Florence Welch

"Ich bin nicht verrückt. Nur unorganisiert"

Die Band Florence And The Machine bringt ihr neues Album "Ceremonials" auf den Markt. Florence Welch über Erfolg, Stolz, den Tod – und Mutti.

Florence Welch, die jüngst 25 Jahre alt gewordene Frau hinter Florence And The Machine, ist eine imposante Gestalt. Groß, sehr rothaarig und feenhaft. Auch Karl Lagerfeld ist von ihr angetan, sie trat für ihn auf den Laufsteg, er gestaltete für sie eine limitierte Version der letzten Single „Shake it out“. Nach dem großen Erfolg ihres „Lungs“ legt Florence nun mit „Ceremonials“ ein starkes, episches und mit vielen Chören begleitetes Popwerk vor.

Morgenpost Online : Das Wort „Ceremonials“, das man grob mit „Festlichkeiten“ übersetzen kann, gibt es nicht, oder?

Florence Welch : Nein, nicht offiziell. Der Begriff existiert erst, seitdem ich es erfunden habe. Ich liebe Bücher und die Sprache als solche, deswegen macht es mir Spaß, mit Worten zu spielen. Meine Mutter hofft ja auch noch immer darauf, dass ich demnächst studieren werde.

Morgenpost Online : Wirklich? Obwohl Ihr „Lungs“-Album auf Platz Eins in England war und Sie bei der Oscar-Verleihung und den Grammys auftraten, also ein echtes Star-Leben führen?

Welch : Trotz allem denkt Mum, das mit der Musik ist nur so eine Phase für mich, etwas Flüchtiges. Meine Mutter ist Kunstprofessorin, ihr Spezialgebiet ist die Renaissance, sie hat eine Weile in Florenz gelebt. Daher auch mein Vorname. Mutter sähe es lieber, dass ich ordentlich zur Uni gehe und ein Diplom bekomme. Wer weiß, ich hätte auch gar nichts dagegen, parallel mit der Musik weiterzumachen und Englische Literatur zu studieren.

Morgenpost Online : Sind Sie stolz auf sich?

Welch : Schwierig, sich da selbst gescheit einzuschätzen, oder? Mein Leben ist in den letzten zwei, drei Jahren zum Wirbelsturm geworden. Ab einem gewissen Punkt bekommt so eine Karriere ihr Eigenleben und du selbst musst nur noch funktionieren und zu den verabredeten Zeiten an den verabredeten Orten auftauchen. Was für mich schwer ist, denn ich bin eine verpeilte, impulsive, schusselige Tagträumerin, die ständig überall ihre Sachen liegen lässt. Auf der anderen Seite sind meine Eigenschaften wie gemacht fürs Kreativsein.

Morgenpost Online : Die Medien stellen Sie gern als etwas durchgeknallt dar. Zu Recht?

Welch : Nein, das finde ich blöd. Journalisten, die Dinge schreiben wie „Florence ist nicht ganz dicht“, geht es mehr um die eigene Eingebildetheit und eine griffige Geschichte als um die Wahrheit. Ich bin nicht verrückt. Nur sehr schlecht organisiert.

Morgenpost Online : Ihre erste Platte ist geprägt von der zeitweiligen Trennung von Ihrem Freund Stuart.

Welch : Wir sind noch zusammen. Die neuen Songs handeln im Wesentlichen davon, wie es ist, in so einer Beziehung zu leben, nämlich verwirrend. Ich pendele quasi zwischen den Welten. Ich bin die Künstlerin, die jeden Abend auftritt, vom Publikum bejubelt und aufgesaugt wird, offen und exponiert. Und ich bin das häusliche Mädchen, das gerne Fernsehen guckt und früh mit seinem Freund schlafen geht.

Morgenpost Online : Wie bekommen Sie diese Welten unter einen Hut?

Welch : So gut wie gar nicht. Es ist besser, zwischen Beruf und Privatem zu trennen. Ich habe Stuart zum Beispiel nicht gerne auf Tour dabei. Ich schaffe es nicht, von der Bühne zu kommen, zu duschen, umzuschalten und zu sagen „Du Schatzi, was wollen wir denn heute Abend kochen?“

Morgenpost Online : Ihre Songs, etwa die neue Single „Shake it out“ oder auch das hymnische „Only if for the Night“ stecken voller orchestraler Elemente, gleichzeitig sind sie griffig, poppig und tanzbar.

Welch : Der große Pop der Achtziger Jahre hat mich stark beeinflusst. Annie Lennox, Kate Bush – ich liebe diese Frauen mit ihren theatralischen Songs. Die Bewunderung hört man in meinen Songs. Ansonsten wollte ich ein Album machen, das klarer und fokussierter ist als „Lungs“, mehr aus einem Guss. Deshalb gibt es auch nur einen Produzent, Paul Epworth. Ich liebe große Songs, große Arrangements, große Refrains. Wenn ich etwa „Shake it out“ höre, dann stelle ich mir einen Kampf zwischen Kriegsschiffen und Meerjungfrauen vor. Ich übersetze beim Komponieren und Texten, was meine Phantasie mir vorgibt.

Morgenpost Online : Ihre Lieder handeln auffällig häufig vom Tod.

Welch : Weil mich die ganzen Fragen rund um den Tod faszinieren. Ob man alle Menschen wieder trifft, mit denen man zu Lebzeiten zu tun hatte oder ob man neue Freundschaften schließt. Ob der Tod also so eine Art neues Leben ist – oder ob gar nichts mehr kommt. Seit ich Kind war, faszinieren mich Kreaturen wie Werwölfe, Vampire oder Frankenstein. Ein Teil von mir hat Angst vor dem Tod, aber ein Teil von mir freut sich fast auf ihn. Also nicht, dass ich gerne tot wäre. Bloß, wenn es soweit ist, kann er ruhig kommen.

Morgenpost Online : Karl Lagerfeld liebt Ihren Stil, Gucci stattet Sie für Ihre Live-Auftritte aus.

Welch : Für Mode interessiere ich mich viel länger als für Musik, mit 13 oder so habe ich angefangen, die ganzen Modezeitschriften zu lesen. Und ich würde nie einfach mit Jeans aus dem Haus gehen. Ich wohne ja noch bei meiner Mum....sagen Sie jetzt nichts, ich weiß, sie findet es super, mir ist es peinlich, jedenfalls, ich gehe ins Schlafzimmer, wühle mich durch den Kleiderschrank, probiere tausend Outfits an. Wenn ich fertig bin, falte ich alles ganz ordentlich auf und lege es wieder in den Schrank. Ordnung im Kleiderschrank zu halten hilft mir, Ordnung in mein Gehirn zu bekommen.