Neuer Film

Christian Ulmen stellt sich dem "Schulhorror"

Für den Film "Jonas" musste Christian Ulmen noch einmal die Schulbank drücken. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über Lehrer, den Druck auf die Schüler und das Scheitern.

Foto: Delphi Filmverleih

An Christian Ulmen scheiden sich die Geister. Die einen lieben seine drastischen Auftritte, für die er sich so kostümiert, dass man ihn oft nicht erkennt und für die er da hin geht, wo es weh tut. Andere finden eben das grauenhaft und mögen den in Berlin lebenden Schriftsteller, Schauspieler und Entertainer überhaupt nicht. Nun aber hat er etwas getan, wovor bitteschön jeder Respekt haben sollte. Für seinen neuen Film „Jonas“ hat er sich dem Horror Algorithmus und Co. erneut gestellt. Auf jung geschminkt und mit entsprechender Problem-Biografie als mehrfacher Sitzenbleiber ist er mit einem kleinen Filmteam für sechs Wochen in die Paul-Dessau-Gesamtschule Zeuthen gegangen.

Morgenpost Online: Was fällt zuerst auf, wenn man nach beinahe 20 Jahren wieder einen Schulraum betritt?

Christian Ulmen: Ehrlich gesagt, dass sich scheinbar überhaupt nichts verändert hat. Es riecht noch genau so. Die Lehrer machen dieselben doofen Witze wie früher. Es war wirklich so, als hätte ich mich in eine Zeitmaschine gesetzt und wäre zurück gereist.

Morgenpost Online: Irgendwie schön, aber auch gruselig, oder?

Ulmen: Na ja, es haben sich schon ein paar Dinge verändert. Aber nicht unbedingt zum Guten. Ich hatte das Gefühl, dass die Angst größer geworden ist. Wir hatten früher auch Angst vor einer 6, also ich hatte Angst, auch davor sitzenzubleiben oder blamiert zu werden. Da gab es permanent Druck. Was ich aber nie hatte, das war Angst vor der Zukunft. Ich war immer optimistisch, dass nach der Schule alles besser werden würde.

Morgenpost Online: Hier wird den Schülern bei der Vorbereitung einer Arbeit die Frage gestellt, was aus Deutschland werden soll, wenn sie scheitern.

Ulmen: Exakt. Das fand ich so absurd! Von einer verhauenen Chemiearbeit hängt die Zukunft eines Landes ab. Diesen Satz hätte man in jedem Spielfilm herausgestrichen, weil man ihn übertrieben gefunden hätte. Aber bei „Jonas“ haben die Lehrer das gesagt, was sie auch ohne Kamera und mich sagen würden. Wenn man seinen Schülern so einen Druck macht, dann ist das wirklich eine neue Qualität. Ich stelle auch bei Jugendlichen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis fest, dass sie total viel durchpowern müssen. Sie müssen noch Latein belegen, weil sie Arzt werden wollen. So eine direkte Auswirkung der aktuellen Schulsituation auf das spätere Leben, die habe ich früher nicht gespürt.

Morgenpost Online: Wie blickt man als 36-jähriger Mann auf die Lehrer da vorn, die zum Teil nur wenig älter sind?

Ulmen: Klingt zwar platt, aber ich habe etwas festgestellt, dass mir früher als Schüler nicht so ganz klar war: Lehrer sind auch Menschen. Für mich waren das immer die Typen mit zuviel Macht über mein Leben. Die konnten mich benoten, mir eine 6 geben. Und ich spürte so manches Mal, dass das nicht neutral geschieht, sondern dass Lehrer nach Sympathie und Antipathie entschieden. Und hier bei „Jonas“ habe ich Menschen wie die Religionslehrerin erlebt, die nach Hause geht und tief betroffen ist, dass die Schüler ihren Unterricht nicht mögen. Diesen zutiefst menschlichen Aspekt habe ich früher bei Lehrern nie gesehen. Wenn ich sie gemocht habe, dann waren sie höchstens brillante Motivatoren.

Morgenpost Online: Nach den Erfahrungen Ihrer Schulzeit und den Dreharbeiten nun an der Paul-Dessau-Schule. Wo genau verläuft denn jetzt die Linie zwischen guten und schlechten Lehrern?

Ulmen: Wenn ich jemanden sehe, der morgens schon ungekämmt in den Klassenraum kommt und wenn er sich bückt und dann das Bauarbeiter-Dekollete sichtbar wird, wenn er mir mit jedem Blick signalisiert, dass er keine Lust auf seine Arbeit hat, dann verliere auch ich die Lust und dann bezeichne ich den Lehrer als schlecht. Ein guter Lehrer muss auch immer ein bisschen ein Robinson-Club-Animateur sein. Ein gebildeter aber, wohlweislich.

Morgenpost Online: Wenn Sie im Matheunterricht an die Tafel gerufen werden, dann glaubt man Ihnen sofort, dass Sie keinen Schimmer vom Algorithmus haben. Wie schnell war der Horror Mathe wieder präsent?

Ulmen: Sofort. Aber nicht nur Mathe. Es war – sobald ich die Schule in der Maske von Jonas betrat – augenblicklich dieses Gefühl wieder da. Wenn die Pausenglocke geschrillt hat, war im selben Moment das Gefühl der Ohmacht wieder da.

Morgenpost Online: Obwohl Sie jederzeit das Experiment hätten beenden können.

Ulmen: Nein, das kommt nicht in Frage. Wenn ich mich entscheide, zu Jonas zu werden, wenn ich die ganze Energie in dieses Projekt gesteckt habe, dann bleibe ich in meiner Rolle. Und dass der Schulhorror, den Jonas erlebt, auch auf mich durchschlägt, damit muss ich leben.

Morgenpost Online: Wie genau sah die Absprache mit der Schule aus?

Ulmen: Der Schulleitung mussten wir natürlich sagen, was wir machen wollen. Aber dann sollten sie nach Möglichkeit den ganz normalen Unterricht machen. Und vor allem Jonas als normalen Schüler betrachten.

Morgenpost Online: Es kommt ja nun nicht jeden Tag ein neuer Schüler in die Klasse, der wie Christian Ulmen aussieht und von Kameras begleitet wird.

Ulmen: Kann sein, aber Christian war nicht dabei. Wenn ich ständig aus meiner Rolle herausschlüpfen würde, wäre das viel zu anstrengend gewesen. Nein, keiner der Mitschüler hat je Christian zu mir gesagt. Und es gab einige Leute, wie der Kiosk-Besitzer, die hatten beim Drehen keine Ahnung, wer sich hinter Jonas verbirgt.

Morgenpost Online: Wie war es am letzten Tag? Haben Sie da die Maske abgenommen?

Ulmen: Nein, es gab auch keinen Kontakt mehr hinterher. Hier ist es so, dass Jonas aus dem Leben der Klasse vielleicht wieder verschwunden ist. Und Christian Ulmen, wie schon gesagt, hatte mit dem ganzen nichts zu tun.