Berliner Bode-Museum

Christoph Hagel inszeniert den "Figaro"

Mit "Die Hochzeit des Figaro" inszeniert der Berliner Dirigent und Regisseur Christoph Hagel zum ersten Mal einen komischen Stoff im Bode-Museum. Die Oper ist eine Komödie des Sozialen und ein Loblied auf die Frauen.

Foto: M. Lengemann

„Ich habe immer eine Grundidee gehabt und mir dafür einen Regisseur gesucht“, sagt der Dirigent. Originelle Ideen hat Christoph Hagel zweifellos viele, aber mit den Regisseuren wurde es über die Jahre hinweg immer schwieriger. Irgendwann hat er begonnen, die Opern gleich selbst zu inszenieren. Jetzt probt er Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“, die im März im Bode-Museum Premiere haben soll. Mit dem Museum, inklusive der schwierigen Akustik, ist der Berliner bestens vertraut. In der luftig-heilgen Halle hat er bereits mehrere Produktionen gemacht, zuletzt 2010 Mozarts „Titus“.

Hagel ist schon ein Unikat, ein Eigenbrödler unter den Berliner Künstlern. Als Dirigent ist er schwer in eine Schublade zu stecken. Er ist ein bisschen Klassiker, ein bisschen Eventkünstler, der schon mal eine „Zauberflöte“ spektakulär in eine U-Bahn-Station verlegt, und ein Crossover-Dirigent. Ein bisschen Zweifler ist er auch. Und wenn (Selbst-) Zweifel an seinen überbordenden Ideen auftauchen, dann wird er immer laut. Nicht nur im Gespräch beim Erklären seiner Idee, sondern auch in den Produktionen. Es gehört wohl zu seinem künstlerischen Konzept. „Ich frage mich jedes Mal, ob ich etwas furchtbar falsch mache“, sagt der vierschrötige Dirigent und lacht laut auf.

Angefangen hat alles im Jahr 1997 mit einem atemberaubenden „Don Giovanni im E-Werk“. Als Regisseurin hatte er Katharina Thalbach, das Berliner Original, an seiner Seite. Eine sichere Angelegenheit. Seine Grundidee war damals das Körperliche, Begehrende in einer zunehmend körperlosen Umgebung. Das klingt abstrakt, aber das Erspüren von Zeitgeist gehört zu Hagels Größe. Beiläufig hat er mit Mozarts „Don Giovanni“ die Unfassbarkeit des noch neuen Mediums Internet in der Musik aufzuspüren versucht.

Pultmanager der New Economy

Hagel avancierte Ende der Neunzigerjahre schnell zum Pultmanager der künstlerischen New Economy. Frei nach dem Motto: Uns steht die Welt offen – oder zumindest ausgefallene Berliner Spielorte. Und seine privatwirtschaftlich organisierten Opern-Events gefielen dem kulturpolitischen Zeitgeist, der doch permanent die drei großen Opernhäuser als Subventionsfresser infrage stellte. Hagel hat unbeirrt von allem Drumherum sein kleines Ding weiter gemacht. „Und ich werde es solange machen, wie es das Publikum mag und ich meine Musiker bezahlen kann“, sagt er selbstbewusst. Die aufwändigen Opern wie „Aida“, „La Bohème“ oder „Carmen“, Kassenschlager hin oder her, „können wir uns privatwirtschaftlich sowieso nicht leisten.“ Für die Produktionen hat er mit seinem Produzenten Mark Boese eine eigene GmbH gegründet.

