Hugh Jackman

"Amerika wird zunehmend zu einem geteilten Land"

In "Real Steel" spielt Schauspieler Hugh Jackman einen Roboter-Boxtrainer. Ein Gespräch über Steven Spielberg und die Zukunft von Mensch und Technik.

Hugh Jackman mag ein Star sein und zum Sexiest Man Alive gekürt, doch er ist auch Australier. Und das bedeutet, dass er weder sich selbst, noch den ganzen Hollywood-Zirkus besonders ernst nimmt. In Jeans und T-Shirt wirkt er wie der nette Nachbar von nebenan, nun ja, vielleicht ein kleines bisschen größer und attraktiver …

Morgenpost Online : „Real Steel“ erzählt eine Geschichte über den Triumph von Herz, Seele und Leidenschaft über Geld, Macht und Maschinen. Ein Kommentar zum Zustand der Welt?

Hugh Jackman : Im Kern dieses Films geht es für mich um das innere Ringen des Menschen, um die Frage, was im Leben möglich ist und ob man an sich selbst glaubt. Aber es geht auch um Gewalt und technischen Fortschritt und darum, wie sich die Menschen durch Technologien in gewisser Weise selbst abschaffen. Das geht uns alle an, und ich kann Ihnen sagen, dass ich gerade mein Mobiltelefon weggeworfen habe, weil ich nicht mehr immer und zu jeder Zeit erreichbar sein will. Am Anfang war ich unglaublich fasziniert davon, doch nach einer Zeit wurde es zur Last.

Morgenpost Online : Wenn man das weiterspinnt, könnte das auch ein Argument für echte Schauspieler gegen CGI sein, oder?

Jackman : Ich habe bei dem Animationsfilm „Die Legende der Wächter“ eine der Stimmen übernommen und Testaufnahmen gesehen, die unglaublich real aussehen, erschreckend real. In manchen Hollywood-Filmen ist es ja schon so, dass sie nur noch ein Vorwand für die Spezialeffekte sind, da werden Schauspieler aus Fleisch und Blut zu Requisiten. Aber, hey, ich liebe das Theater, ich bin Optimist und Humanist. Der Realist in mir findet immer einen Platz im Theater, und der Idealist in mir glaubt daran, dass der Humanismus triumphieren wird. Es bedeutet nur, dass sich der Druck auf uns Schauspieler erhöht, wir müssen uns mehr ins Zeug legen, und die Autoren müssen bessere Geschichten erfinden. In „Real Steel“ dreht sich ja auch nicht alles um die Effekte. Sie dienen nur dazu, das Fantastische so realistisch und glaubhaft wie möglich erscheinen zu lassen, damit man mit diesen Robotern mitfühlt. Wenn man sieht, wie das Publikum diese Roboter anfeuert, ist das ein starkes Argument für die Effekte.

Morgenpost Online : „Real Steel“ verbindet den Futurismus der Science-Fiction mit einem ausgeprägten Retrolook …

Jackman : Obwohl das ein futuristischer Sport ist, der heute und wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch nicht möglich sein wird, wollten wir dem Film mit dem Retrolook eine zeitlose Qualität geben. Wir wollten keinen Futurismus im Stil von „Blade Runner“ und haben darum hauptsächlich in industriellem Brachland gedreht. Da steht die Idee dahinter, dass sich in Amerika und überall auf der Welt alles so rasant verändert, dass ganze Industriebereiche in ungeheurem Tempo abgewickelt werden. Wir haben in der originalen Ford-Autofabrik gedreht, in der auch Panzer für den Zweiten Weltkrieg produziert wurden, das ist ein riesiges, völlig leeres Gelände. Im Grunde geht es Charlie genauso, auch er ist als Boxer ausgemustert, weil der klassische Boxsport überholt ist. Das sind drei ausrangierte Wesen, der Sohn ist vom Vater verlassen, der Vater fühlt sich von der Welt verlassen und im Beruf ausgemustert, und der Roboter wurde als alt und minderwertig verschrottet.

Morgenpost Online : Während Amerika derzeit in einer ausgesprochen schlechten Verfassung ist, zeigt der Film mythisch schöne Amerikabilder: Hat dieses heile Amerikabild vielleicht immer nur im Kino existiert?

Jackman : Sie haben recht, das ist wunderschön fotografiert, postindustrielles Brachland in romantischem Licht. Wenn man mit einem italienischen Kameramann arbeitet, sieht einfach alles schön aus. So haben wir uns ein bisschen über Mauro Fiore lustig gemacht. Im Film gibt es eine unglaublich schöne Einstellung von unserem Laster auf einem gigantischen Parkplatz. Mauro wollte unbedingt, dass der ganze, riesige Platz regennass ist, damit er mit den Reflexionen des Lichts arbeiten konnte. Also wurden vier riesige Wasser-Lkws angekarrt, es dauerte 45 Minuten, bis der ganze Platz bewässert war. Wir haben ihn damit aufgezogen, dass das alles nur passiert, weil er den Oscar für „Avatar“ bekommen hat …

Morgenpost Online : Sie haben vor allem im Autostaat Michigan gedreht: Wie nah kommt man da als Hollywood-Star der Realität der amerikanischen Arbeiter?

Jackman : Die Zweiklassengesellschaft ist ein großes Thema des Films, auf der einen Seite der schmutzige, improvisierte Untergrund, auf der anderen die saubere, reiche Hochglanz-Roboterboxliga. Ich bin inzwischen viel durch Amerika gereist, aber meistens nach Los Angeles und New York, weniger an die Orte, an denen sich die Menschen wirklich abmühen. Vor Kurzem habe ich in Louisiana gedreht und war ziemlich schockiert über die unglaubliche Armut, die da herrscht. In New York arbeite ich in der Harlem Village Academy, einer großartigen Schule, aber mir ist auch bewusst, dass 40 Prozent der amerikanischen Kinder die Highschool nicht abschließen und 50 Prozent davon im Gefängnis landen. Amerika wird zunehmend zu einem geteilten Land, mit zwei sehr unterschiedlichen Schichten. Charlie im Film ist im Grunde wie sein Truck, er sehnt sich nach der guten alten Zeit, als man sein Geld noch auf ehrenhafte Weise verdienen konnte. Er verachtet die moderne Welt, er hat sich dem Wandel nicht angepasst. Wenn man diese Fähigkeit heute nicht hat, bleibt man zurück.

Morgenpost Online : Erzählen Sie noch eine Anekdote über Ihre Begegnungen mit Steven Spielberg , der bei „Real Steel“ als Produzent fungierte?

Jackman : Er liebte dieses Drehbuch, und als ich die Rolle zugesagt hatte, rief er mich an, und zwar, als ich im Auto durch Sydney fuhr. Dazu muss man sagen, dass die Polizei in Australien extrem hart durchgreift, wenn es ums Telefonieren am Steuer geht, in der Regel wird man erwischt. Also zischte mir meine Frau zu, dass ich aufhören solle! Und ich sagte: „Ich will einen Strafzettel, ich will dem Polizisten erzählen, dass ich mit Steven Spielberg rede, und ich will, dass er das auf den Zettel schreibt, und ich werde ihn rahmen und in meinem Badezimmer aufhängen!“ Ich habe etwa 30 Minuten mit ihm gesprochen, ohne einen Zettel zu bekommen, aber wenigstens kann ich Ihnen diese Geschichte erzählen …