Familiendrama

Schweden ist ein heruntergekommener Schweinestall

Keine Vergebung, viel Verblendung, bittere Verdammnis: Pernilla Augusts Kinofilm "Bessere Zeiten" ist düsterer und brutaler als Larsson und Mankell.

Um den Schweinestall hat uns Henning Mankell immer betrogen. Jahrzehntelang hat er seinen Kommissar Kurt Wallander, das dachten wir jedenfalls, in jede, aber auch jede verkommene Ecke von Ystad geschickt.

Dass es im südschwedischen Schonenstädtchen, inzwischen längst ein Lieblingsziel literarischer Studiosus-Reisender, nicht nur eine verkommende Mittelschicht und furchtbare Kapitalisten, sondern auch eine Plattenbausiedlung gibt mit dem Namen Svinalängorna (was man mit Schweinestall übersetzen könnte), dafür musste die Welt erst einen autobiografischen (und auf Deutsch in einem versprengten Kleinverlag erschienenen) Roman von Susanna Alakoski lesen und jetzt „Bessere Zeiten“ sehen, den Debütlangfilm von Ingmar Bergmans Lieblingsschauspielerin Pernilla August.

Die Mutter wird verleugnet

Am Anfang ist alles noch scheinbar in Ordnung. Da sind wir aber auch noch in Stockholm. Leena hat Geburtstag. Zwei Kinder hat sie. Einen liebevollen Mann. Ihnen geht’s gut. Es sind bessere Zeiten. Es gibt Ständchen. Kuchen. Man kuschelt herum.

Da klingelt das Telefon. Die Vergangenheit ist dran. Die Stimme einer Toten. Ailil, Leenas Mutter, meldet sich. Sie liegt in Ystad im Krankenhaus. Für Leena ist sie seit Jahren gestorben. Für Leenas Familie ist sie tot. Leena hat sie verleugnet und ihren Vater und ihren Bruder. Leena legt auf, Leena geht nicht mehr ran.

Das muss man erst mal hinnehmen. Dass es ein Leben ohne Vergangenheit geben kann, dass diese Verleugnung tatsächlich funktioniert, tatsächlich lebbar ist. Dass man eine Familie aufbauen kann, um in sich selbst die grausamen Bilder seiner eigenen Kindheit auszulöschen, ohne auch nur einen Hauch von dem zu erzählen, was einen zu dem gemacht hat, was man ist.

Zeitreise in die Kindheit

Dass erst mit Mitte dreißig alles aufbricht. Hat man diese Verkapselung als möglich hingenommen, ist alles, was Pernilla August mit großer Gnadenlosigkeit und Wärme durcherzählt, von einer gewaltigen Plausibilität. Als Johan dann ans Telefon geht, ist Leenas Schutzkapsel geplatzt. Schnell (ein bisschen zu schnell) wird gepackt, die Kinder, ein Koffer. Johan drängt Leena. Sie fahren durch die Nacht nach Schonen.

Die Reise – aber davon ahnt Johan nichts, das spielt sich nur in Leena ab, das sehen nur wir – wird zur Zeitreise, je näher sie Ystad kommen, je deutlicher für Johan und die Kinder das ganze Ausmaß der verdrängten Vorgeschichte ihrer Familie wird, desto tiefer bohrt sich Leena innerlich durch ihre Kindheit. Sehen wir alles, was geschah. In Etappen. Sorgfältig auserzählt, mit feinem Gefühl für Rhythmus.

Die Vorgeschichte: Kimmo und Ailil Moilanen sind ein schönes Paar. Sie lieben sich, sie haben süße Kinder, sie haben keine Chance. Sie kamen nämlich aus Finnland und hofften auf bessere Zeiten. Schweden war da noch der Welt größter Leuchtturm der Wohlfahrtsgesellschaft, eine gewissermaßen sozialistische Demokratie. Mit Wohlfahrt war es aber nichts bei Kimmo und Ailil.

Die Schläge des Vaters treffen den Bruder

Finnen müssen leider draußen bleiben aus dem Folkehjem. Kimmo bekommt keine Arbeit, züchtet ausgerechnet Sonnenblumen. Kimmo säuft. Ailil putzt, träumt von ihrer Karriere als Schwimmerin, die der Krieg verhindert hat. Ailil wird depressiv. Die neue Wohnung im Schweinestall, in die sie gleich am Anfang ziehen, macht Hoffnung. Sie ist hell, sie ist schön.

Nicht lang und der manische Kreislauf von Liebe und Schlägen, hochschäumender Versöhnung und abgrundtiefster Verzweiflung geht trotzdem wieder los, immer und immer schneller. Und mitten drin zwei Kinder. Leena, die Schwimmerin, die Starke, die versucht, in all dem ausschweifenden, elenden Gesaufe so etwas wie Familie zu bewahren, die Erwachsene zu sein. „Einen neuen Badeanzug“, schreibt sie auf einen Wunschzettel. Und: „Dass Mama und Papa nüchtern sind.“

Und Sakari, der kleine Bruder, ein engelsgleiches Wesen, das sich nicht wehren kann gegen die Schläge, die vom Vater, die vom Schicksal, das ihn zwingt, dem Elternelend immer und immer wieder zuzusehen, immer und immer wieder von ihm getroffen zu werden.

Eine Versöhnung gibt es nicht

Immer bleicher wird Sakari, immer geisterhafter. Dass er vom Elend und von der ständig aufflackernden Hoffnung, alles könne doch noch gut ausgehen, zur Elendsgestalt gemacht werden wird, ist früh klar. Was mit ihm geschieht, erst ganz am Schluss.

Dann steht Leena am Bett ihrer fast toten Mutter. Versöhnung könnte es jetzt geben. Ein Eingeständnis der Schuld. Nichts davon. Sei doch alles auch schön gewesen damals, sagt sie. Und dass sie Kimmo doch so geliebt habe. Ekel und Hass huschen in Wellen übers Gesicht von Noomi Rapace.

Ihre Leena ist die bürgerliche, ältere Schwester jener Lisbeth Salander der Stieg-Larsson-Filme, mit denen sie weltberühmt wurde – eine harte, gehärtete, von Gespenstern der Vergangenheit über Messers Schneide gejagte Figur. Normalerweise spielt sie alles in den Schatten.

Der Anfall kommt zum Schluss

In dieser finsteren Geschichte leuchten andere mindestens genauso schwarz wie sie: Ville Virtanen (Kimmo) und Outi Mäenpää (Ailil) lieben, trinken, schlagen und entblößen sich auf geradezu waghalsige, rücksichtslose Weise. Und geradezu ehrfürchtig wird man vor dem heiligen Ernst, mit dem Tehilla Blad (die schon in den Stieg-Larsson-Filmen die jüngere Ausgabe von Noomi Rapace/Lisbeth Salander spielte) die junge Leena durch deren Branntweinjugend ziehen lässt.

Später macht Leena sauber im Schweinestall, in Mutters Plattenbauwohnung. Anfallartig sauber. Und sie bekommt einen hysterischen Anfall, als sie ihre Kinder in Sakaris Kleidern sieht. Alles bricht auf. Alle Klage, alles Elend. Und endlich weint sie. Und endlich wird sie getröstet.