Skurrile Kunstausstellung

500 Jahre Hühnertod und Muschelporno

Hängende Vögel, wollüstige Meereswesen: Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt gemalte tote Tiere. Die Bilder warnen vor ungehemmter Fleischeslust.

Es ist ein Unterschied, ob man einen toten Vogel am Kopf oder an den Füßen aufhängt. Hängt er am Kopf, glättet die Schwerkraft das Gefieder. Hängt er an den Füßen, spreizt sie es auf. Maler, die ihre Virtuosität vorführen wollen, bevorzugen an den Füßen aufgehängte Vögel.

Das gibt Gelegenheit, bis in die feinsten Verästelungen der Federn vorzudringen und mit aller nur denkbaren technischen Raffinesse von Licht- und Schatteneffekten die gesamte Struktur des Gefieders herauszuarbeiten.

Geht man durch die Karlsruher Schau über Tierstillleben von der Renaissance bis zur Moderne, verfestigt sich von Ausstellungsraum zu Ausstellungsraum der Eindruck, dass die Malkunst, die handwerkliche Perfektion, die Lust, der Natur mehr als ebenbürtig zu sein, sich nirgendwo grandioser feierten als bei der Darstellung toter Vögel, in Sonderheit solcher, die kopfunter an den Füßen hängen – der Faltenwurf von Gewändern etwa ist im Vergleich dazu geradezu langweilig.

Fotografien zeigen unterschiedliche Federn-Arten

Daraus könnte sich ganz nebenbei ein neuer Blick auf das Werk von Georg Baselitz ergeben. Doch der ist in der Karlsruher Schau nicht vertreten, obwohl sein stürzender Adler durchaus auch in die Motivgeschichte eingeordnet werden könnte, die in der Staatlichen Kunsthalle mit Dürers Aquarell-Studie einer am Schnabel aufgehängten Tafelente beginnt und mit Robert Mapplethorpes Fotografie eines an den Füßen aufgehängten Fasans endet, den vor dunklem Hintergrund eine stark fokussierte Lichtquelle herausmodelliert.

Wie in einem Lehrbuch zeigt die Fotografie, welche Arten von Federn solch ein Vogel hat. Der Fotograf zieht die Summe all dessen, worauf es den großen und kleineren Meistern der Vogelmalerei in einem halben Jahrtausend ankam.

„Dann wahrhaftig steckt die kunst inn der natur, wer sie herauß kann reyssen, der hat sie“, schrieb Albrecht Dürer und formulierte damit das Programm seiner Naturstudien, von denen die Ente eine der weniger bekannten ist. Sie ist noch kein Stillleben, noch kein kunstvolles Arrangement „toter“ Gegenstände zu einer Gesamtkomposition. Aber sie ist es fast schon. Aufgetragen auf ein schlichtes Stück Pergament, wirft die Ente immerhin einen Schatten, und auch den Nagel, an dem sie an einer durch die Nasenöffnungen am Schnabel gezogenen Schnur aufgehängt ist, hat Dürer angedeutet.

Karlsruhe erschafft das Genre des Tierstillebens

Fast ein Jahrhundert später hängt Hans Hoffmann, ein Vertreter der sogenannten Dürer-Renaissance, eine Blauracke an einen Nagel – und bezieht sich dabei auf Blauracken-Studien des Meisters –, doch der Nagel ist groß und ragt in den Raum, und der Hintergrund ist nicht nur rohes Pergament, sondern gemalt.

In zwei kleinen Formaten erlebt man in Karlsruhe so die Geburt eines neuen Genres, des Genres des Tierstilllebens, das nie zu den großen Fächern gehörte wie die Historienmalerei oder die Darstellung mythologischer Szenen, aber die Geschichte der Malerei in verblüffender Verdichtung erscheinen lässt, wenn man sie denn nur einmal als Erzählung zusammenfügt.

Das ist in Karlsruhe zum ersten Mal geschehen, und man fragt sich, warum bisher noch niemand auf diese einfache, aber durch das bloße Hinschauen überzeugende Idee gekommen ist. Ist es wirklich so – manche Katalogtexte suggerieren das–, dass der zeitgenössische Betrachter Schwierigkeiten hat, sich gemalte tote Tiere anzuschauen? Zeitgenössische Kochbücher sprechen eine andere Sprache. Ein toter Fasan ist zum Glück immer noch nicht zuallererst ein moralisches Problem.

Bilder warnen vor Fleischeslust

Nicht dass es in dieser Ausstellung nicht auch um Moral ginge. Gerade in den Anfängen des Genres Tierstillleben im 16. Jahrhundert begegnet uns ein lustvoller Moralismus. Die Warnungen vor der Fleischeslust sind so drastisch, dass ein Liebhaber subtiler Pornografie voll auf seine Kosten kommt.

In Karlsruhe ist ein ganzes Ausstellungskapitel dem Thema „Frühe Markt- und Küchenstücke“ gewidmet. Schreitet man diese Bilder ab, bedauert man, dass man nicht im Antwerpen des 16. Jahrhunderts gelebt hat, als Peter Aertsen und sein Schüler Joachim Beuckelaer Sittenstrenge und Gottesfurcht propagierten, indem sie die Sünde darstellten, wie man sie sündhafter nicht darstellen kann.

Naturgemäß spielen Fische, Muscheln und vor allem leuchtend rote Lachsscheiben, durch die Fischhändler anzüglich ihren Finger stecken können, dabei eine herausragende Rolle. Bei Beuckelaer geht ein Geflügelhändler einer Marktfrau auch ganz handgreiflich an die Wäsche. Die schaut schräg aus dem Bild den Betrachter an und lüpft den Rock, um das Wärme spendende Stövchen darunterzuschieben.

Die Idee in Karlsruhe ist simpel, aber grandios

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der deutschen, niederländischen und französischen Malerei. Die Höhepunkte bieten, wie sollte es anders sein, die flämische und niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Dieses Goldene Zeitalter setzte in Sachen Tierstillleben die Maßstäbe. Hängende Vögel mit komplizierten Federn malten auch Manet, Courbet, Segantini, Ensor, Corinth, Kirchner – wobei bei Letzterem die Ermüdung am Vorbild der Natur erkennbar und der Wille zum rhythmischen Spiel mit der Farbe offensichtlich ist.

Doch sein „Stillleben mit Brandgans und Watvögeln“ ist Dürers Ente immer noch näher als allem anderen. Woraus man doch eines wieder sehen kann: dass nämlich die permanente Revolution der Kunst ein Widerlager im immer Gleichen hat. Und dass das in der Darstellung toter Tiere vielleicht sinnfälliger wird als anderswo, sollte vielleicht als Hinweis darauf gelesen werden, dass hier eine anthropologische Konstante den Pinsel führt. Mehr als 120 Stücke bietet die Ausstellung, davon rund 90 hochkarätige Leihgaben.

Der opulente Katalog stellt dieses flüchtige wie Beispiel gebende Ereignis auf Dauer. Man kann sich von Förstern und Fischern durch die Schau führen lassen, und auch sonst ist alles aufgeboten, was museumspädagogischer Standard ist. Das Entscheidende aber ist, dass die in Karlsruhe einfach eine simpel-grandiose Idee hatten.

Staatliche Kunsthalle Karslruhe, Ausstellung bis 19. Februar 2012