Pop-Star

Die neue Ernsthaftigkeit des Justin Timberlake

Justin Timberlake pendelt zwischen Film und Musik. Warum der erfolgreiche Sänger und Schauspieler weit mehr als bloß ein Teenieschwarm ist und kein glamouröser Star sein will, verrät er im Morgenpost Online-Interview.

Gerade 30 Jahre alt geworden, also kein Teeniestar mehr. Aber auch noch nicht alt genug, um zum Mann in den „besten Jahren“ zu gehören. Justin Timberlake steckt irgendwo dazwischen. Das scheint ihm sehr gut zu bekommen. Die Kritiker aus beiden Bereichen – Film und Musik – haben ihren Frieden mit seiner Fistelstimme gemacht. Man nimmt ihn ernst. Als Musiker schon länger. Seit „Social Network“ bezeichnet man den Mann aus Memphis (Tennessee) als einen der besten Schauspieler seiner Generation. Am Donnerstag startet sein neuer Film „In Time“ in Deutschland. Zum Interview ins Hotel Adlon kommt Timberlake so unauffällig gekleidet wie möglich. Dunkles Shirt, dunkle Jeans. Glamour sieht anders aus. Und auch seine ernsthaften Aussagen lassen jedes Popstar-Streben vermissen. Peter Beddies hat mit ihm gesprochen.

Morgenpost Online: In Ihrem neuen Film geht es um die Währung Zeit, mit der man überall bezahlen muss. Was würden Sie mit 1000 geschenkten Jahren machen?

Justin Timberlake: Dieses Beispiel möchte ich nur ungern durchspielen. Diese 1000 Jahre kommen ja nicht irgendwo her. Im Film wird sehr gut geschildert, dass jemand uralt werden kann, wenn andere Menschen dafür jung sterben. Ich würde mir nie im Leben die Verantwortung aufladen, dass ich leben kann, aber andere dafür sterben müssen. Nein, tut mir leid.

Morgenpost Online: Auf einer Pressekonferenz haben Sie gesagt, dass Sie geschenkte Zeit benutzen würden, um 100 Jahre zu schlafen.

Justin Timberlake: Das sind diese Sätze, die einen ewig verfolgen, die aber aus einer Situation heraus entstehen. Als ich das gesagt habe, war ich in Gedanken schon bei den nächsten Stationen unserer Weltreise. Wenn man morgens in der einen und abends in der nächsten Stadt ist, kommt automatisch der Wunsch auf, nur noch schlafen zu wollen.

Morgenpost Online: Wenn Sie etwas mehr als nur ein paar Stunden in Berlin haben…

Justin Timberlake: …dann schaue ich immer gern nach, wie sich die Plätze, die ich kennen gelernt habe, im Laufe der Zeit verändern. Und ich muss auch immer an das berühmte Kennedy-Zitat denken: „Ich bin ein Berliner“. So wie er kein Berliner war, aber gern nach Berlin und Deutschland kam, geht mir das auch. Hier in Deutschland hatte ich als Sänger meine ersten Erfolge. Hier in Berlin bin ich viel unterwegs gewesen.

Morgenpost Online: Verstehen Sie, was die Menschen sprechen?

Justin Timberlake: Wenn sie es langsam tun, habe ich eine Chance, etwas mitzubekommen. Ich denke mir auch, dass ich das vielleicht ein wenig in die Wiege gelegt bekommen habe. Der Familienname meines Großvaters ist Bomar, was aus dem Deutschen kommt. Wenn man es so sieht, fließt deutsches Blut in meinen Adern. Aber wenn man mich bittet, etwas auf Deutsch zu sagen, dann rede ich meist Blödsinn. Deshalb lerne ich lieber noch ein paar Jahre.

Morgenpost Online: Bei Ihnen halten sich hartnäckig zwei Gerüchte. Wollten Sie als Kind Sänger oder Schauspieler werden? Was stimmt?

Justin Timberlake: Schwer zu sagen, weil damals alles so schnell ging. Aufgewachsen bin ich in Tennessee. Nicht gerade einer der Plätze, an denen die Talente-Sucher nachschauen. Dort habe ich vor mich hingesungen und war der Meinung, kein wirklich guter Sänger zu werden.

Morgenpost Online: Lässt sich leicht sagen mit der Karriere, die Sie dann gemacht haben.

