Joachim Kosack

Neuer Sat.1-Chef ist ein beharrlicher Dickbrettbohrer

Als Chef der Spielfilm-Sparte hat Joachim Kosack Sat.1 seit 2007 aus seiner schwersten Krise gerettet. Jetzt soll er sich selbst übertreffen – als neuer Chef des Senders.

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Es gibt Personalien, die alleine schon deshalb eine gewisse Aufmerksamkeit generieren, weil sie Persönlichkeiten betreffen, deren Name für Qualität steht. So gesehen kam die Meldung, dass Joachim Kosack zum 4. Oktober die alleinige Geschäftsführung von Sat.1 übernehmen wird, einer doppelten Volte gleich.

Schließlich ist ihm in seiner vierjährigen Amtszeit als Fiction-Chef von Sat.1 etwas gelungen, was 2007 kaum jemand für möglich gehalten hatte: Nämlich dass er, der ehemalige Teamworx-Produzent quotenträchtiger TV-Dramen wie „Stauffenberg“ oder „Die Flucht“, dem schon für tot gehaltenen Sat.1-Spielfilm zu neuer Blüte und dem Sender damit aus seiner schwersten Krise geholfen hat.

Dass er jetzt auch noch die übrigen Baustellen des Sorgenkindes der börsennotierten Sendergruppe ProSiebenSat.1. übernimmt, war da schon fast absehbar. Beinahe sieben Monate lang hatte er Zeit, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten.

Erst im März hatte der bisherige Sat.1-Chef Andreas Bartl verkündet, er werde sich die Leitung mit Kosack als Co-Geschäftsführer teilen. Seither ist beim Bällchensender einiges in Bewegung geraten.

Kai Pflaume und Oliver Pocher gingen, Harald Schmidt, der last man standing der Late Night , kam zurück. Doch noch immer gibt es weder ein klares Programmschema, noch zeichnet sich ab, in welche Richtung die Reise gehen soll.

Kampf um die junge Zielgruppe

Einst als Familiensender angetreten, läuft Sat.1 Gefahr, jüngere Zuschauer zu verlieren. Mit einem Marktanteil von elf Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen liegt der Sender zwar noch auf Platz drei. Doch ob er diese Position nach dem Verlust der Übertragungsrechte für die Champions League behaupten kann, darf bezweifelt werden.

Die Rückkehr altgedienter Show-Ponys wie Jürgen von der Lippe, Ulla Kock am Brinck oder Linda de Mol erweckt eher den Eindruck, als habe der Sender anti-zyklisch eine Offensive gegen den Jugendwahn gestartet. Der Zug mit den Teens und Twens ist längst in Richtung ProSieben abgefahren. Bei Sat.1 findet man sie nur noch vereinzelt bei den Spielshows, die der Sender als erster wiederbelebt hat.

Sie schalten auch Comedy-Klassiker wie „Pastewka“ oder „Ladykracher“ ein oder – Joachim Kosack sei Dank – die großen Sat.1-Spielfilme wie „Die Wanderhure“ oder „Marco W.“

Jetzt überlässt Bartl seinem Buddy allein das Ruder, und in der Branche wird gerätselt, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.

Bartl verlässt das Schiff mit einer Prognose, die kaum vager klingen könnte. Als er Sat.1 2010 übernommen habe, da habe er versprochen, ein bestelltes Haus zu übergeben, sagte er in einem Interview mit der FAZ. „Ich habe den Eindruck, es ist so weit.

Joachim Kosack ist einer der besten Fernsehmacher in Deutschland, sehr charismatisch, sehr kreativ, sehr erfahren. Und es tut sich sich sehr viel bei Sat.1: Wir haben gerade vier neue Serien bestellt, die 2012 ins Programm kommen.“

Nolens volens hat Bartl damit das Dilemma des Senders auf den Punkt gebracht. TV-Serien wie „Danni Lowinski“ oder „Der letzte Bulle“ sind noch immer ein Pfund, mit dem Sat.1 wuchern kann – allerdings ist es beinahe auch das einzige.

Gerade hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dem bisherigen Fiction-Chef dafür den Sonderpreis des Robert-Geisendörfer-Preises verliehen. Schließlich, so heißt es in der Begründung, habe Kosack bewiesen, dass es auch im unterhaltungsorientierten Privatfernsehen möglich sei, das Programm nicht allein „mit populärem Eskapismus“ zu füllen.

Spielfilme wie der Anti-Akw-Film „Restrisiko“ oder die Serie über die Kleine-Leute-Anwältin „Danni Lowinski“ zeugten von einem sozialkritischen Anspruch, das persönliche Verantwortungsbewusstsein zu stärken oder das soziale Miteinander zu fördern. Es war ein denkwürdiger Moment.

Beharrlicher Dickbrettbohrer und charmanter Verkäufer

Nach dem Credo eines kommerziellen TV-Programmes klang die Laudatio nicht. Der Zynismus der Branche verträgt sich kaum mit einem christlichen Menschenbild. Spätestens da fragten sich Beobachter: Wie ist der Sohn eines evangelischen Missionars ausgerechnet zu Sat.1 gekommen?

Frühere Weggefährten des 45 Jahre alten Wahl-Berliners wundert dieser Werdegang indes nicht. Sie sagen, der Fiction-Chef und Sat.1, die beiden hätten zusammengepasst, wie Schloss und Schlüssel.

Schließlich gehöre der Allrounder nicht nur zu den wenigen Spielfilmchefs, die die Branche von allen Seiten kennengelernt habe, als Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und TV-Produzent. Er gilt als auch beharrlicher Dickbrettbohrer und charmanter Verkäufer.

Anders ließe sich nicht erklären, wie es ihm gelang, den wechselnden Chefs des chronisch klammen Senders ausgerechnet Geld für Spielfilme und Serien aus den Rippen zu leiern. Als Produzent hat Kosack ein Gespür für gute Stoffe und als ehemaliger Regisseur ein Händchen für junge Schauspieler.

Als Fiction-Chef verstand er es, dieses Know-how mit den Anforderungen des Marktes zu verbinden. „Wir müssen schauen, dass die Frauen die Filme gut finden, dann aber die Filme so aufstellen, dass Frauen die Chance haben, auch ihre Männer zum Mitgucken zu überreden“, so hat er diese Aufgabe einmal beschrieben.

Hat er eine Vision für das übrige Programm? Dass Sat.1 am Vorabend neuerdings wieder olle Kamellen wie „Die Comedy-Falle“ mit Kai Pflaume recycelt, nährt nicht die Hoffnung, dass Kosack der Spagat ein zweites Mal als Sat.1-Geschäftsführer gelingen könnte. Der Preis, den er sich damit verdienen würde, müsste noch erfunden werden. Es ist ein Pudding, den man an die Wand nageln kann.