Morgenpost Online: Ohne Ihre Platten hätten unsere Eltern sich in den Siebzigerjahren keine Kellerbar gebaut. Sie haben einiges geleistet für die deutsche Partykultur.

James Last: Ich glaube, dass meine Musik damals der absolute Hammer für die Leute war. Unsere großen Party-Abende, ob in Hamburg, München, Köln oder sonstwo, das war Leben im Hier & Jetzt. Wir waren die erste Bigband, die sich nicht bloß in der Vergangenheit bediente, sondern die auch Beatles-Titel spielte. Damals tobte im Pop ja noch der Kampf Alt gegen Jung, und plötzlich sahen die Jungen, dass ihre Eltern zu den Melodien der angesagten Bands schwoften.

Morgenpost Online: Wie sah denn damals Ihr persönliches Partyleben aus?

Last: Ich bin ja als Bremer in die Hamburger Gesellschaft eingebrochen, und es hat sehr lange gedauert, bis man auch wirklich drin war. Damals lief vom Plattenteller an der Elbe immer das Übliche: Mantovani zum Essen und Trini Lopez zum Tanzen. Nach diesen Partys fuhr ich regelmäßig los, besorgte mir die richtigen Platten und führte beim nächsten Mal vor, wie es auch mal so richtig losgehen könnte.

Morgenpost Online: Welches war die erste Ihrer Platten, bei denen es keine Pausen zwischen den Songs mehr gab, und war das wirklich Ihre Idee?

Last: Das war tatsächlich meine Idee, ja. Das war 1965, im Jahr der Namensänderung von Hans in James. Die allerdings hat mich kein bisschen verändert, wohl aber änderte sich der Blick auf partytaugliche Musik danach.

Morgenpost Online: Sänger gab es auf Ihren Platten damals ja nur sehr selten. Wussten Sie, dass man mit Sängern mehr Ärger als alles andere hatte?

Last: Nee. Ich hatte nie Ärger mit Sängern. Wenn man Arrangeur ist, muss man sich auf Solisten einstellen und nicht umgekehrt. Die Beatles haben in dieser Hinsicht alles verändert, weil sie alles selbst machten. Text geschrieben, Musik gemacht, selbst produziert. Vorher war das ja völlig anders. Da suchte man sich einen Sänger, der singen konnte und fragte nicht danach, was er so singen wollte. Bestes Beispiel war Roy Black. Der war eigentlich Rock’n’Roller, aber man wollte ihn als angenehmen jungen Mann fürs Establishment. Der hat mir mal sein Herz ausgeschüttet, der wäre gern ein Anderer gewesen als ausgerechnet der Schwiegersohn für die Normalfamilie. Wencke Myhre hätte ein Riesenstar werden können, die hatte unglaubliche Talente. Aber man ließ sie nicht.

Morgenpost Online: Sie produzierten in manchen Jahren zwölf Alben, neun waren fast schon der Durchschnitt …

Last: … worüber ich heute selbst staune. Ich könnte das natürlich auch nicht mehr, mal abgesehen von den Plattenfirmen, die es mir nicht mehr gestatten würden.

Morgenpost Online: Böse Zungen nennen so etwas Fließband-Produktionen. Wie haben Sie damals Qualitätsmanagement betrieben?

Last: Es ist doch so: Du hast eine Idee, die reifen muss. Hat sie das getan, kannst du sie irrsinnig schnell umsetzen. Bei der ersten Polka-LP habe ich 18 Monate lang überlegt, wie das wohl gehen könnte. Als ich es dann wusste, waren die Arrangements in wenigen Tagen fertig. Heute machen das alle nach: Zwei Trompeten im Zentrum, dann singen die Kastelruther Spatzen darüber und du hast eine Polka-Platte. Haben wir auch so gemacht, bloß als erste.

Morgenpost Online: Was von Ihrer Musik entsteht aus dem Kopf, was aus dem Bauch?

Last: Das spielt gar keine Rolle bei mir. Ich weiß in etwa, warum Stockhausen schrieb, wie er nun einmal schrieb: weil er halt die Zeit beschissen fand.

Morgenpost Online: Bei Ihnen klingt es nie nach beschissenen Zeiten.

Last: Gott sei Dank! Aber deshalb vertonen wir keine Sahnetorten. Alle unsere Titel haben durchaus eine bestimmte Beziehung, da muss man nur mal Pinks „So What“ nehmen. Was singt sie denn da? Genau: „So What!!“ Trotzdem kann und muss ich mit meinen fast 80 Jahren sagen: Das Leben ist lebenswert. Kann man ja durchaus mal sagen.

Morgenpost Online: Als ich 18 war, wäre es das Schlimmste gewesen, in ein Konzert zu gehen, zu dem meine Mutter gern mitgekommen wäre. Heute ist das der Normalfall. Verändert das Ihre Arbeit?

