Regisseur Ken Russell

Exzentrisch, skurril – religiös und sexuell fixiert

Er ließ Franz Liszt im Raumschiff vom Himmel schweben und Roger Daltrey übers Wasser laufen. Nun ist der grelle Provokateur Ken Russell gestorben.

Ein Kind, das beobachten muss, wie seine Mutter gewaltsam in siedend heißes Wasser getaucht wird, um sie von der Cholera zu kurieren, und das sie mit schrecklichen Blasen übersät wieder auftauchen sieht – das ist möglicherweise nicht, was man in einer Filmbiografie des Komponisten Peter Tschaikowski erwartet. Und doch kommt sie in "Tschaikowskij – Genie und Wahnsinn" vor.

Franz Liszt als Vorläufer eines Popstars und Richard Wagner als vom Teufel besessen zu zeigen, ist schon näher liegend, aber dass Wagner à la Frankenstein künstliche Menschen erschafft und Liszt in einer Art Raumschiff aus dem Himmel zurückkehrt, um ihn zu vernichten?

Alles zu besichtigen in "Lisztomania". Oder wie wäre es mit dem Nazi-Sympathisanten Richard Strauss, der – während einem älteren Juden von SS-Schergen ein Hakenkreuz in die Brust geritzt wird – sein Orchester auffordert, lauter zu spielen, um die Schreie zu übertönen? Das ist nicht mehr zu besichtigen, weil die Strauss-Erben weitere Aufführungen von "Dance of the Seven Veils" verbieten ließen.

Russell hatte als Jugendlicher ein eigenes Kino

Wer in den Siebzigern in einen Ken-Russell-Film ging, musste mit solchen Angriffen auf guten Geschmack, historische Wahrheit und moralisches Empfinden rechnen. Russell war Englands Chef-Filmexzentriker, aber nicht in jenem Sinn von Exzentrik, den die Deutschen an den Briten so lieben, respekt- und folgenlos wie Monty Python oder korrekt politisch inkorrekt wie Little Britain.

Russell war ätzender, unkalkulierbarer, provozierender.

Kino war seine erste Leidenschaft. Dorthin flüchtete er, wenn der Vater wieder mal unkontrolliert um sich schlug. Ein eigenes Kino betrieb der Teenager in der Familiengarage, und zeigte Langs "Metropolis" und nahm Eintritt. Die Einnahmen spendete er dem Spitfire-Fonds für jene Arbeiter, die darunter litten, dass die Luftwaffe häufig die Spitfire-Flugzeugfabrik in Southampton bombardierte, die in der gleichen Straße lag wie Russells Elternhaus.

Zur zweiten großen Liebe wurde die klassische Musik, und auch hier sublimierte Russell Gewalt in Kunst. Der junge Ken hatte sich zur Handelsmarine gemeldet, und eines Tages zwang ihn der Kapitän, stundenlang in der glühenden Sonne Wache zu stehen, um das erste Zeichen eines japanischen Kamikaze-U-Boots zu melden. Dabei war der Krieg bereits beendet.

Russell erlitt einen Nervenzusammenbruch, im Krankenhausradio hörte er seinen ersten Tschaikowski – und war in der Folge besessen von klassischen Komponisten.

Religion wird sein Lieblingsthema

Besessenheit ist eine treffende Beschreibung, und wie so oft spielt dabei auch Religion eine Rolle. Russell war gerade zum Katholizismus übergetreten, als er mit "Amelia and the Angel" erstes Aufsehen erregte. Darin beschädigt ein Mädchen die Engelsflügel aus einer Schulaufführung und bekommt von einem Christus-ähnlichen Maler neue.

Ende der Sechziger setzten bei Russell Glaubenszweifel ein. Die Hauptfigur in "Die Teufel" ist ein Whisky-Priester (wie es Graham Greene nannte, ein anderer Katholik im abgefallenen Britannien), also einer, der selbst sündigt.

Immerhin, Oliver Reed ist ein wahrer Gläubiger in einem Meer von Heuchlern im Frankreich des Kardinals Richelieu, der ihm eine vom Teufel besessene Nonne (Vanessa Redgrave) auf den Hals hetzt.

