Jugendkultur

Soundtrack für das Schlachtfeld der Generationen

Mit "Quadrophenia" legten The Who 1973 ein immer noch gültiges Psychogramm der britischen Jugendgewalt vor. Jetzt kommt das Album in ultimativer Fassung.

Der Sound war ihm 1973 zu dünn. Erst bei der Neu-Edition ist Komponist Pete Townsend mit seinem Werk zufrieden

London, Carnaby Street, im Herbst 2011: Die jungen Modeopfer treten an den Rand, stellen die Einkaufstüten ab und filmen mit den Telefonen die Parade ihrer Veteranen. Alte Männer sind auf Motorrollern unterwegs zum Herrenausstatter „Pretty Green“. Sie haben ihre Fahrzeuge mit überflüssigen Scheinwerfern und Spiegeln ausgerüstet und poliert. Sie tragen Schalenhelme auf dem schütteren Haar, geräumige Parkas und das Hoheitszeichen der britischen Luftwaffe.

Die Mods sind wieder da. Zufrieden knattern sie im Rudel durch ihre natürliche Umgebung aus den Sechzigern. Vorüber an Boutiquenketten, fassungslosen Konsumenten und der Polizei. Die Bobbys lächeln ihnen zu wie ehemaligen Kameraden; man erinnert sich an die gemeinsame Gewaltfolklore. „Pretty Green“ gehört Liam Gallagher . Der frühere Oasis-Sänger lässt für Spätgeborene nach alten Schnitten neue Schals und Kutten nähen.

Mod sein hieß, der Zeit davon zu fahren

Bis zum Januar beherbergt Gallaghers Filiale eine Ausstellung zur Band The Who und ihrem Album „Quadrophenia“. Einer Rockoper von 1973, die im Frühjahr 1964 spielt. Zur Vernissage fallen die Mods von damals ein und ihre Epigonen aus den regelmäßigen Revivals. Staunend stehen sie vor Schneiderpuppen mit den T-Shirts von den Albumfotos. Beugen sich über Notizbücher, als wären es antike Autografen, und fallen vor einer Vespa auf die Knie, einer Replik des Originalrollers vom Cover.

Mod sein hieß, der Zeit davon zu fahren und die Welt im Rückspiegel zu sehen. Seither ist der Modernist im Paradox der eigenen Tradition gefangen. Er betrachtet eine Skizze, die der Gitarrist Pete Townshend für das Album angefertigt hatte: einen Kopf, in dem das Hirnzentrum als „völlig ungerührt“ beschrieben wird, die Außenwelt sei „vollkommen im Arsch“. Als Psychogramm der Jugendgewalt ist „Quadrophenia“ zeitlos. Es wird jetzt wieder veröffentlicht, in einer aufschlussreichen Sonderedition. „Es ist mir eine Ehre, mich zur Verfügung zu stellen“, sagt Liam Gallagher, der Hausherr, zur Eröffnung der begleitenden Ausstellung.

Vor einem Vierteljahr wurde sein „Pretty Green“-Geschäft in Manchester geplündert. Jugendliche mit Kapuzenpullis hatten ihm die Scheiben eingeworfen und waren mit ihrer Beute in der Nacht verschwunden. Mit geklauten Kleidungsstücken, die an sich schon einiges erzählen könnten von geschlagenen Strand- und Straßenschlachten.

Gallagher wirkte verwundert, dass es ihn getroffen hatte. Ihn, den handfesten und dabei stilbewussten Sohn der nordenglischen Arbeiterklasse. „Was zur Hölle soll das?“, schimpfte er einem Reporter in den Block. „Die hauen ihre Baseballschläger in die Fenster, holen irgendwas raus und hauen ab. Wie schlau ist das denn?“

Wenn es Lehren aus den Unruhen im heißen Sommer in den Städten Englands gab, dann diese: Es hört niemals auf. Es trifft auch Leute, die sich für die falschen Adressaten halten. Es lässt sich vielleicht historisch und sozial erklären – würde aber nie passieren ohne den Erlebnishunger überhitzter Subkulturen, die im Inselklima prächtiger gedeihen als woanders.

Davon handelt „Quadrophenia“. Jimmy Cooper wächst zum Mod heran, ein Junge ohne Aussichten, dafür mit reizbarem Gemüt. Vier Seelen streiten sich in seinem Hirn, die Stimmen und den Soundtrack liefert das Quartett The Who. Der Aufrechte kämpft mit dem Heuchler, der Romantiker ringt mit dem Irren. „Is it in my head?“, fragt Jimmy Cooper. „In the battle on the streets/ You fight computers and receipts.“

Der Straßenkampf entsteht im Kopf, auch wenn die bürokratischen Bedrohungen real sind. Die Umgebung wird als feindselig empfunden. Die verständnislosen Eltern, der Psychiater, der Gemeindepfarrer und die Müllmänner, die Monarchisten sind, obwohl das Königreich auf sie herabblickt.

