"BZ"-Kulturpreis

Reich-Ranicki - Laudatio auf den Freund und Lehrer

Marcel Reich-Ranicki wurde in Berlin mit dem "BZ"-Kulturpreis geehrt. Morgenpost-Kolumnist Hellmuth Karasek hielt die Laudatio. Es sind die Worte eines Mitstreiters und Freundes.

Foto: dpa / dpa/DPA

Marcel Reich-Ranicki ist einer der letzten Zeugen, die das schlimmste deutsche Verbrechen der deutschen Geschichte, die Ermordung der europäischen Juden, am eigenen Leib erfahren haben. Andere Zeugen, große Literaten wie Reich-Ranicki, der sich sehr zu Unrecht immer nur für einen Kritiker hielt, sind Louis Begley, Ruth Klüger und Imre Kertész. Reichs Autobiografie "Mein Leben" gehört ganz gewiss dazu, sie ist ein großes Stück Zeitgeschichte, ein großes Stück erlebte, durchlittene, erfahrene Literatur.

In dem Buch "Mein Leben" erweist sich Marcel Reich-Ranicki als einer, den die Nazi-Herrschaft in Deutschland erst aus der deutschen Sprache, dem deutschen Bildungssystem vertreiben wollte, und dem sie schließlich auch nach dem nackten Leben trachtete, und der sich kraft der deutschen Sprache, der deutschen Kultur und der deutschen Literatur, und auch ausdrücklich in ihrem Namen, ihrer Zeugenschaft gegen dieses mörderische Unterfangen zur Wehr setzte. Es ist bewegend und ergreifend zu sehen, wie er sich mit der deutschen Kultur und durch die deutsche Kultur rettete. Natürlich hat Reich-Ranicki das Ghetto und den Untergrund in Polen nur überlebt (ein Zeuge neben ihm ist auch der große Filmemacher Roman Polanski), weil der grausige Zufall, der ihn von Berlin und nach Polen verschlug, ihm auch einen Schlupfweg zur Rettung bot. Die Kultur, die Musik, das war es, was den Verzweifelten im Ghetto Überlebenskraft gab.

Großer Vermittler der Literatur

Reich hat überlebt. Neben dem Zufall war es vor allem die Liebe, die ihm seine Frau als schutzbefohlenes einsames Mädchen zuführte. Es war die Musik der Konzerte, die ihm Halt gab, und ganz buchstäblich hat er, als er vor dem Abtransport aus dem Ghetto sich bei einer polnischen Familie versteckte, die für ihn Leib und Leben riskierte, sich durch Literatur am Leben erhalten. In einer Art Scheherazade hat er seinen polnischen Versteckgebern im nächtlichen Dunkel der Ausgangssperren und des Verstecktseins Geschichten aus der Literatur erzählt, zum Zeitvertreib und auch zur Stärkung des inneren Widerstandwillens.

Reich-Ranicki ist ein großer Vermittler der Literatur geblieben. Er wurde zum Praeceptor germaniae, seine Kanzel waren die Feuilletons, erst der "Welt", dann der "Zeit" (wo ich das Glück hatte, auf ihn zu treffen), und schließlich bei der "FAZ". Der Literaturteil, den er in der "FAZ" aufbaute, sucht bis heute seinesgleichen. Und seine Jünger, so möchte man seine Schüler bezeichnen, sind allerorten tätig. Ich nenne da nur Thomas Anz, Frank Schirrmacher, Hubert Spiegel, Uwe Wittstock und Volker Hage. Er, dem die Nazis als Nicht-Arier den Zugang zur deutschen Hochschule versperrten – auch das ein sarkastischer nachträglicher Sieg über die Unmenschlichkeit –, wurde selbst der Lehrer vieler Hochschullehrer. Die Namen in seinem Umfeld von Gebenden und Nehmenden sind Legion. Wenn wir an Eva Demski oder Peter von Matt denken, um nur zwei Namen zu nennen. Die Feuilletons der "Literarischen Welt" unter Rachel Salamander, der Literaturteil des "Spiegel", den Volker Hage betreut, ja auch die Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung" und der "FAZ", sie alle zeugen von seiner prägenden Kraft, sie sind das Gütesiegel der kulturellen Vermittlung. Vom "Literarischen Quartett", bei dem ich ihn von Anfang an begleiten durfte, nur so viel, dass der damalige Bundespräsident Johannes Rau Ende 2001 diese Sendung zum Abschluss in sein Bellevue-Schloss lud und sie als Beispiel dafür rühmte, dass Fernsehen und Literatur eine durchaus fruchtbare Symbiose eingehen können.

Brandmauer gegen die Dummheit

Noch heute erscheint in der "FAZ" am Wochenende seine Frankfurter Anthologie, eine beispiellose Reihe von Gedichten von Walther von der Vogelweide bis Robert Gernhard, mit zeitgenössischen Interpretationen von bleibendem Wert. Hätte Reich-Ranicki nur diese Reihe ins Leben gerufen, er hätte sich um die Literatur bleibende Verdienste erworben.

Daneben hat er eine Herkules-Arbeit auf sich genommen, den Kanon der deutschen Literatur, der von seiner Überzeugung getragen ist, dass man aus der Literatur eine Brandmauer gegen Dummheit, Unwissenheit und Barbarei bauen kann. Ich muss nicht sagen, was Reich-Ranicki für das Verständnis von Thomas Mann, Heinrich Heine, Börne, Böll bedeutet, ich muss auch nur daran erinnern, wie seine Interpretation von Wagners Musikdramen, etwa den "Meistersingern", sie von braunen Schlacken befreit hat. Einer seiner schmalen Bände über Bertold Brecht trägt den Titel "Ungeheuer oben". Gemeint ist die Schlusszeile über die Wolke, die sehr weiß und ungeheuer oben war, und die den jungen Dichter an seine Jugendliebe Marie A. erinnert. Ebenso flüchtig und nachdrücklich wie diese Wolke ist Literatur. Wie eines seiner Bücher heißt, rechnet er sich zu den Anwälten der Literatur, die sie vor der Welt verteidigen. Die Literatur, so wolkenhaft zart sie ist, hält laut Ovid die Tränen der Dinge fest, lacrimae rerum.

Am Freitag spricht mein verehrter, lieber Freund und Lehrer (ich bin inzwischen selbst ein ziemlich betagter Schüler) im Bundestag zum Gedenken an das geplante Genozid-Verbrechen der Nazis, dem er buchstäblich in letzter Sekunde entkommen ist. Auch dazu fällt mir heute aus gegebenem Anlass ein Gedicht von Brecht aus der heißt es: "Das da hätt einmal fast die Welt regiert, Die Völker wurden seiner Herr. Jedoch Ich wollte, dass ihr nicht schon triumphiert: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

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