Pop

Erasure feiern die Disco-Zukunft von gestern

Das Popduo Erasure meldet sich mit einem neuen Album zurück. Wirklich modern klingt es aber nicht. Außerdem: Neues von Zola Jesus und Kraftklub.

Foto: Steve Double / Steve Double/Jahnke

Die Welt von morgen ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Vor 30 Jahren glaubten Künstler wie Vince Clarke noch an die Zukunft. Clarke synthetisierte die Musik für Depeche Mode und später für Yazoo . Als Schlagzeug und Gitarren trotzdem nicht verschwanden und der Pop begann, in sich zu kreisen, gründete der Maschinist das Popduo Erasure und erfand den ewigen Retrofuturismus der Musik. Mit heiligem Ernst sang Andy Bell den immergleichen Song in allerlei Variationen.

Clarke stand streng an seinem Pult. Gelegentlich gönnten die Zwei sich einen Scherz, traten als Abba-Sängerinnen auf oder spielten ihr Werk auf Schlagzeug und Gitarren nach. Jetzt haben sie sich einen Produzenten eingeladen, der so alt ist wie Erasure, 26 nämlich, um zu untersuchen, wie die Welt von morgen klingen könnte: Unter dem Namen Frankmusic hat Vincent Frank schon für die Pet Shop Boys gearbeitet.

So visionär wie im vorigen Jahrhundert

Auch sie waren begeistert, dass sich ihre Stücke immer noch so visionär anhören wie im vorigen Jahrhundert. So ergeht es Vincent Frank nun mit Erasure. Wenn er Andy Bells Gesang dezent mit Autotune behandelt, klingt es nicht moderner, sondern nur veredelt.

Wenn er seinen Kunden ungestüme Taktsprünge verordnet wie im Dubstep, spielen sie es sich zurecht als Discostück. Und zwingt er sie zum Selbstzweifel wie in „I Lose Myself“ singen sie anschließend „Then I Go Twisting". Wer nicht mehr an Morgen glaubt, hat allen Grund zur Zuversicht.

4 von 5 Punkten.

Zola Jesus: Conatus (Souterrain Transmissions)

Eigenen Angaben zufolge lebte Zola Jesus bis zur Studienreife in den Wäldern von Wisconsin als Nika Rosa Danilowa. Sie sei, beteuert sie, die Tochter eines Russen, der im amerikanischen Exil die Städte nicht ertrug. Er zimmerte seiner Familie eine Hütte, schoss die Mahlzeiten und legte alte Punkschallplatten auf. Es gab kein Fernsehen und kein Internet.

Das Mädchen sang den Bäumen seine eigenen Lieder vor, die es für Opernarien hielt. Dann floh es an die Universität, las Schopenhauers Schriften und begann, als Sängerin unter dem Namen Zola Jesus aufzutreten. Man weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Aber was heißt das schon im Pop, wo auch die Mythen und Legenden Waren sind?

Auch in den Liedern ihres dritten Albums wird die 22-jährige wieder umweht von einer rasputinhaften Düsternis. In ihrem kehligen Alt singt sie zum Laptop Songs wie „Night“ und „Avalanche“, die ihre Stimmung schon im Titel tragen. In „Hikikomori“ geht es um Japaner, die sich aus der Welt zurückziehen und nicht mehr vor die Tür gehen. Das ganze Album handelt von der wieder angesagten Sehnsucht junger Frauen nach Depression und Drama. Jeder dürfe hören, worunter sie leide, was sie fühle, wer sie sei, sagt Zola Jesus. Es muss ja nicht stimmen.

3 von 5 Punkten.

Kraftklub: Mit K (Universal)

Nie zuvor ist das Methusalem-Komplott so einleuchtend besungen worden von der abgehängten Jugend: „Ich bin 20/ Einer ganzen Generation geht es ähnlich/ Pornos, Gruppensex - alles schon mal da gewesen/ Wir haben Philip Roth zehn Jahre danach gelesen/ Unsre Eltern kiffen mehr als wir/ Wie soll man rebellieren?/ Egal wo wir hinkommen, unsre Eltern warn schon eher hier/ Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt/ Und wir sitzen am Feuer, hören zu, was die Dinos erzählen/ Wir sind zu jung to Rock’n’Roll.“

Im Video pöbeln sich fünf Greise durch die Stadt in Collegejacken, sie schüchtern die Jugend ein und pochen auf das Recht der sicheren Rente. Kraftklub stammen aus Karl-Marx-Stadt, wie sie sagen. Es ist nicht die Stadt von Katarina Witt und Michael Ballack, der Beflissenen und Braven. Sondern die vergessene Wiege schlauer deutscher Popmusik von Bands wie AG Geige.

Kraftklub mischen HipHop, Powerpop und Ska, Protestmusik und groben Unfug. Sie legen viel Wert auf zeitlose Garderobe, gut sitzende Polohemden, schmale Hosenträger und Frisuren, die man nicht erklären muss. So kommen sie auf Lieder wie „Ich will nicht nach Berlin“ oder „Scheißindiedisko“. Man wird noch von ihnen hören, wenn sie missgünstige, alte Männer sind.

4 von 5 Punkten.