„I’m a loser, no chance to win“, singt Jimmy Cooper und fährt an den Strand von Brighton. Zu den heiligen Schlachtfeldern, auf denen sich die Mods und Rocker gegenseitig Liegestühle auf die Köpfe schlagen, politisch ohnmächtig aber von Allmachtsfantasien und Amphetaminen beflügelt. Unten gegen unten. „Mod“, erklärt Pete Townshend, „ist der bündige Begriff für jung, schön und dumm.“

Die Jugend stellte die Klassenfrage

Die Modkultur war immer auch ein Kommentar der britischen Klassengesellschaft. Man trug Maßanzug und Regenmantel, allerdings in aufreizenden Farben und so knapp wie die Budgets dafür. The Who traten in königlichen Uniformen auf oder in Fräcken aus der Flagge des zerfallenden Imperiums. Sie zertrümmerten ihre Besitztümer, die Instrumente. Aber die gewalttätige Jugend stellte eher nebenbei die große Klassenfrage.

Ob sie zum Beginn des 20. Jahrhunderts Kornmühlen mit Brandsätzen bewarf, mit Burberry-Schals in Fußballstadien randalierte, 1981 bei den Brixton-Riots Polizeifahrzeuge demolierte oder 30 Jahre später die Boutiquen plünderte. „There is no such thing as society“, sagte Margaret Thatcher, als spielten die Klassen keine Rolle mehr. Pete Townshend sagte: „There is no such thing as madness.“ Weil er wusste, dass es weniger um Politik geht im Krawall als um das Jugendirresein.

Der Gitarrist hat „Quadrophenia“ 1972/73 ausgebrütet als Konzeptalbum mit Fotostrecke. Er hat einen literarisch anspruchsvollen Klappentext verfasst, in dem sich Jimmy Cooper vorstellt und seine Probleme schildert. Wie er an der Welt und seiner eigenen Zukunft leidet und erst weiß, wohin mit seinem Hass, als er in Brighton aufmarschiert, in der Armee der Parkas, und auf Feinde trifft, die ebenbürtig und konkret sind, weil sie ölige Lederjacken tragen und Musik von gestern hören. Er hat frei, es ist der Feiertag der Banken. Auf den Fotos sieht man Jimmy Cooper trotzig zwischen zwei Melonenträgern sitzen und dann auf der Straße Kleinwagen umwerfen.

Nun veröffentlicht Pete Townshend alles, was er finden konnte, als „Director’s Cut“. Faksimilierte Skizzen und Notizen, Demoaufnahmen und ausführliche Auskünfte darüber, wie es dazu kommen konnte. Zu den Unruhen der Sechziger, zu „Quadrophenia“ später. Townshend bastelte sich 1972 einen Walkman, spazierte durch die Carnaby Street und suchte dort nach Texten für seine Musik im Kopf.

Klassiker im Surround-Sound

Erst jetzt hält er die Arbeit für vollendet. Mit der Erstausgabe war er unzufrieden, die Gesangsspur klang in seinen Ohren zu dünn . Das Album konnte 1973 nur in einer limitierten Auflage erscheinen, weil das Opec-Ölembargo auch die Presswerke betraf. Vor 15 Jahren wurde „Quadrophenia“ als CD herausgebracht, das Text- und Bildheft lag seniorenunfreundlich verkleinert bei. Die letzte konzertante Aufführung fand im vergangenen Jahr statt, für die Jugendkrebsfürsorge in der Royal Albert Hall. Dabei kam Townshend die Idee zur Klassikerausgabe im Surround-Sound.

Während er im Studio saß und die Archive sichtete, brannten die Straßen in den Städten Englands. Und Pete Townshend wunderte sich selbst am meisten über den modernen Ansatz seines Werks: Die zyklischen Gewaltausbrüche lassen sich nicht an den äußeren Umständen allein erörtern. Man muss in die Hirne schauen und die Codes der Subkultur entziffern.

"Wie Ratten, infiziert von einem bösartigen Virus"

Bereits 1979 hatten Townshend und The Who die Rockoper verfilmen lassen und ein Mod-Revival ausgelöst. Die Briten standen wieder ratlos vor den Stammeskriegen ihrer Kinder. Punks, Migranten, Skinheads, Hooligans. Und „Quadrophenia“ führte allen vor, wozu die Eltern früher fähig waren und wie sie die Seebäder verwüstet hatten. Jimmy Coopers Botschaft lautete: „Ich war dabei. Wir waren da.“

Die Schaufenster von Luxusläden gingen ebenso zu Bruch wie Fensterscheiben schmaler Reihenhäuser. Polizisten, hilflose Familienväter, sahen traurig zu, und erst der Großeinsatz motorisierter Truppen wies die Straßenkrieger in die Schranken. Sie wurden in Schnellverfahren abgestraft. „Diese geistig labilen, kleinen Rowdys. Diese Möchtegernfeldherrn, die nur im Rudel mutig sind. Wie Ratten, infiziert von einem bösartigen Virus", sprach der Filmrichter schon 1964/1979.

Eine Fortsetzung des Films sei jetzt geplant, verrät Pete Townshend. Man wird sehen können, was aus Randalierern wird. Wahrscheinlich Männer, die Familien gründen, älter werden, ihre Motorroller pflegen und damit an Feiertagen durch die Straßen Londons fahren.

The Who: Quadrophenia – the Director'S Cut (Universal)