Ausstellung

London entdeckt da Vinci als ersten Maler der Seele

Mehr Leonardo war nie: Die National Gallery in London versammelt mehr als die Hälfte seines malerischen Gesamtwerks in einer spektakulären Schau.

Kaum hatte die Pressedame im grünen Kleid das Absperrband entfernt, startete der Pulk durch in Richtung Raum Nummer 5. Die großartige "Dame mit Hermelin", die vor einigen Tagen in Berlin noch Tausende von Abschiedsbesuchern ins Bode-Museum auf der Museumsinsel gezogen hat, ließ man ebenso links liegen wie die "Belle Ferronnière" aus dem Louvre und die "Madonna Litta" aus der Petersburger Eremitage.

Ziel des medialen Rennens um den ersten Blick war ein etwa lebensgroßes Kopfporträt in schwarzem Renaissancerahmen mit Goldornamenten. Das wieder entdeckte Christusbildnis als "Salvator Mundi" hatte im Sommer Schlagzeilen gemacht, als ein internationales Expertenkomitee die stark restaurierte Holztafel als authentisches Werk von der Hand Leonardo da Vincis anerkannte. Nicht alle Fachleute stimmen dieser Zuschreibung vorbehaltlos zu.

Seit wenigen Tagen hängt das Gemälde nun ganz selbstverständlich in der atemberaubenden Leonardo-Ausstellung, die Kurator Luke Syson für die National Gallery in London zusammengestellt hat. Rechts und links flankieren den neuesten Leonardo zwei mit Rötel gezeichnete Gewandstudien auf ockerfarbenem Papier aus dem Besitz von Queen Elizabeth II.

"Mona Lisa" reist nicht mehr

Gegenüber ist die "Madonna mit der Spindel" zu sehen, um deren Eigenhändigkeit es ebenfalls eine Expertenkontroverse gibt. An der Stirnseite hängt der großformatige Karton mit der Vorzeichnung für die "Anna selbdritt", die sich heute im Louvre befindet, aber wie die "Mona Lisa" und das "Letzte Abendmahl" nicht mehr reist.

Er wolle nicht mehr eine Blockbuster-Ausstellung an die nächste reihen, hatte Nicholas Penny verkündet, als er vor drei Jahren die Leitung der National Gallery übernahm. Und tut nun trotzdem genau das. Neun Gemälde – und damit mehr als die Hälfte des malerischen Gesamtwerks – sind im Untergeschoss des Sainsbury Wing am Trafalgar Square zu sehen. Und schon am ersten Tag standen die Besucher Schlange.

Eine solche Vielzahl des bedeutendsten Künstlers der Renaissance zu versammeln, ist allein schon eine Leistung. So viele vollendete Werke des Italieners wird es wahrscheinlich niemals wieder an einem Ort zu sehen geben. Bemalte Holztafeln, wie Leonardo sie verwendete, sind restauratorisch häufig noch delikater als Leinwände, denn Holzfasern bewegen sich auch nach Jahrhunderten noch, wenn sich das Klima verändert.

Raum 5 mit dem "Salvator Mundi" aber zeigt, worum es den in London Verantwortlichen tatsächlich geht. Sie kokettieren nicht mit dem, was ihnen gelungen ist. Stattdessen konzentrierten sich Kurator Syson und sein Team aufs kunsthistorische Handwerk. Ihre Ausstellung hat ein Konzept und ein zentrales Thema, in das präzise Raumtexte und knappe, aber informative Tafeln neben den einzelnen Werken die rund 60 Zeichnungen und Gemälde und die ebenfalls gezeigten Werke von Zeitgenossen einordnen.

Die Ausstellung konzentriert sich auf jene zwei Jahrzehnte in den 1480er- und 1490er-Jahren, in denen Leonardo da Vinci am Hof von Herzog Ludovico Maria Sforza, dem "Dunklen" ("Il Moro"), tätig war. Sie zeigt damit Leonardos Existenz zwischen Auftragskunst und freien Interessen.

Zum ersten Mal durfte dafür das "Bildnis eines Musikers" Italien verlassen. Als erstes Werk der Ausstellung belegt es bereits Leonardos revolutionär moderne Bildauffassung. Später griff er sie in den beiden, in London im gleichen Raum gezeigten mutmaßlichen Mätressendarstellungen der "Dame mit dem Hermelin" und der nun wieder ganz Leonardo zugeschriebenen Dame in rotem Kleid wieder auf. Durch die Rückdatierung in die Mailänder Zeit kann die Dame in Rot allerdings kaum mehr die aus Frankreich stammende schöne Madame Férron ("La Belle Ferronnière") sein.

