Neues Album

Kate Bushs Lieder aus der Sicht einer Schneeflocke

Mit "50 Words for Snow" präsentiert Kate Bush nach sechs Jahren Pause ihr zehntes Album. Die Idee hinter dem Werk ist peinlich, aber auch berührend.

Wie wäre es mit Shnamistoflopp’n, Terrablizza und Whirlissimo? Mit Shimmerglisten, Faloop’njoompoola, Slipperella und Zhivagodamarbletash? Auf ihrem neuen Album „50 Words For Snow“ fordert Kate Bush fünfzig Wörter für Schnee, und Schauspieler und Albumgast Stephen Fry soll sie der ungeduldigen Künstlerin liefern.

Immer, wenn er eine kurze Denkpause einlegt, meldet sie sich zu Wort und singt etwa: „Mach’ schon, es fehlen noch 32, du weißt doch, nicht nur die Eskimos haben 50 Worte für Schnee.“ Wobei Bush selbstverständlich weiß, dass nicht einmal die Eskimos so viele Schneeworte kennen, das ist nur eine Legende, doch Fry wartet mit immer abenteuerlicheren Schöpfungen auf – Spangladasha, Albadune, peDtaH ’ej chlS qo’ – und bis er schließlich „Schnee“ sagt, die 50 damit voll macht und das Stück endet.

Kate Bush hat ihr neues Werk als eine Sammlung von sieben Liedern beschrieben, deren inhaltliche Klammer der Schneefall ist. Die Laufzeit beträgt 65 Minuten, was dazu führt, dass der kürzeste Song immerhin fast sieben Minuten lang ist und der längste mehr als 13 Minuten dauert.

Es gibt keinen typischen Bush-Sound

Ihre Fans äußerten daraufhin die Sorge, dass es sich bei dem Album nicht um ein typisches Bush-Werk handeln könne, wobei nicht ganz klar ist, wie man sich ein typisches Bush-Werk vorzustellen hat. Ist es wie ihre Alben „The Kick Inside“ und „Lionheart“, beide aus dem Jahr 1978, als sie zu einer eigentümlichen Mischung aus Pop, Folk, Reggae und Saxophonrock in den höchsten Tönen etwa über Klassiker der Literatur, das Wunder der Monatsblutung und Inzest mit unbeabsichtigter Schwangerschaft sang?

Oder sind es die Alben „Never For Ever“ von 1980 und „The Dreaming“ von 1982, auf denen sie sich nach Kräften an dem Fairlight CMI ausprobiert, dem ersten Synthesizer mit Sampling-Funktion, der gerade auf den Markt gekommen war?

Bush war von dem Gerät so angetan, dass sie bald nur damit beschäftigt war, seltsame Geräusche aufzunehmen und zu Songs zusammenzubasteln, weshalb ein Rezensent des britischen Musikmagazins „Melody Maker“ beim Erscheinen von „The Dreaming“ bemerkte, dass es eine der kaputtesten Platten sei, die er je gehört habe. Oder ist ihr Album „Hounds Of Love“ aus dem Jahr 1985 typisch, auf dem ihre großen Hits „Running Up That Hill“ und „Cloudbusting“ zu hören sind?

Lieder aus der Perspektive einer Schneeflocke

Die beiden nachfolgenden Alben „The Sensual World“ und „The Red Shoes“ sind es jedenfalls nicht. Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen entscheidet Bush, dass sie nur bedingt mit ihnen zufrieden ist, und veröffentlicht im Mai 2011 mit „Director’s Cut“ eine Überarbeitung ausgewählter Stücke. Dazwischen erscheint 2005 noch das sommerliche „Aerial“ – aber auch das ist nicht typisch.

Wer nun denkt, „50 Words For Snow“ könnte das winterliche Gegenstück zu „Aerial“ sein, der unterstellt Bush, dass sie ihre Kreativität einem Vieljahresplan unterordnen würde. Doch ihre Kreativität muss frei umherflattern, nur so kann sie überhaupt erst auf die Idee kommen, das Album mit einem Lied wie „Snowflake“ zu eröffnen, das aus der Perspektive einer Schneeflocke erzählt wird.

