Ganz ohne Romantik

Beate Uhse kämpfte nicht für Liebe, sondern für Lust

Das ZDF hat die Lebensgeschichte der Beate Uhse verfilmt. Sie erscheint darin als Ikone der Frauenbewegung. Dabei kämpfte sie für Erotik und Lust – und bezahlte ihren Preis.

Es ist eine Schlagzeile, nach der sich der Boulevard noch heute verzehren würde. "Hier steht der Orgasmus vor Gericht!"

Der Satz stammt aus dem Mund einer Frau, die auch zehn Jahre nach ihrem Tod polarisiert: Beate Uhse. 1969 rief sie ihn in einem Gerichtssaal aus. Deutschlands erste und bekannteste Erotik-Unternehmerin musste sich damals wegen Unzucht verantworten, weil sie es gewagt hatte, Lust steigernde Produkte wie genoppte Kondome an ihre Kunden zu verschicken.

Doch sie wurde freigesprochen - und der so genannte "Porno-Paragraph" 184 im Strafgesetzbuch entstaubt. Er stammte noch aus der Kaiserzeit. Rehabilitiert hat sie dieses Urteil jedoch nicht.

Beate Uhse, der Name steht auch heute noch für bumsfidele Filme, Potenz fördernde Substanzen und alles, womit Liebende gern spielen.

Wenn die Talfahrt der Aktie des börsennotierten Konzerns ein Indikator für das Image des Unternehmens ist, dann war dieses nie so schlecht wie heute.

Höchste Zeit, ihrer Gründerin ein Denkmal zu setzen, hat man sich wohl bei der auf moderne Helden-Epen spezialisierten Filmproduktionsfirma "Zeitsprung" ("Contergan", "Marco W.") gedacht - und die Lebensgeschichte der Sex-Pionierin verfilmt.

Das Bilder der geilen Unternehmerin

"Beate Uhse - das Recht auf Liebe", heißt dieses sepia-stichige Bio-Pic, und schon der Titel lässt keinen Zweifel daran, in welche Richtung die Reise geht. Sie führt den Zuschauer zurück zum Anfang der Lebensgeschichte einer Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Not ein Geschäft gemacht hat und die Nation erst mit Verhütungstipps ("Schrift X") und dann mit Sex-Toys und Pornos beglückte.

Die 1919 in Ostpreußen geborene Tochter einer Ärztin, so suggeriert der Film (Regie: Hansjörg Thurn), war keineswegs die knallharte und geile Unternehmerin, als die sie in den verklemmten Fünfzigern und Sechzigern gerne von ihren Gegnern dargestellt wurde.

Nein, wenn sie ihren Kunden unaufgefordert hübsch bebilderte Kataloge nach Hause schickte, dann, so könnte man nach diesem Film meinen, tat sie das nur in der Hoffnung, dass ihr das ZDF dereinst für diesen aufopferungsvollen Einsatz im Dienste der Aufklärung einen Platz im Olymp der Heldinnen reservieren würde.

Wer, wenn nicht sie, sollte ausgehungerten Kriegerwitwen und Flüchtlingen die Angst davor nehmen, dass Selbstbefriedigung blind macht und man vom Küssen schwanger werden kann?

"Die Leute brauchen jemanden zum Reden", sagt d ie junge Beate Uhse (Franka Potente), während sie die Briefe liest, die sie säckeweise als Reaktion auf ihre Aufklärungsschrift bekommt, die sie für zwei D-Mark das Stück vertickt.

"Warum kann ich das nicht sein?", fragt sie den Mann, der sie auf die Idee mit dem Versandgeschäft gebracht hat. Es ist ihr Geschäftspartner Ernst-Walter Rotermund (Hans-Werner Meyer), der später auch ihr Ehemann und der Vater ihres zweiten Sohnes wird.

Beate Uhse, die Mutter Teresa der Aufklärung? Dieses Bild vermittelt der Film. Wer der Unternehmerin jemals persönlich in ihrem Büro in Flensburg gegenübersaß und erlebt hat, wie sie noch im Alter von achtzig Jahren hinter ihrem Schreibtisch aufsprang, um die Ziele ihres Expansionskurses mit bunten Stecknadeln auf einer Weltkarte abzustecken, den muss dieses Drehbuch irritieren.

Beate Uhse verdient Respekt, keine Frage

Natürlich, ihr Mut, sich gegen alle Widerstände als Kriegerwitwe und alleinerziehende Mutter eine eigene Existenz aufzubauen, verdient Respekt. Schließlich zeigt der Film nebenbei auch noch, was aus Beate Uhse hätte werden können, wenn ihr der Zweite Weltkrieg nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte: Mit achtzehn Jahren wurde sie Deutschlands jüngste Stunt-Pilotin. Doch als Ikone der Frauenbewegung ist sie, die unbeugsame Stehauffrau, nicht in die Geschichte eingegangen. Diese Interpretation verbietet sich von allein, wenn man heute die Homepage ihres Unternehmens anklickt.

Längst hat das Versandhaus vor der Konkurrenz im Internet kapituliert. Sex sells, aber wer kauft ihn heute noch? Kunden lockt die Beate Uhse AG mit Pornos, die man sich kostenlos von der Website herunterladen kann. Man muss nicht Alice Schwarzer heißen, um solche Appetizer schmuddelig zu finden. Sex bei der Wohnungssuche. Oder: "Alte Männer bringen’s".

Wenn der ZDF-Film Beate Uhse als hoffnungslose Romantikerin darstellt, die an dem Spagat zwischen ihren Rollen als Aufklärerin, Geschäftsfrau, Gattin und Mutter beinahe zerbricht, dann ist das eine Mär, die wohl besser zu dem Rosamunde-Pilcher-Sendeplatz am Sonntagabend als zur Vita des geradlinigen Originals passt. Uhses Kampf galt keineswegs der Liebe, er galt der Lust. 2000 Strafanzeigen hat sie dafür kassiert - und ihre Ehe dafür geopfert.

Dass der Film trotzdem Sympathie für die Self-Made-Woman weckt, verdankt er in erster Linie seiner Hauptdarstellerin, Franka Potente. Wunderbar leichtfüßig gelingt ihr der Balanceakt zwischen naivem Helfersyndrom, kämpferischem Elan und nüchternem Pragmatismus.

In der stärksten Szene sieht man sie, wie sie ihrem Gegenspieler, dem Staatsanwalt Volke (herrlich verschlagen: Sylvester Groth) im Gerichtssaal entgegenschleudert: "Ist Sexualität normal?" Es entbehrt nicht der Ironie, dass diese Frage im Zeitalter von Youporn eindeutig bejaht werden muss.

"Beate Uhse – Das Recht auf Liebe" am Sonntag, 9. Oktober 2011, um 20.15 Uhr im ZDF