Berlinale

Werner Herzog - Der große Schurke

Vor 43 Jahren wurde sein Filmdebüt auf der Berlinale ausgezeichnet, 2010 ist Werner Herzog Jury-Präsident des Festivals. Und da er mittlerweile seine eigene "Schurkenfilmschule" gegründet hat, wird er besonders auf die Talente - die Filmguerilla von morgen - achten.

Foto: dpa / dpa/DPA

Werner Herzog hat im vergangenen Jahr keinen einzigen Film besucht. Er hatte dazu guten Grund, hat er doch nicht weniger als drei Filme (und eine Oper) inszeniert und obendrein ein Buch übersetzt. In der Öffentlichkeit blieb indes nur die halbe Information hängen. Und als im November vermeldet wurde, Herzog werde Jury-Präsident der kommenden Berlinale, hieß es prompt: Die Berlinale hat einen Kinomuffel als Vorsitzenden.

Ist natürlich reiner Unsinn. Zugegeben, auch in einem normalen Jahr kommt der 67-Jährige nur auf zwei bis drei Filme. Und, das bekennt er frohgemut, „die meisten davon sind ziemlich schlecht“. Das aber habe durchaus pädagogischen Wert: Er lerne nur von schlechten Filmen. Also Kommando zurück: Werner Herzog ist kein Kinomuffel. Und ergo als Jury-Präsident keine Fehlentscheidung; im Gegenteil: Werner Herzog ist ein Wahnsinnspräsident. Wenn auch in des Wortes doppelter Bedeutung.

Werner Herzogs Verrücktheit

Natürlich ist der Mann verrückt. Wer sonst dreht mitten in der Sahara, in der Antarktis oder auf höchsten Bergen? Der Mann aus München sucht immer wieder die entlegensten, die unwirtlichsten Winkel dieser Welt auf der Suche nach neuen, unverbrauchten, nie gesehenen Bildern. Und das Menschenmögliche reicht ihm nicht, stets muss das Unmögliche möglich gemacht werden, um seine Vorstellungen umsetzen zu können.

Wie weit kann man gehen? Das ist die Grundfrage im herzogschen Oeuvre, die er sich immer wieder aufs Neue stellt. Das ist zunächst einmal ganz wörtlich, also geografisch zu verstehen. Und die Antwort ist schnell parat: Überallhin kann man gehen, auch mit der sperrigsten technischen Ausrüstung. Man muss nur wollen. Das aber – der Wille und seine unbedingte Verwirklichung – ist auch schon der rote Faden seiner Filmhandlungen. Denn immer geht es um Grenzgänger – und nicht zufällig sind das ausschließlich Männer –, die einen Plan haben, von dem sie nicht ablassen, den sie, allen Widrigkeiten zum Trotz, umsetzen wollen. Sie gehen dabei nicht nur bis an ihre Grenzen, sie gehen bis zum Äußersten. Widerstände sind nur da, um überwunden zu werden. Ja mehr noch: Sie sind zwingend nötig, um den Triumph auskosten zu können. Die Chiffre aller Herzog-Filme ist „Fitzcarraldo“, ist der Dampfer, der über den Berg gehievt wird. Natürlich ist das Wahn-Sinn. Genauso, wie einen Film darüber zu drehen, wenn alles sich gegen einen verschwört.

Kontrollierter Irrsinn

Viel ist geschrieben worden über das sadomasochistische Verhältnis zwischen dem Regisseur Herzog und seinem Star Klaus Kinski, die auch „Aguirre der Zorn Gottes“, „Nosferatu“, „Woyzeck“ und „Cobra Verde“ zusammen drehten. Viel ist auch darüber gedreht worden, nicht zuletzt von Herzog selbst. In seinem Dokumentarfilm „Mein liebster Feind“ wirft sich der Schauspieler mit rollenden Augen auf den Filmemacher, würgt ihn und brüllt wie ein Rasender: „Dreh doch, du Sau!“ Herzog, das arme Opfer eines irre gewordenen Stars. Aber das ist natürlich nur eine Selbstinszenierung, Selbststilisierung. Wer hat den armen Irren denn in diese entlegenen Ecken getrieben, wer treibt Horden von Indios an, den Dampfer über den Berg zu ziehen? Werner Herzog ist ein stiller Mensch, mit melancholischen Augen und sanfter Stimme. Der Irrsinn Kinskis war ein extrovertierter, schauspielerischer. Der von Herzog ist kontrollierter, aber nicht weniger zwanghaft.