Roger Daltrey in "Tommy" schreitet auf Wasser, scheitert als Messias, bleibt aber ohne Sünde. Marilyn Monroe hingegen ersetzt bereits die Jungfrau Maria. In "Lisztomania" ist Katholizismus nur noch Slapstick, mit Ringo Starr als Papst und Ikonen, die wie Elvis Presley und Pete Townsend aussehen.

Russells Filme wurden immer skurriler

Ken Russell indes popkulturell erklären zu wollen, griffe viel zu kurz. Er wollte seine Zuschauer aufklären, ihnen etwas näher bringen, sei dies die Musik seiner geliebten Komponisten oder das Problem der Zerstörung des Künstlers durch den Zeitgeist.

Daraus entstand seine Kreativität. Für "Elgar", sein betörend schönes Porträt des englischen Tonsetzers, "erfand" er die Rekonstruktion mit Hilfe von Schauspielern anstatt der üblichen Bilder von Orchestern und Notenblättern.

Die BBC fand das geschmacklos und verbot ihm, seine Schauspieler sprechen zu lassen – worauf Russell ganz auf Worte verzichtete und die Emotionen seiner Figuren ganz mit Elgars Musik ausdrückte.

Mit jedem seiner "biografischen" Filme entfernte sich Russell weiter von den Fakten und griff zu ständig schrilleren Mitteln, um das der Musik innewohnende Drama in Bilder zu übersetzen.

Die Exzentrizitäten und Skurrilitäten der Russelschen Figuren und Bilder stehen für den Versuch, seine Empfindungen beim Hören von Musik sichtbar zu machen – gemischt mit Russells eigenen religiösen und sexuellen Fixierungen.

In dieser Hinsicht könnte man ihn als englischen Fellini betrachten (falls dies kein Widerspruch in sich wäre). Der Referenzpunkt von Russells Welt war allerdings nicht die mondäne Via Veneto, sondern der billige Pier von Brighton, wo Generationen britischer Mittelklasse-Ausflugsfamilien ihre Zuckerwatte schleckten und schlüpfrige Postkarten nach Hause schickten.

Krude wie deren Witze waren auch die Russellschen Provokationen. Er wollte seine Zuschauer unter der Gürtellinie treffen, und er wusste genau, wie er mit seinen Waffen umzugehen hatte.

In den USA wurden seine Filme zensiert

Für die D.-H.-Lawrence-Verfilmung "Liebende Frauen" sollten Alan Bates und Oliver Reed nackt vor dem Kaminfeuer umhertollen, und es stand zu befürchten, dass die Zensur vor männlichen Geschlechtsteilen zurückschrecken würde.

Also lud Russell den Chefzensor vor den Dreharbeiten zum Essen, bot ihm sogar an, das Licht am Set zu dimmen. So bekam er seine Szene, den Zensurstempel – und den Skandal, den er gern in Kauf nahm.

Ein Jahrzehnt lang, von den späten Sechzigern bis Ende der Siebziger, gingen Popkultur und Russellkultur ein Zweckbündnis ein.

Wenn ein neuer Russell herauskam, landete er unweigerlich an der Spitze der Kinohitparade (der englischen, nicht der amerikanischen, dort führte die Prüderie die Zensurschere). Dann gingen Pop und Ken verschiedene Wege. Russell ließ seiner romantischen Ader freien Lauf, drehte Filme über Gustav Mahler und Rudolph Valentino.

Russell besuchte "Celebrity Big Brother"

Schließlich landete er in der Villa Diodati am Genfer See, wo sich im nassen Sommer des Jahres 1816 eine Reihe prominenter Sonderlinge gegenseitig durch die Mühle drehen – Lord Byron, Dr. Polidori, Percy Shelley, Mary Shelley – und Frankensteins Monster gebären.

Russells Film hieß "Gothic" und entstand 1986. Zwei Jahrzehnte später begab sich der Regisseur, inzwischen 79, selbst in ein Haus des narzisstischen Wahnsinns, zu "Celebrity Big Brother".

Er stellte sich so vor: "Ich bin ein alter Filmregisseur. Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne euch." Das war, auch wenn er nach ein paar Tagen eliminiert wurde, ein Ort, wo er sich nicht fremd gefühlt haben dürfte. Nun ist Ken Russell im Alter von 84 Jahren gestorben.