"Do it yourself"

Der Weihnachtsbaum als Laubsäge-Arbeit

"Cool" und "kreativ": Alternative Weihnachtsmärkte setzen auf den Trend zum Selbermachen. Doch statt Revolutionäres gibt's Nippes. Und Glühwein.

Foto: André Gohlke

Eine Schlange von Berlin-Mitte-Menschen wartet vor dem Alten Postfuhramt in Berlin-Mitte in der Dämmerung. So viele wollen heute in die Fotoausstellung von C/O Berlin? Oder doch in den Klub "Department"? Zumindest steht da so eine Art Türsteher, innen ist eine Kasse, der Eintritt kostet drei Euro. House-Beats dröhnen im heruntergekommenen Treppenhaus, es führt in einen dunklen Flur im ersten Stock.

Am späten Sonntagnachmittag ist es überfüllt wie in einer gut besuchten Klubnacht. Nein, das ist kein Bericht aus dem Bootcamp der After-Hour-Fraktion, sondern aus einer anderen Nahkampfzone: Dem Weihnachtsmarkt. Der heißt jetzt zum Beispiel "Holy.Shit.Shopping", "boutique m.unique" in München, "designachten" in Hannover oder eben, wie im Alten Postfuhramt, "Weihnachtsrodeo".

Es ist voll und riecht nach Glühwein – da hören die Gemeinsamkeiten mit traditionellen Weihnachtsmärkten schon auf: Das Publikum besteht hauptsächlich aus jungen Erwachsenen. Und jungen Eltern, die gar nicht mehr so jung sind, plus deren ambitioniert ausstaffierten Nachwuchs. Die Menge schiebt sich vorbei an siebbedruckten T-Shirts, Windlichtern aus Stadtplänen, Stadtansichten (im Farbton der zurzeit allgegenwärtige Patina).

Ein Stand bietet eine "Apfeltasche", so heißt eine Laptophülle, entweder in Senfgelb gestrickt oder genäht mit einem Innenleben aus rot-weißem Bettwäsche-Karo für knapp 90 Euro. Es gibt Babystrampler mit aufgenähter Schleife ("Jedes Kind ist ein Geschenk") oder solche mit aufgedrucktem Kopfhörer.

Außerdem: Lesezeichen mit Tieren, selbst gebastelter Origami-Schmuck, Ketten mit Blättern aus Gold sowie "Hauptstadthonig", vermutlich aus den Lindenblüten der Hauptverkehrsstraßen. DJs legen Vinyl auf, Trendgetränke sind im Angebot, ebenso wie "Streetart" fürs Wohnzimmer und Motivkettchen mit Amsel, Blatt und Eule.

Symbol gegen Konsumterror

Die Veranstaltungen versprechen "Geschenke, die nicht unter jedem x-beliebigen Weihnachtsbaum liegen", solche, die "cool" sind und "kreativ", so steht es zum Beispiel auf der Internetseite von berlin.de. Obwohl die Märkte also primär Distinktion verkaufen wollen, sieht das Angebot doch fast identisch aus: Hier mal ein aufgedruckter Vogel, dort ein Kreis, da Schmuck aus Altem und Neuem oder eine ganz nette Typografie.

Hauptsache, alles selbst gemacht. DIY, Do it yourself oder Selbermachen – die Bewegung entstand in den Fünfzigerjahren aus einer Mischung aus finanzieller Notwendigkeit und Lust an der schöpferischen Tätigkeit. In den Siebzigern eignete sich die Subkultur des Punk dann DIY an: Das Selbermachen avancierte zum Symbol gegen Konsumterror und für Individualität. Trümmerfrauen, Independent-Plattenlabel, Wikipedia: alles DIY.

Seit ein paar Jahren gilt es wieder als schick, T-Shirts mit Siebdruck zu verzieren, Jacken zu nähen und Marmelade einzukochen: Es gibt das "Cut"-Magazin aus München mit dem Untertitel "Leute machen Kleider", Strick-Partys mit Elektro-Untermalung und Läden wie "La Bastelleria" in Berlin, eine Art Co-Working-Space für die Freizeit.

Derzeit läuft noch bis zum kommenden Februar im Frankfurter Museum für Kommunikation die Ausstellung "DIY – Die Mitmach-Revolution" . Revolutionär muten die Weihnachtsmärkte, die gern das Präfix "alternativ" tragen, kaum an. Das meiste ist modisch-dekorativer Nippes.

Das Angebot reproduziert Klischees und tradierte Muster und reicht über den Hingucker-Effekt nicht hinaus. Eigenständigkeit und Individualität sehen anders aus. Im Idealfall ist DIY politisch, eben weil es an Eigeninitiative, Improvisation und Nachhaltigkeit glaubt – und nicht an Konsumversprechungen.

Von Originalität keine Spur

Aber genau das machen die Märkte: Ich kaufe etwas, das ein anderer nach Schablonen hergestellt hat, das Ganze sieht irgendwie selbst gemacht aus, und ich bin so wahnsinnig individuell. Kurzum: Die Wirkungsmacht des Selbermachens könnte man kaum besser, effektiver und hübscher ad absurdum führen als mit den "coolen" Weihnachtsmärkten.

Deren Waren sind ungefähr so originell, wie an dieser Stelle laut "Sell out" zu eben jenen zu schreien. Demgemäß: Wer noch Weihnachtsgeschenke braucht, kann gleich daheim bleiben. Zum Stricken, Basteln, Plätzchenbacken, Briefeschreiben oder CDs-Brennen.