Kinski musste meinen Fitzcarraldo spielen, hat Herzog seinerzeit betont – sonst hätte er selbst ihn spielen müssen. In seinem Größenwahn und Aberwitz weiß sich Herzog mit niemand Irdischem zu vergleichen – bis auf einen Wittelsbacher. Der einzige, der „Fitzcarraldo“ sonst hätte drehen können, „wäre Ludwig II. von Bayern gewesen, mit seinen wunderbaren Märchenschlössern“. Ein Bayer wie Herzog. Aber ging nicht auch von dessen Egomanie ein besonderer Wahnwitz aus? Und hat Thomas Mann ihn in seinem Roman „Doktor Faustus“ nicht als „knallverrückt“ bezeichnet?

Wahnsinnspräsident in positivem Sinne

Und doch: Herzog, der Wahnsinnspräsident, das ist auch ganz positiv gemeint. Denn die Wahl dieses Mannes zum Jury-Vorsitzenden ist eine wahnsinnig gute. Immerhin hat der Mann ja, 43 Jahre ist das jetzt her, sein Filmdebüt auf der Berlinale vorgestellt, „Lebenszeichen“. Und wurde prompt mit einem Silbernen Bären für den besten Erstling ausgezeichnet. Der Film wird auch in der Retrospektive gezeigt, die das Festival sich zum 60. Geburtstag selbst gewidmet hat. Und Herzog taucht noch einmal auf, in „Die Spur der Bären“, einer Filmdokumentation über die 60 Jahre dieses Festivals, wo er, blutjung, in einer aufgehetzten Antistimmung gegen das Festival seine Kollegen um Ruhe bittet, weil Aggressionen doch genau das seien, was man jetzt von ihnen erwarte.

Später stand Herzog dem Festival durchaus mit aufgeladenen Gefühlen gegenüber. Seinen letzten Film hatte er dort 1992 gezeigt, „Lektionen in Finsternis“. Und ihm widerfuhr, was auch viele andere deutsche Filmemacher auf dem deutschen A-Festival hatten erleben müssen: Sein Werk wurde niedergebrüllt. Überhaupt aber ist der Filmemacher dem deutschen Kino abhandengekommen, hat er seit „Mein liebster Feind“, seit 1999 also, keinen Film mehr in Deutschland produziert. Seine letzten, in den USA produzierten Filme wie „Grizzly Man“, „Rescue Dawn“ oder „Encounter of the End of the World“ wurden zwar hoch gelobt und erhielten zahlreiche internationale Preise, kamen hierzulande aber nicht mal mehr in die Kinos.

Doch nun kommt Herzog als Jury-Präsident nach Berlin. Eine Rückkehr, eine Heimholung also. Und Dieter Kosslick – das muss man dem Festivalchef lassen – darf dieses Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Immer wieder soll er Herzog eingeladen und gedrungen haben, und auch er verfolgte sein Ziel wie ein klassischer Herzog-Held: unermüdlich.

Harmonisches Duo

Kosslick und Herzog, das harmoniert prächtig. Denn nicht nur interessieren sich beide für das weniger bekannte, das abwegige, noch zu entdeckende Kino. Beide operieren, wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise, als Filmförderer. Kosslick hat dies, als Vorsitzender der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, jahrelang praktiziert; er tut dies aber auch als Berlinale-Chef mit anderen Mitteln weiter: durch die Gründung des Talent-Campus, in dem versierte Filmemacher mit dem Nachwuchs ins Gespräch kommen, durch die Gründung des World Cinema Fund, der unterentwickelte Kinonationen fördert.