Bereits 1998 studierte Hagel mit dem Bühnenmagier George Tabori eine „Zauberflöte“ ein. Große Regisseure werden im hohen Alter gern wieder kindisch und entdecken das Circensische für sich, kurz: diese grandiose Produktion fand in einem Zirkuszelt an der Friedrichstraße statt. Aber von Tabori hat Hagel noch etwas anderes gelernt. Nämlich, dass auf der Bühne möglichst immer das stattfinden sollte, was zuvor unter den Künstlern durchgespielt wurde. Es geht also nicht um die Harmonie bei den Proben, sondern um das Erlernen von Stücken. Das menschliche Miteinander mit all den Zerwürfnissen und Verführungen wird zuerst vom Ensemble hinter der Bühne durchgespielt. „Oper ist eine neurotische Kunst“, glaubt Hagel.

Bei seiner zweiten Produktion im früheren Technotempel E-Werk, wo Hagel 2009 „Cosi fan tutte“ als schrille TV-Kuppelshow mit Alfred Biolek als Moderator inszenierte, hat er die Verlogenheit von inszenierten Oberflächen auf die Bühne gebracht. Das war ziemlich platt, hat dem Publikum aber mehrheitlich Spaß gemacht. Ein ähnlicher Effekt wie bei „Bauer sucht Frau“ oder gerade im Dschungelcamp. Vor allem setzt Hagel zunehmend auf eine Erotisierung der Künste.

Ein Loblied auf die Frauen

Das wird auch bei „Figaros Hochzeit“ wieder so sein. „Es sind junge Leute, und für die ist es ein großes Thema“, sagt er. Im „Figaro“ gäbe es ein Schloss mit elf Leuten, erklärt er, und jeder habe seine Ansprüche gegenüber den anderen. Das führe automatisch zu Intrigen. „Jeder hat sein Projekt“, umschreibt es Hagel. Er versteht den „Figaro“ als eine „Komödie des Sozialen“. Und irgendwann kann er es sich doch nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass jedes Zimmermädchen von Mozarts Susanna lernen könne, wie man sich den Annäherungen mächtiger Männer widersetzt. Und während er es ausspricht, merkt er auch schon, dass es eigentlich ein banales Klischee ist. So leicht lässt sich Mozart nicht aktualisieren, auch wenn das Regisseure immer gerne wollen. Nein, versichert Hagel, seine Inszenierung werde ein Loblied auf die Frauen sein. Es setzt Spott für die Männer. „Hoffentlich ist es wirklich komisch, was ich für komisch halte“, fügt er hinzu. Und lacht auf.

Der gebürtige Biberacher, Jahrgang 1959, hält sich selbst für einen Abenteurer. Er liebe die „Klingelstreiche“, sagt er verschmitzt. Für seine Projekte würde er mal hier und mal dort klingeln. Dort trifft er auf verschiedene Partner. Ständig ist alles anders. Das ist sein Kick. Er lebe in der „Abenteuerstadt Berlin“. Und so richtig sesshaft ist Hagel wohl auch nie geworden. Einmal, unterstützt vom damaligen Kultursenator Peter Radunski, wollte oder sollte er das pleite gegangene Metropol-Theater wieder eröffnen. Er hat sich in der ihm eigenen Besessenheit dafür engagiert. Als das Projekt scheiterte, war er einige Jahre verschwunden. Er kreiste durch Lateinamerika, leitete mehrere Orchester zwischen Argentinien und Kolumbien. Irgendwann war er zurück und zaubert seither ein Projekt nach dem anderen aus dem Hut. Für 2014, zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, plant er etwa Beethovens „Fidelio“ open-air am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel, direkt auf dem früheren Mauerstreifen. Noch ist Hagel auf Klingeltour.

"Die Hochzeit des Figaro" im Bode-Museum, Kupfergraben, Berlin-Mitte: Previews am 13. und 14. März 2012, um 20 Uhr. Premiere am 16. März 2012 um 20 Uhr, weitere Vorstellungen bis 27. Mai. Freitag bis Sonntag, 20 Uhr.

Oper mit Führung durch das Bode-Museum um 18.30 Uhr. Preise: Oper von 59 bis 69 Euro; Kombiticket Oper mit Führung von 72 bis 86 Euro. Tel.: 01805-3953.

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