Offenbar handelt es sich bei dieser Flocke um ein besonders nachdenkliches und sensibles Exemplar, das sich kaum dass es aus seiner Wolke herausgefallen ist, Gedanken über die Erde und ihre Bewohner macht. „Ich glaube, ich kann dich sehen“, singt die Flocke, „da ist dein langer, weißer Hals. Die Welt ist so laut.“ Das Stück ist sehr leise. Nur zaghaft bedient Kate Bush das Klavier, hier und da hört man einen Bass, aus der Ferne weht zaghaft ein Schlagzeug herüber.

Knabengesang lässt die Musik unschuldig wirken

Bushs 13-jähriger Sohn Albert McIntosh übernimmt mit seiner Chorknabenstimme weite Teile des Gesangs, was die Flocke „Snowflake“ noch unschuldiger wirken lässt. Doch kaum ist sie auf der Erde angekommen, verwandelt sie sich in „Lake Tahoe“ in eine Katze, die dringend vom Geist einer alten Frau gesucht wird, die vor langer Zeit im See ertrunken ist.

„Snowflake! Snowflake!“, ruft der Geist der Frau und wandelt dabei durch ihr Haus, womit Kate Bush deutlich unterstreicht, dass es ihr spielend gelingt, die nachweislich uncoolsten Ideen in berührende Musik zu verwandeln. Es ist, als würde sie nicht einen Gedanken daran verschwenden, dass man die Inhalte ihrer Songs für haarsträubend peinlich halten könnte.

Nur so schafft sie es, mit einem Song wie „Misty“ durchzukommen, der gleich im Anschluss an „Lake Tahoe“ von dem One-Night-Stand zwischen einer jungen Frau und einem Schneemann erzählt. Der Schneemann spricht nicht, aber er schmilzt in ihrer Hand. Als musikalische Begleitung läuft sanfter Jazz, als sie am Morgen aufwacht, ist der Schneemann verschwunden und die Laken sind feucht. Bush hat die Stücke assoziativ angeordnet, weshalb es vom Schneemann umstandslos zum „Wild Man“ geht, auch bekannt als Yeti.

Elton John findet seine Stimme zurück

Während die Musik des Albums erstmals an Schwung gewinnt, erzählt Bush von dem haarigen Wesen, das man zu fangen versucht, was sie aber zu verhindern weiß: „Wir haben deine Fußspuren im Schnee entdeckt, aber wir haben sie fortgewischt“ – und so bleibt der wilde Mann so flüchtig wie die Liebe in „Snowed In At Wheeler Street“.

Kate Bush und Elton John , den man lange nicht mehr so gut bei Stimme gehört hat, versichern sich darin gegenseitig ihrer ewigen Liebe, doch sie sind wie zwei Königskinder, sie können zusammen nicht kommen. Als Rom brannte, begegneten sie sich, dann irgendwann in Paris, 1942 im Krieg, aber auf verschiedenen Seiten, und 9/11 in New York: „Ich habe dich fotografiert“, heißt es in dem Lied, „ich habe immer noch das Bild deines lächelnden Gesichts in einem herzförmigen Rahmen.“

Das Werk ist keine Weihnachtsplatte

Die gerahmte Erinnerung bleibt, doch das Leben geht weiter, bis irgendwann alles zerfällt. „Ich sehe dich umgeben von Engeln, sie schimmern wie Spiegel im Sommer“, singt sie zum Schluss in „Among Angels“ mit ihrer mittlerweile rauchigen, deutlich tieferen Stimme, als wollte sie verdeutlichen, dass Verfall und Schönheit einander nicht ausschließen.

Nein, „50 Words For Snow“ ist kein typisches Kate-Bush-Album geworden, es ist auch keine typische Winterplatte, und eine Weihnachtsplatte, wie manch einer befürchtet hatte, ist es auch nicht. Wenn das Werk überhaupt an etwas erinnert, dann an die letzten Alben von Antony & The Johnsons .

Als Antony 1978 als Siebenjähriger das Video zur ersten Kate-Bush-Single „Wuthering Heights“ sah, beschloss er zu werden wie sie. Er lernte, wie man Rad schlägt, und wurde später ein gefeierter Sänger. Und jetzt, mit ihrem zehnten Album, wurde sie wie er.