Ritual

Der Weihnachtsmann ist eine westliche Kultfigur

Nicht denken, schenken: Einmal im Jahr reden die Erwachsenen ihren Kindern die Existenz von Geistern und Göttern ein, an die sie selbst nicht glauben.

Foto: Peter Essick /Aurora/laif / Peter Essick /Aurora/laif/laif

Um Weihnachten kommt man nicht herum. Wer aus der deutschen Mainstream-Gesellschaft stammt, wird, auch wenn er das Fest nicht feiert, in den Weihnachtstagen oft das Gefühl haben, jetzt etwas Besonderes zu erleben.

Und Menschen, die sich auf andere kulturelle Traditionen berufen und darum Weihnachten nicht feiern, könnten sich angesichts der geschäftigen, rein familiär bezogenen Innerlichkeit ihrer Mitmenschen in den Weihnachtstagen zu Tode langweilen. Rätselhaftes Weihnachten, wo Milliarden von Erwachsenen der westlichen Welt damit beschäftigt sind, ihren Kindern die Existenz von Geistern und Göttern einzureden, die es aus ihrer Sicht nicht gibt! Warum tun wir das?

Das Schenken steht im Mittelpunkt

Fangen wir bei dem Kern an, den jede Form von Folklore aufzuweisen hat, beim Ritual oder auch beim Objekt, bei der Sache selbst, beim Geschenk , beim hübsch mit Schleifen und prächtigen Papieren verpackten Geschenk. Im Prinzip geht es um das Wünschen und um das Schenken.

Weihnachtspostämter und rotberockte Schauspieler in Einkaufspassagen kurbeln das Wünschen der Kinder weiter an, zentrieren es auf den Akt des Schenkens: Die Verpackungen der Geschenke wie die Figur des Gaben bringenden Weihnachtsmanns machen das Schenken zu etwas Besonderem, markieren diesen Moment.

Das Schenken kann dabei wichtiger werden als das Geschenk. Vielleicht breiten sich deshalb Jahresabschluss- und Neujahrspartys mit Bommelmützen, Weihnachtsbäumen und Geschenketausch seit dem Jahre 2000 verstärkt in Ländern wie der Türkei, China und Indien aus.

Hier tritt das Motiv des Jahresabschlusses hervor. Weltweit wird heute besonders zu Weihnachten vor Formen der Korruption durch Geschäftgeschenke gewarnt, die zum Ende des Jahres in santaclausiger Verzierung überreicht werden: geheimnisvoll verpackte Umschläge, die man nicht ablehnen kann.

Doch das Wünschen und die durch Verpackungen anonymisierten Geschenke haben noch eine andere Dimension. Das Schenken darf nur zu einem bestimmten Termin stattfinden, in einem festgeschriebenen Moment, und muss doch zugleich eine Überraschung sein, so viel ist vom 24.12. zumindest in den Kernländern des Westens geblieben.

Diese Überraschung wird allen gleichzeitig offenbar, und den kleineren Kindern versucht man dabei einzureden, dass die Geschenke gar nicht von den zuhandenen Erwachsenen kommen, sondern vom Christkind, vom Weihnachtsmann, aus der Zwergenfabrik am Nordpol oder aus dem Himmel.

Viele geben, ohne eine Gegengabe zu erwarten

Auf der einen Seite haben wir also die geschäftige Markierung von Jahresabschlüssen, bei denen nur allzu deutlich werden soll, wer einem da heimlich oder öffentlich eine Gabe macht – auf der anderen Seite haben wir eine Kultur der Gegenseitigkeit, bei der die Urheberschaft der Gebenden bis zur Unkenntlichkeit verwischt wird. Die Kinder werden durch die vorgespiegelten Gabenbringer erst einmal entlastet, noch sollen sie ihre Zukunft als Feld der Selbstgestaltung erleben, nicht als Schuld.

Man kann lange hin und her argumentieren, ob das nun eine Illusion ist, mit der man den Kindern erst einmal Optimismus einflößt, oder ob es ein Ausdruck des Altruismus von Eltern ist, die bereit sind, sich für die Zukunft ihrer Kinder zu opfern.

Im Spiel von langem Leben und schnellem Tod fallen die Würfel mal zur einen, mal zur anderen Seite. Paradoxerweise entstehen gerade so die Schuld und damit der Wunsch, den „Geist der Gabe“ (Marcel Mauss) weiter zu entfalten, also selbst zu geben, ohne die Erwartung einer direkten Gegengabe.

Der Weihnachtsmann ist eine westliche Kultfigur

Wahrscheinlich ist dieses Ritual so wichtig und so wirksam, weil es zwischen Altruismus und Egoismus funktioniert, genau so, wie der Weihnachtsmann als westliche Kultfigur offensichtlich ein Warenfetisch ist und zugleich ein Symbol der Liebe unter den Menschen.

Der eurasische Winter mit all seinen Gefahren vom Eis bis zur Grippe und mit der Wintersonnenwende zum Guten hat die Entwicklung und jahreszeitliche Zentrierung der ambivalenten Gabenkultur wohl schon sehr lange angetrieben.