Last: Also nochmal: Ich finde das ja toll. Unser Programm war eigentlich schon damals dafür gemacht. Hat aber nicht so funktioniert. Heute spiele ich alte Songs, die den Jungen gar nicht alt vorkommen, die aber die Alten noch kennen und sagen, oh, guck mal, das gibt’s immer noch! Und dazwischen kommen ganz aktuelle Titel.

Morgenpost Online: Welches sind denn die aktuellsten?

Last: Eben James Blunt, Pink und Ähnliches. Das Problem ist: Was ich jetzt gut finde und arrangiere, ist dann, wenn ich auf Tour gehe, schon wieder fast vergessen. Da singt Justin Timberlake was von Al Green, den wir damals immer „Aal grün“ nannten, aber ein paar Wochen später erinnert sich niemand mehr. Ist aber ein altes Problem. Ich habe damals vorgeschlagen, mal Streisand und Gidon Kremer und Jazz zu mischen, aber da hielt man mich natürlich für verrückt. Heute ginge das eigentlich, aber heute ist ja überall Playback angesagt. Da reisen Musiker aus Kalifornien an, spielen bei Carmen Nebel zum Band und reisen am nächsten Tag wieder ab. Da könnte man auch gleich Pappaufsteller nehmen.

Morgenpost Online: Ihr Umgang mit Ihren Musikern ist inzwischen Legende, Sie stehen da im Ruf eines generösen Familienvaters. Was haben Sie dafür von Ihren Musikern zurückbekommen?

Last: Dasselbe. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Die freuen sich alle, dass sie bei mir spielen können. Ich mache ihnen die Arbeit heute auch leichter, sie kriegen die am Computer entstandenen Arrangements geschickt und können schon mal zuhause üben, das verkürzt später die Proben.

Morgenpost Online: Gab es, als Sie Ihren Musikern damals ein eigenes Freizeitzentrum fürs ja doch sauer verdiente Geld bauten, niemals Leute, die gefragt haben: Warum macht er das bloß?

Last: Nein, wir haben immer schöne Feste gefeiert, mit unseren Frauen. Zu Weihnachten oder auch zwischendurch. Nachgemacht hat das trotzdem keiner, warum auch immer. Neulich hörte ich von Vicky Leandros, die mit den Söhnen Mannheims aufgenommen hat, dass es da wohl auch so etwas Ähnliches gibt. Das hat mir gefallen. Aber das sind halt eben auch keine Musiker, die um 16 Uhr die Trompete fallen lassen und nach Hause gehen, weil ihr Tarifvertrag das so vorsieht.

Morgenpost Online: In welchen Phasen Ihres Lebens hat Geld für Sie eine wirklich wichtige Rolle gespielt?

Last: Nie. Höchstens, wenn ich Leuten Geld schuldete und das so schnell wie möglich zurückzahlen wollte. Ich habe ja schon vier Tage nach der Währungsreform 80 Mark für ein Arrangement bekommen, das durfte man eigentlich keinem erzählen. Zum Leben war immer alles da, ein paar Jahre später lag mein Honorar schon bei 800 Mark. Hört sich heute nicht viel an, war damals aber ein fürstliches Salär. Ich habe aber eigentlich nie für Geld gearbeitet, ich hab’s nur immer mitgenommen.

Morgenpost Online: Für die Polydor waren Sie lange Jahre das, was der Käfer für VW war. Wie erinnern Sie sich an die Mittachtziger, als Ihre Förderer und Freunde Olli Drechsler und Werner Klose gingen?

Last: Da war einfach die Zeit vorbei. Mehr kann und will ich dazu lieber nicht sagen. Wir hatten damals ein Studio, dass 24 Stunden pro Tag zu unserer Verfügung stand, so etwas gibt es inzwischen halt nicht mehr.

Morgenpost Online: Fragen zu Ihrem Privatleben möchten Sie nicht beantworten. Wie nahe kommen langjährige Fans dem privaten James Last?

Last: Näher als den meisten anderen Künstlern, würde ich mal schätzen. Künstler sind in dieser Hinsicht ja eine seltsame Spezies. Ich finde immer, dass wir unseren Konzertbesuchern was schuldig sind. Die kommen schließlich, auch weil es sie interessiert, was wir grundsätzlich so machen. Die nehmen viel Anteil. Oft stehen ja Stars auf der Bühne, bei denen kein Fan weiß, wer bei denen die Gitarre oder das Schlagzeug spielt. Das ist bei uns anders, da kennen viele im Saal auch noch den Namen des vierten Trompeters. Wir arbeiten, mal bildlich gesprochen, ohne Orchestergraben.

James Lasts Deutschland-Tour beginnt am 23. April 2009 in der Oberfrankenhalle in Bayreuth.