ZDF-Verfilmung

Prüde Biografie mit Franka Potente als Beate Uhse

Franka Potente spielt Beate Uhse. Das ZDF würdigt die Pionierin der deutschen Sex-Aufklärung mit einer Filmbiografie, in der Potente mit haarsträubender Perücke die knallharte Geschäftsfrau gibt.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Das wir Deutschen heute alle unsere Sexualität leben können, das haben wir mehreren Komponenten zu verdanken. Die Pille gehört natürlich dazu, ohne die die Freie Liebe nie möglich gewesen wäre. Der Kinsey-Report. Auch die Einführung des Privatfernsehens, mit dem nicht nur viel Tuttifruttiges auf den Bildschirm kam, sondern auch Aufklärungsformate wie „Liebe Sünde“. Mit dem Internet schließlich fielen die letzten Schamgrenzen. Aber weit früher schon hat auf diesem Gebiet eine Frau Pionierarbeit geleistet, um die Nation aufzuklären – auch wenn moralische Scheinapostel sich heftig dagegen auflehnten: Beate Uhse. Die Unternehmerin wurde gern auf das bloße Vertreiben von Sexkatalogen und Sexspielzeug reduziert. Jetzt, zehn Jahre nach ihrem Tod, würdigt sie das ZDF endlich mit einem Biopic, das ihre eigentlichen Verdienste in den Vordergrund stellt.

Zu weich, zu versöhnlerisch

Alles beginnt kurz nach dem Krieg, als einige Frauen sich hilfesuchend an die aus Ostpreußen geflohene Kunstpilotin wenden, wie man verhindern könne, schwanger zu werden. Uhse empfiehlt die Verhütungsmethode nach Knaus-Ogino, errechnet Menstruationszyklen für die Ratsuchenden, für jede individuell und anfangs auch ganz ohne Entgelt. Bis ihr künftiger Mann in Zeiten des Schwarzmarkts den kühnen Gedanken hat, das professionell als Broschüre zu vertreiben. Es wird die „Schrift X“, sie wird in einer Dachstube verfasst, ihrer notdürftigen Unterkunft, und auf einer einfachen Matrize vervielfältigt. Der Beginn eines Imperiums.

Beate Rotermund-Uhse will, das ist vielleicht ein bisschen viel Weihrauch, eigentlich nur die Gesellschaft aufklären und gar kein Geld damit verdienen. Das aber ist ein doppelter Tabubruch in der jungen Bundesrepublik: Nicht nur guckt da jemand den Deutschen unter die Bettwäsche und stellt den spießigen Adenauer-Muff in Frage. Es ist obendrein eine Frau, die hier in die Männerdomäne des Wirtschaftswunders dringt. Das aber will sich Vater Staat nicht gefallen lassen. Immer wieder werden Prozesse angestrengt, mit Paragraphen, die noch aus der Kaiserzeit stammen. Die Frau geht aber unbeirrbar ihren Weg, kommt aus jedem Prozess sogar gestärkt hervor. Gibt nicht klein bei – sondern „wird laut“, wie sie selbst sagt, mit der Eröffnung ihres „Fachgeschäfts für Ehehygiene“, was, das vergisst der Fernsehfilm zu erwähnen, der erste Sexshop der Welt ist. 1972 streitet sie bis zum Bundesgerichtshof, wo ihr Einwurf zur Legende wird, hier stünde nicht sie, sondern der Orgasmus vor Gericht. Damit bringt sie ihre Gegner endgültig zum Schweigen. Die Sexrevolution kann beginnen.

Das A und O dieser Tele-Huldigung ist die Besetzung. Wer konnte, wer würde Beate Uhse glaubhaft verkörpern? Eine spontane Umfrage unter Freunden ergab Namen wie Nina Hoss, Jeannette Hain, Johanna Wokalek. Das ZDF aber bringt eine andere – mit haarsträubender Perücke – ins Spiel: Franka Potente. Die hat in „Lola rennt“ die verkrustete Kohl-Ära aufgerüttelt, hat in „Anatomie“ gegen abgründige Mediziner und in der „Bourne Identität“ mit Matt Damon gekämpft. Ein deutscher Star, kein Zweifel, aber für die kämpferische Uhse doch ein bisschen zu weich, zu milde, zu versöhnlerisch.

Das aber mag ein Grundkonzept der Verfilmung gewesen sein. Regisseur Hansjörg Thun hat sich bisher eher mit Abenteuerplotten wie „Die Schatzinsel“ und Mittelalterdramen wie „Die Wanderhure“ und, diese Woche erst, „Isenhart“ hervorgetan. Eine kritische Bestandsaufnahme der Bundesrepublik war von ihm nicht zu erwarten. Seine Uhse-Filmbiographie geht von Anfang an vom späten Sieg der lange Angefochtenen aus – und erzählt eher als Posse, was doch ein knallhartes Drama hätte werden müssen. Dass sich da eine ganze Kamarilla von Politik, Justiz und Kirche, natürlich allesamt Männer, zu selbsternannten Sittenwächtern aufspielen, das muss man sich schon selber zusammenreimen. Stattdessen wird die Uhse gezeigt als eine Scheiternde, mit der sich dann wieder alle identifizieren können: weil auch die Streiterin für eine erfüllte Sexualität letztlich dieselben Eheprobleme hatte wie so viele andere auch.

Etwas mehr Courage, bitte

Beate Uhse war kämpferisch, couragiert, konfliktbereit. Davon hätten die Filmemacher sich ruhig eine Scheibe abschneiden können. „Beate Uhse – Das Recht auf Liebe“ ist dagegen erstaunlich prüde und zugeknöpft für einen Film, der doch von Sex als Bewusstseinsform und Industriezweig handelt. Nix da von Orgasmus. Die Filmemacher haben, um im Bild zu bleiben, ein Kondom benutzt (einen Pariser, hätte die Uhse wohl noch gesagt). Sie sind auf Nummer Sicher gegangen, um das Publikum zur Hauptsendezeit nicht zu brüskieren. Als ob man nicht längst auf allen Kanälen ganz anderes gewohnt ist.

Es ist löblich, wenn kein Tuttifruttikanal, sondern ein öffentlich-rechtlicher Sender der Vorkämpferin späten Lorbeer windet. Aber, schlimm genug, das sagen zu müssen, fast wünschte man sich, ein Macho-Regisseur hätte das provokativ mit barbusigen Klischees garniert oder eine Charlotte Roche wäre hier durch Feuchtgebiete gewatet. Das Schmuddel-Image ist Beate Uhse zwar jetzt los. Gerecht ist ihr aber auch dieser Film nicht geworden.