Doch auch in der ewig sommerlichen Südsee, wo selbst bei einfachsten Anbaumethoden mehrere Ernten im Jahr möglich sind, wird gegeben, und nicht zu knapp. Als Bronislaw Malinowski, der Begründer der modernen Ethnologie, während des Ersten Weltkriegs als Verbannter der Briten auf den Trobriand-Inseln (bei Papua-Neuguinea) forschte, entfaltete sich ihm die Kultur der dort lebenden Gartenbauern als Netzwerk von Geben und Nehmen.

Auf den Trobriand-Inseln heißt vertrauen: geben

In einer uns Westlern noch heute kurios erscheinenden Form der Genealogie rechnen die Trobriand-Massim nur die Menschen zu den Verwandten, die „aus einem Mutterleib stammen“. Brüder ernähren, beschenken darum ihre Schwestern und richten vor den Augen der „Familienväter“ (die derweil mit Ähnlichem für ihre Schwestern beschäftigt sind) prachtvoll aufgeputzte, übertrieben reich bestückte Vorratsspeicher mit Yamswurzeln für ihre Schwestern her.

Massim-Männer schmücken sich im Übrigen gerne wie Paradiesvögel. Bei Haarausfall helfen sie hemmungslos mit wunderbaren papuafrisierten Perücken nach und belohnen jeden, der sie dafür lobt, mit einer Gabe aus berauschender Betelnuss.

Die Insel wurde im Laufe der Jahrzehnte von mindestens zwei Dutzend weiteren Ethnologen besucht, welche die grundlegende Orientierung auf eine vertrauensbasierte Kultur des Gebens immer wieder bestätigt haben, allen Modernisierungen zum Trotz. Im Gegenteil, immer mehr Formen der Freigebigkeit kamen zutage.

Sogar Kleider werden ausgetauscht

Die Ethnologin Annette Weiner beobachtete 50 Jahre nach Malinowski, was ihrem leicht männerfixierten Vorgänger nicht aufgefallen war: Wenn ein oder eine Trobriand-Massim stirbt, bemühen sich die Frauen aus den anhängenden Gruppen von mütterlich oder nur durch Heirat miteinander verbundenen Verwandten, ihre Beziehungen jetzt erst recht zu intensivieren.

Sie tauschen aber nicht Nahrung, wie die Männer, sondern Kleider. Aus den 70er-Jahren ist dazu ein ethnografischer Film überliefert. Man sieht, wie Massim-Frauen mit wütendem Gesichtsausdruck kostbare, in mühevoller Handarbeit gefertigte Röcke vor die Füße ihrer Gäste werfen.

Schenken ist eben nie ganz altruistisch, aber auch nie ganz berechnend, sondern ein offener Wechsel auf die Zukunft. Der Tod, der Gedanke an die endlose Folge der Generationen, die Erinnerungen an die Toten treiben das Schenken an.

Tote mahnen zu Großzügigkeit

Geschenke aus dem Totenreich, Geschenke an die Nachgeborenen – hier setzte auch die Analyse französischer Weihnachtskulte an, die einer der größten Anthropologen des 20. Jahrhunderts , Claude Lévi-Strauss, Anfang der 50er-Jahre seinen noch widerstrebend amerikanisierten Landsleuten vorgesetzt hat. Er kommentierte die theatralische „Hinrichtung“ eines konsumkritisch verurteilten Weihnachtsmannes durch Vertreter der katholischen Kirche in Dijon.

Lévi-Strauss argumentierte in seinem Essay über den „hingerichteten Weihnachtsmann“, dass durch diese Verbrennung gerade der wahre Kern des Kultes angesprochen und bestätigt wird. Die Geschenke, die der hingerichtete und wiederauferstandene Weihnachtsmann bringt, kommen aus großer Ferne.

Sie kommen aus der seit ein oder zwei Millionen Jahren gewebten Kette der Toten und der Lebenden, in der auch „wir“ jeweils stehen und das Menschsein an unsere Kinder und Kindeskinder weitergeben. Jedes Jahr kehren die Toten in die Gesellschaft ein und bedrängen uns mit ihren Geschenken, mahnen zu Solidarität und Großzügigkeit, um dann wieder im Nichts zu verschwinden, zu sterben, und sei es in der Form einer Hinrichtung.

Ohne den Weihnachtsmann gäbe es keinen Glauben

Das hat mit der großen Geschichtsmythologie des Christentums nichts zu tun, ist aber auch nicht gegen sie gerichtet, denn man kann es ja auch so sehen, dass der Christ jedes (Kirchen-)Jahr wieder hingerichtet wird und aufersteht. Alle großen Geschichtsentwürfe und Weltreligionen haben mit der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu kämpfen. Neben der großen Geschichte bestimmt es unser kleines Menschsein.

Und, natürlich, ja, es gibt einen Weihnachtsmann – so hat es schon im Jahre 1897 Francis Pharcellus Church in der „New York Sun“ formuliert, in seiner legendären, wieder und wieder nachgedruckten Antwort auf eine briefliche Anfrage der achtjährigen Virginia O’Hanlon . Virginia wollte wissen, ob es einen Weihnachtsmann gibt, denn wenn die Antwort in der Zeitung steht, wird sie wahr sein. Church antwortete:

„Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiss wie die Liebe und die Großherzigkeit und die Treue. Und Du weißt ja, dass es all das gibt, und deshalb kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Sie wäre so dunkel, als gäbe es keine Virginia. Es gäbe keinen Glauben, keine Poesie – gar nichts, was das Leben erst erträglich machte.“