Menschen, die Zyniker nicht mögen, müssen jetzt für ein paar Minuten ganz tapfer sein: Sollte der Aufschwung in Deutschland noch länger anhalten, sagen wir noch fünf Jahre, würde das dem deutschen Kino gar nicht gut tun. Denn wir würden sie doch sehr vermissen, die (gern im Sommer anlaufenden) Tragikomödien aus Frankfurt/Oder und Ostberlin.
Aus denen erfuhr der staunende Westdeutsche (beispielsweise in der Eifel oder am Ammersee), wie sich wirkliche Hartz-IV-Empfänger im Osten so abstrampeln, wie es im Plattenbau wirklich zugeht. Sie hatten immer das Herz am rechten Fleck, sonst hatten sie meistens nichts. Außer Problemen natürlich. Man mochte nicht wirklich mit ihnen tauschen (brauchte man ja auch nicht). Aber man mochte die Menschen.
Prahl spielt Musterexemplar eines Arbeitslosen
Zumal da sie meistens aussahen wie Axel Prahl. Angesichts der sinkenden Arbeitslosenzahlen bekommt man deswegen bei Bernd Böhlichs erstem Spielfilm „Du bist nicht allein“ fast schon ein nostalgisches Gefühl. Es könnte sich um ein traurigschönes Exemplar einer aussterbenden Gattung handeln, was man da sieht. Immerhin handelt es sich um ein Musterexemplar. Und noch dazu um eines, was man durchaus mögen kann, beinahe muss. Unter anderem weil Axel Prahl („Halbe Treppe“) darin wieder einmal den Hartz-IV-Normalempfänger gibt.
Diesmal heißt er Moll. Herr Moll. Er wohnt in der Platte. Hat einen dicken Sohn und eine ehemalige Wurstfachverkäuferin als Frau. Nur keine Arbeitsstelle. Er malt Panoramen an die Balkonwände.
Frau Moll (Katharina Thalbach) freut sich beinahe tot, als sie eine Stelle beim Wachdienst bekommt samt einer Uniform. Außerdem ist da der frisch geschiedene Physiker Wellinek (Herbert Knaup), der eine kahle Wohnung mit Kühlschrank voll Alkohol bezogen hat, von der er auf sein Ex-Eigenheim herabsehen kann. Und Frau Wellinek (Karoline Eichhorn), eine mehr oder weniger arbeitslose Schauspielerin, die vor allem Frösche synchronisiert und ihre Stimme einer Telefonsexfernsehwerbung leiht.
Regisseur tappt nicht in die Klischee-Falle
Von vier Menschen also, die auf der Kippe stehen, erzählt Böhlich in seinem sozialrealistischen Mutmachmovie. Vier Menschen, denen keiner mehr Hoffnung macht, die eigentlich keine Perspektive mehr haben und keine Chance. Die sich entscheiden müssen, sich fallen zu lassen oder aufzustehen. Und sie hätten bis zur Rente einfach so nebeneinander her gelebt, wenn nicht ein nicht mehr ganz so junges Zauberwesen namens Jewgenia aus dem fernen Russland in die Wohnung direkt neben der der Familie Moll gezogen wäre. Jewgenia ist der Katalysator. An Jewgenia entzünden sich Herr Moll und Herr Wellinger. Und der ganze Film.
Der wäre um ein Haar mindestens ebenso schief gegangen wie die Karrieren seiner vier traurigen Helden: weil die Dramaturgie doch ziemlich durchsichtig ist. Weil die Balance der vier Geschichten eine Unwucht zugunsten der Mollschen Liebesgeschichte hat. Weil Böhlich beinahe kein Genreklischee auslässt. Aber er geht nicht schief.
Denn Böhlich lässt an keiner Stelle den Verdacht aufkommen, er bereichere sich am Elend seiner eigenen Geschichte. Die Molls und die Wellineks werden nicht ausstellt, nirgends verjuxt, sondern erstehen geradezu peinlich real, indem der Regisseur der kitschigen Warmherzigkeit seines Plots erschreckend kalte Bilder gegenüber stellt.
Böhlich nimmt seine Inszenierung (überwiegend) bis zum Skeletthaften zurück. Und er kann sich blind auf sein Darstellerteam verlassen. Die überdrehen an keiner Stelle die Schraube, die übertreten an keiner Stelle die Grenze zum Kitsch. Der unbestrittene Meister im effektvollen Plattenbau-Minimalismus ist Axel Prahl. Der muss gar nichts sagen, der muss nur die Augen bewegen, den Mund verziehen. Oder singen.
Axel Prahl singt! Unter lauter exaltierten Russen, denen er gerade einen Gummibaum („'n Jummibaum is dit Jrößte“) vorbeigebracht zur Housewarmingparty. Und was singt er, die Augen immer auf Jewgenia, Augen, die geradezu jaulen vor Sehnsucht? Roy Black. „Du bist nicht allein, / wenn du träumst heute Abend. / Du bist nicht allein, / wenn du träumst von der Liebe“. Kitsch! Aber so schön.




