Thriller

Politiker sind intrigante und zynische Verräter

In George Clooneys Film "The Ides of March – Tage des Verrats" ist der Verrat für US-Politiker eine Art Aufnahmeprüfung: Nur wer erpresst, schafft den Aufstieg.

Ein junger Mann im Anzug betritt seitlich eine dunkle Bühne, er geht vor bis zum Mikrofon, blinzelt kurz, ein einziger Spot leuchtet sein Gesicht grell aus. Er spricht ins Mikrofon: „Ich bin kein Christ, ich bin kein Atheist. Ich bin kein Jude, ich bin kein Muslim. Meine Religion, das, woran ich glaube, nennt man die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.“

Er hält kurz inne, hebt die Brauen, fängt an zu pfeifen und zu trillern, wie ein kleiner Vogel im Sturzflug, dazu lässt der junge Mann seinen Kopf sinken, bis seine Lippen mit einem lauten Knall das Mikrofon berühren. Sein Fall beginnt.

Entscheidung im Vorwahlkampf

Es ist nur ein Test, eine Mikrofonprobe, die Sätze sind Versatzstücke aus einer Rede, die Stephen Meyers mitgeschrieben hat, für seinen Chef Mike Morris, der US-Präsident werden will. Morris wird später auf der Bühne dieser Provinzkongresshalle stehen. Meyers nur hinter den Kulissen.

Jetzt betet er noch ein paar weitere Rkedeversatzstücke gelangweilt herunter, Meyers hat sie schon zu oft gehört, das bringt der Job als stellvertretender Wahlkampfleiter so mit sich; dabei ist erst Vorwahlkampf, die Entscheidung, wer sich für die Demokraten zur Wahl stellen darf, Morris oder sein letzter verbliebener Konkurrent Pullman, ist noch nicht gefallen.

Doch der Film „The Ides of March“, dessen erste Szene die auf der dunklen Bühne ist, wird weniger von dieser Entscheidung handeln als davon, woran der junge Stephen Meyers, gerade 30 geworden, selbst glaubt, ob er überhaupt an etwas glaubt; ob er ein Idealist bleiben oder ein Karrierist werden wird. Oder ob beides auch irgendwie zusammengeht.

George Clooney hat einen ruhigen, langsamen, altmodischen Politthriller gemacht, es ist sein vierter Film als Regisseur und hier auch Co-Autor. Der deutsche Untertitel lautet „Tage des Verrats“, und der macht gleich klarer, worauf es hinausläuft: auf Verrat eben. Auf einen Tyrannenmord eher nicht.

Denn ein Julius Cäsar ist dieser fiktive Kandidat Mike Morris nicht, den Clooney gleich noch selbst spielt; er ist ein Traumbild von einem Politiker, das der Wirklichkeit unmöglich lange standhalten kann. Und Stephen Meyers, den Hollywoods neuer junger leading man Ryan Gosling fast statuarisch unbewegt spielt, wie einen unmerklich Implodierenden, hat auf den ersten Blick zumindest wenig von einem Brutus.

Es ist ohnehin alles komplizierter. Und zugleich einfacher: Jede Figur in diesem Film wird einen Verrat begehen, er ist der dramaturgische Motor dieses Films, und der Verrat, so seine pessimistische These, ist dem politischen System Amerikas so sehr zur zweiten Natur geworden, dass die Handelnden ihren ersten Verrat rückblickend bloß noch als eine Art Aufnahmeprüfung in den Politikbetrieb begreifen.

"Du stumpfst du ab und wirst zynisch.“

Der Rest ist eine endlose Abfolge aus Intrigen und Erpressungen, denn jeder Mensch ist fehlbar; und der wahrscheinlichste Fehler, den Männer begehen, ist immer der, mit der falschen Frau zu schlafen. Zum Beispiel mit der Praktikantin. „Tu dir selbst einen Gefallen und verlass die Politik“, sagt der desillusionierte Wahlkampfchef von Morris’ Konkurrent irgendwann zu Meyers, nachdem er ihn mit kühl kalkulierten Schmeicheleien in eine Falle gelockt hat: „Denn wenn du länger in diesem Geschäft bleibst, stumpfst du ab und wirst zynisch.“

Doch da ist es für Meyers längst zu spät. Er ist trotz seiner jungen Jahre schon ein alter Hase im Geschäft, er hat vielen Kandidaten gedient, doch Morris erschien ihm als einmaliger Glücksfall: endlich ein integrer Politiker, der Macht und Moral miteinander versöhnen könnte; der eloquent und attraktiv genug ist, charmant und charismatisch, dass die Leute ihn wählen, und der trotzdem das Richtige tun wird, das Vernünftige, womöglich gar Unpopuläre, wenn er am Ende ins Weiße Haus einzieht. Und das wird er, nein, das muss er, sagt Meyers.