Herzog hätte längst auch einmal zum Talent-Campus eingeladen werden müssen. Denn kürzlich erst hat er eine eigene Filmschule ins Leben gerufen. Keine hehre, institutionalisierte Einrichtung. Sondern die Rogue Film School, eine „Schurkenfilmschule“ also – für die Filmguerilla von morgen. Schurke: Den Begriff würde er sofort auch auf sich beziehen. Er fand den Namen so gut, dass er ihn sogar als Markenzeichen eintragen ließ. Und damit will er, da wird er sogar militärisch, ein „guter Soldat des Kinos“ werden. Wenn Herzog von seiner Schule erzählt, kommt er ins Schwärmen und bekommt einen verklärten Blick. Das sei wie ein Wanderzirkus. „Ich mache das an unterschiedlichen Lokalitäten in unregelmäßigen Abständen, zwei-, dreimal im Jahr. Wochenendseminare. Ich miete Konferenzräume in Hotels an, lasse mir von jungen, inspirierenden Filmemachern Filme zuschicken, werde sie selektieren und klein halten. Sodass auch wirklich jeder mir Fragen zu seinen Projekten stellen kann.“

Und denen bringt er quasi eine Guerilla-Taktik des Drehens bei, wie er sie selbst immer wieder praktiziert hat. Zuletzt etwa in einem seiner drei Filme des Vorjahres: „My Son, my Son, what have ye done?“ Für eine Szene daraus drehte er in China, ohne Dreherlaubnis, versteht sich, auf einem riesigen Viehmarkt. Dutzende von Polizisten seien dort positioniert gewesen, mehr noch: „Hunderte von Militärs, man spürte auch, da sind große Spannungen.“ Nur wenige Wochen später ist dort ein großer Aufstand ausgebrochen, bei dem Hunderte ihr Leben verloren haben. „So etwas“, doziert der Herr Filmprofessor, „kann man nur im guerilla-style machen. Und wer den Mut nicht hat und diese List gegen einen übermächtigen Apparat an Bürokratie nicht aufbringt, der sollte dann eben nur Studiofilme machen.“ Keine Frage aber: Das wäre das Letzte, was Herzog vorschwebt. Deshalb will er, der große Schurke, die Fackel weiterreichen an viele weitere Schurken: „Um ein Klima zu schaffen, unter dem außergewöhnliche Filme entstehen können.“

Heikle Bewertung

Mit Spannung darf nun erwartet werden, welche Filme Herzog im Wettbewerb bevorzugt. Dabei haben ihm Festivals eigentlich nie etwas bedeutet. Das sagte er zumindest vergangenen September, als er – als wohl erster Regisseur auf einem A-Festival – mit gleich zwei Werken im Wettbewerb von Venedig vertreten war. Und das Bewerten, dessen Tätigkeit ihm nun erstmals übertragen wird, sei auch, gesteht er nun, heikel: „Preise vergibt man am ehesten für einen Zuchtbullen auf der Landwirtschaftsausstellung.“ Doch im vergangenen Jahr ging der Goldene Bär an „Eine Perle Ewigkeit“, einen peruanischen Film, der damit eine Aufmerksamkeit erhielt, die ihm sonst nie zugekommen wäre. „Daher denke ich, dass ein Wettbewerb durchaus einen Sinn hat.“

Werner Herzog wird sich also mit größter Wahrscheinlichkeit als ein Präsident ganz im kosslickschen Sinne gerieren. Er wird mehr nach Entdeckungen aus Ländern, die kinematografisch nicht so erschlossen sind, Ausschau halten, als sich mit klassischer Konfektionsware zu begnügen. Er wird wohl ein besonderes Auge auf die Debütanten richten, als der er selbst einmal auf der Berlinale hervorgegangen ist.

Und er ist gleichwohl einer der ganz wenigen Filmemacher dieser Welt, der bei einem Bären nicht sofort an das Filmfestival in Berlin denkt. Hat er doch bei „Grizzly Man“, seinem Dokumentarfilm über den Tierschützer Timothy Treadwell, mit echten Bären gearbeitet.