Erste Menschendarstellungen der Moderne

Alle drei sind nicht mehr im klassischen Profil dargestellt, wie es im konservativen Mailand auch noch der in Kulturdingen durchaus progressivere Ludovico Sforza für seine Herrscherdarstellung bevorzugte. Leonardo, der selbst zahlreiche in London gezeigte Profile zeichnete, entschied sich bei den Gemälden für das Dreiviertelporträt, das den Blick ins Gesicht und damit zum ersten Mal auch auf die Gefühle hinter der Stirn erlaubte.

In London sind damit drei der ersten, teilweise noch etwas ungelenken Menschendarstellungen der Moderne zu sehen. Sie schreiben den Gemalten neben der bloßen Existenz und gesellschaftlichen Rolle auch eine Seele zu und geben nicht mehr nur das optisch Sichtbare wieder.

Auf diesen fulminanten Auftakt folgen Räume, die an einzelnen Werken Leonardos unvergleichliches Können und seine nie endende Suche nach dem Neuen belegen. Dem aus unbekannten Gründen unvollendet gebliebenen Ganzkörperbild des Heiligen Hieronymus (1488-90) mit Löwen gehen unzählige anatomische Studien von Köpfen, Schädeln mit drei von Leonardo erfundenen Hirnhöhlen, Gliedmaßen und Muskeln voraus, die allerdings in ihrer souveränen Leichtigkeit mehr als bloße Vorbereitungsblätter sind.

Zusätzliche Heiligenscheine

Leonardos Befassung mit der natürlichen Landschaft fand ebenfalls Eingang in die zwei monumentalen Fassungen der "Felsgrottenmadonna" aus dem Louvre und der National Gallery, die sich in London direkt gegenüber hängen. Zwischen beiden Bildern liegen rund sechs Jahre, in denen Leonardo mit der beauftragenden "Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis" in Mailand um die Interpretation des Motivs und die Bezahlung stritt. Erst die zweite Fassung mit veränderten Positionen und zusätzlichen Heiligenscheinen akzeptierten die kirchlichen Auftraggeber.

Dieses Bild, das heute der National Gallery in London gehört, wurde vor zwei Jahren gereinigt und wirkt entsprechend frisch; die Erstversion des Louvre nicht. Ihre direkte Gegenüberstellung lässt deshalb auch Rückschlüsse darauf zu, wie im Laufe der Jahrhunderte die Alterung seiner Bilder die Leonardo-Rezeption verfälscht haben könnte.

Weltenretter mit ausdruckslosem Gesicht

Die Londoner Schau vermittelt in den dunklen, fensterlosen Räumen der Nationalgalerie neben dem Blick auf seine Bilder auch viel Wissen über Leonardo. Vorbereitende und ergänzende Studien zeichnen das umfassende Bild eines großen Künstlers, der in den vergangenen Jahren vielleicht vor allem wegen der schlechten Verfügbarkeit seiner Bilder weniger als Maler denn als Gelehrter und Forscher und Erfinder und Zeichner wahrgenommen worden ist.

Luke Syson und seine Kuratorenkollegen rücken dieses Bild wieder zurecht. Auch sie lassen aber Fragen offen: Warum ist die zweite Fassung der "Madonna mit der Spindel" aus New Yorker Privatbesitz nicht zu sehen, die einigen Kennern besser scheint als jene in London gezeigte aus Drumlanrig Castle? Warum stammen die Gewandstudien zum neuen "Salvator Mundi"-Bild, von denen mindestens eine nicht der Linkshänder Leonardo allein gezeichnet haben kann, nicht mit der Kleidung auf dem Gemälde überein?

Und würde dieser Maler den Weltenretter mit solch ausdruckslosem Gesicht wiedergegeben haben? Bei einem Symposium sollen diese Fragen von Forschern geklärt werden. Entgegen sonstigen Gepflogenheiten finden die "Study days" diesmal nicht zu Beginn, sondern nach Ende der Ausstellung statt. Dann kann man keinen unechten Leonardo mehr abhängen.

"Leonardo da Vinci: Painter at the Court of Milan", National Gallery, London, bis 4. Februar