Das Wahlplakat erinnert an Barack Obama

Denn der Gegner, die Republikanische Partei, hat keinen vorzeigbaren Gegenkandidaten, die Präsidentschaftswahl wäre ein Selbstläufer, wenn Morris bloß keinen Fehler macht: Hier verweist der Film einmal sehr direkt auf die aktuelle Wirklichkeit des laufenden US-Vorwahlkampfs, auf die fragwürdigen Gestalten, die sich um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner bewerben.

Ansonsten spielt „The Ides of March“ in einer erfundenen Gegenwart, die lediglich so aussieht wie unsere. Der amtierende Präsident steht in „The Ides of March“ nicht mehr zur Wiederwahl, dafür ähnelt Mike Morris’ Wahlplakat dem berühmten stilisierten Konterfei von Barack Obama vor drei Jahren. Es fehlt im Film nur das Wort, das bei Obama unter dem Bild stand, und das darf man durchaus als Kommentar des Regisseurs verstehen, des politisch denkenden Hollywoodstars George Clooney: „Hope“.

Enttäuschte Hoffnungen produzieren eben Zynismus, der Wahlkampfmanager Meyers wird daran erinnert, von einer Reporterin der „New York Times“, die ihn auch bloß benutzen will, als Informationsquelle. Abends an der Bar hebt sie zu einem niederschmetternden Monolog an, darüber, wie wenig Morris’ Sieg ändern würde. Weder im Leben derer, die ihn wählen würden. Noch derer, die es nicht täten.

"Er wird dich enttäuschen, früher oder später“

Es ist egal, aber: „Wenn euer Junge gewinnt, bekommst du einen Job im Weißen Haus. Wenn er verliert, gehst du als Politikberater zurück nach Washington. Mehr passiert nicht. Dir war das alles klar, bevor du plötzlich Gänsehaut bekommen hast wegen dieses Mannes. Mike Morris ist ein Politiker. Er ist ein netter Kerl. Sie sind alle nette Kerle. Er wird dich enttäuschen, früher oder später.“

Wie diese Prophezeiung sich selbst erfüllt, das exekutiert der Film dann mit einer bestechenden, manchmal fast zu vorhersehbaren Logik. Die Vorlage fürs Drehbuch lieferte ein Theaterstück, „Farragut North“ von Beau Willimon, und Clooney übernimmt bei seiner Filmadaption die relative Statik einer Theaterinszenierung, er interessiert sich in erster Linie für die Gesichter seiner Schauspieler und ihre Dialogsätze, für Räume und Landschaften eher nicht, für Tempovariationen gar nicht.

Dass „The Ides of March“ eigentlich ein Roadmovie ist, schließlich macht der Wahlkampftross gerade nur Station in Ohio, merkt man so wenig, wie man etwas spürt von der Schäbigkeit der Orte, durch die der campaign trail führt. Den Muff der Turnhallen, in denen die Kandidaten debattieren, die Einförmigkeit der Hotels, in denen sie übernachten, die Trostlosigkeit der hastig eröffneten und wieder geschlossenen Wahlkampfbüros – über all das gleitet Clooneys Regie eher beiläufig hinweg, und am Ende klimpert immer ein Barpianist einen etwas zu sehnsüchtigen Blues.

Nach dem Film will man keine Nachrichten mehr sehen

Manchmal kommt es einem vor, als habe Clooney unbedingt an der bislang letzten großen Innenleben-Erzählung des politischen Systems der USA vorbeifilmen wollen, der Fernsehserie „The West Wing“, die von 1999 bis 2006 fiktionale Mechaniker der Macht im Weißen Haus zeigte, den Stab und seinen Präsidenten.

Da wurde schnell gedacht und noch schneller geredet, die Kamera war ständig mit in Bewegung, sie kam den Ereignissen kaum hinterher, und am Ende jedes Tages hatten der Präsident und sein ausgedachter Stab vor lauter Krisenbekämpfung wieder nicht genug Zeit gehabt, das Richtige, das Vernünftige, womöglich gar das Unpopuläre zu tun. Das, wozu sie mal angetreten waren. Aber sie hatten ihr Bestes gegeben.

Nach „The West Wing“ wollte man als Zuschauer in die Politik gehen. Nach „The Ides of March“ möchte man die Nachrichten ausschalten, die Zeitung weglegen, den Computer runterfahren. Erst mal.