon : Es ist gut, dass es dieses Foto gibt, auf welchem Andy Warhol uns in der Factory fotografiert. Fotos sind wichtig.

Morgenpost Online : Wie war es, Andy Warhol zu begegnen?

Le Bon : Nick Rhodes hat ihn mir 1986, gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk, in einem New Yorker Restaurant vorgestellt. Andy kam zu meinem Tisch und überreichte mir einen kleinen Siebdruck aus seiner „Camouflage Paintings“-Serie. Die Fotosession in der Factory am Union Square folgte kurz darauf.

Morgenpost Online : Wie erklären Sie es sich, dass Andy Warhol Duran Duran liebte – die Presse Ihre Band aber verhöhnte und verspottete?

Le Bon : Wir waren wie Inseln in einem Raum-Gesellschaft-Kontinuum. In Duran Duran manifestierten sich gewisse in der Luft liegende gesellschaftliche Entwicklungen. Wir waren Musiker – und zugleich Fashion. Wir gehörten zu den ersten, die aufwendige Videos für MTV drehten – und wir zelebrierten in Videos wie „Girls on Film“ das exzentrische Dandyleben von Popstars in den Achtzigern. Das konnten und das wollten viele Kritiker damals nicht verstehen.

Morgenpost Online : Vermissen Sie die Achtziger?

Le Bon : Wenn die Achtziger die Party waren, erlebten wir in den Neunzigern den Kater. Und ein weiteres Jahrzehnt später lautet die Analyse: Es geht uns prächtig. Nein, ich vermisse gar nichts.

Morgenpost Online : Matt Groening, der Erfinder der Simpsons , hat in dieser Zeitung einmal gesagt: „Entscheidend an jeder Comicfigur ist ihre Silhouette.“

Le Bon : Eine kluge Feststellung. Aber was hat das mit uns zu tun?

Morgenpost Online : Jeder Protagonist einer Rockband, die ein paar Jahrzehnte durchgehalten hat, ließe sich zu einer Comicfigur stilisieren. Meinen Sie nicht?

Le Bon : Ich kenne diese Theorie, und ich vermute, dass sie stimmt. Es ist ein ganz normaler Medienmechanismus. Sie beginnen als Nobody, und dann richtet sich das Medieninteresse auf Sie. Wenn Sie Glück haben, bleibt dieses Interesse über Jahre oder gar Jahrzehnte bestehen. Mit jedem Artikel in der Zeitschrift verfestigt sich ein Image, das teilweise so groteske Züge annimmt, dass man von einer Karikatur sprechen muss. Sie sind als Berühmtheit gut beraten, wenn Sie eine solche Evolution mit Humor nehmen und das Spiel mitspielen. Und von der Karikatur zur Comicfigur ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. So verstehe ich zumindest die These von Matt Groening.

Morgenpost Online : Sie trennen also zwischen öffentlicher und privater Person?

Le Bon : Unbedingt. Es gibt fast immer die überzeichnete, groteske öffentliche Figur, die uns aus Musikvideos und von Plattencovern anschaut – und einen Privatmenschen dahinter, der noch viel mehr Facetten in seiner Persönlichkeit zu bieten hat.

Morgenpost Online : Viele schrecken aus genau diesem Grund zurück, ihren Helden persönlich zu begegnen.

Le Bon : Ich habe nie ein Problem gehabt, meinen Helden von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Ich erwarte von ihnen gar nichts. Als ich David Bowie zum ersten Mal in New York begegnete, war er total besoffen. Er wollte sich mit mir prügeln. Ich habe es als Ehre empfunden, mir nichts dabei gedacht. Bowie ist nach wie vor ein großer Held für mich. Wir hatten ja dann auch Gelegenheit, in Ruhe miteinander zu sprechen.

Morgenpost Online : Was haben Sie Bowie gesagt?

Le Bon : Dass ich seine Musik und seinen Stil bewundere. Man überschreitet keine Grenze, wenn man jemandem ein Kompliment macht. Man muss es ja nicht übertreiben.