Justin Timberlake: Ich war schon immer überzeugt, dass ich mit meiner Musik Menschen erreichen kann. Ich habe früh gemerkt, dass ich ein sehr gutes Ohr habe. Schon als Kind konnte ich besondere Momente erkennen. Wenn Sänger oder – noch früher – Cartoonfiguren etwas Tolles von sich gaben, habe ich das schnell aufgeschnappt und daraus mein eigenes Ding gemacht.

Morgenpost Online: Den Klassenclown gemacht?

Justin Timberlake: Nein, das ging eher in Richtung Improvisation. Darüber lachen sollte eigentlich keiner. Ich dachte, dass meine Stimme nicht die beste der Welt wäre. Und habe deshalb genau zugehört, bei wem ich lernen könnte. So kam ich zu Al Green und Marvin Gaye, Michael Jackson und Don Henley. Deren Art zu singen habe ich studiert und mir daraus meine Art zu singen abgeleitet.

Morgenpost Online: Und wann wollten Sie entweder Sänger oder Schauspieler werden?

Justin Timberlake: Als ich 14 Jahre alt war, bin ich zu meiner Mutter gegangen und habe sie gebeten, mich mit dem Auto nach Los Angeles zu fahren. Ich war mir sehr sicher, dass ich eine Sitcom in der Art des „Prinzen von Bel Air“, mit der Will Smith Karriere gemacht hatte, angeboten bekommen würde, wenn ich nur die richtigen Leute treffen würde. Von Tennessee aus erschien mir das als die einzige Möglichkeit, wenn ich nach L.A. fahren würde. Und was passierte einen Monat später? Ich bekam einen Anruf, ob ich nicht bei einer Boyband mitmachen würde. Ein paar Monate später hatten wir unseren ersten Vertrag.

Morgenpost Online: Daraus entstand 'N Sync?

Justin Timberlake: Genau. Also, wenn man es genau nimmt, wollte ich zuerst Schauspieler werden und erst in zweiter Linie Musiker.

Morgenpost Online: Zu Beginn waren Ihnen die Kritiker nicht unbedingt wohlgesonnen, als Sie die Karriere gewechselt und mehr als Schauspieler zu arbeiten begonnen hatten.

Justin Timberlake: Ich würde das nicht auf die Schauspielerei beschränken. Als ich mein zweites Solo-Album herausbrachte, da war unter den Kritikern schon allgemein klar, dass ich keine musikalische Eintagsfliege sein würde. Das hielt sie aber nicht davon ab, offen zu sagen, dass sie keine Ahnung hätten, was ich mit dieser Art Musik bezwecken wolle. Sechs Monate später erklärten es die gleichen Kritiker zum Meilenstein.

Morgenpost Online: Also hören Sie nicht auf Kritiken?

Justin Timberlake: Das würde ich nicht sagen. Aber ich habe meine eigene Definition, was Kritiken sind. Kritiken sind immer Projektionsflächen. Da erwartet jemand etwas und dann ist es sehr spannend, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Natürlich werde ich gern gelobt. Aber ich gebe nicht zuviel auf Kritiken.

Morgenpost Online: Das mit den Superstars dieser Welt ist auch eine Sache von Projektion, oder?

Justin Timberlake: Genau. Deshalb beantworte ich die Frage, ob ich ein Star wäre, auch nicht mehr. Das hat mit mir nichts zu tun. Wenn mich andere so sehen, dann ist das ihre Sache. Aber ich werde sie nicht noch einladen, mich bei so einem Unfug als Spielfigur einzuplanen. Das ist nicht mein Spiel. Nichts, dass ich irgendwie beeinflussen könnte.

Morgenpost Online: Wissen Sie schon, wann Sie Zeit für ein neues Album finden werden?

Justin Timberlake: Gute Frage – nächste Frage. Keine Ahnung, ich weiß es einfach nicht. Mir geht es bei Musik und Film ähnlich. Soll ich meine Lebenszeit mit reinem Kommerz verschwenden? Ich denke ja nicht im Traum dran. Ich will etwas erschaffen, das den Moment festhält, das länger bleibt als nur ein paar Wochen oder Monate. Irgendwann werde ich merken, dass es wieder Zeit für ein neues Album ist.