Erotica

Wer geht denn heute noch ins Sexkino?

Das Sexkino "Erotica" an der Rosa-Luxemburg-Straße war 1991 das erste in Ost-Berlin, heute ist es eines der letzten. In Zeiten des Internetpornos ist es ein Relikt seltsamer Anständigkeit geworden.

Foto: Christian Kielmann

Ist der Gedanke im Kopf, löst sich die Anonymität der Großstadt auf wie Nebel. Plötzlich sehen Passanten aus wie lästernde Bekannte, Frauen lächeln mitleidig. Angestarrt von der ganzen Welt, so fühlt sich der Spaziergänger tagsüber auf der Rosa-Luxemburg-Straße, der zwischen Modeboutique und Volksbühne unauffällig links abbiegen will, in den Laden mit dem leuchtenden Herz. „Erotica. Das original Berliner Sexkino“.

Pornos. Wer sich dafür öffentlich interessiert, begegnet Über-Ich und sozialer Kontrolle, selbst wenn sie nur eingebildet ist. Aber warum eigentlich schämen? Gerade erst lief im ZDF-Abendprogramm der Mehrteiler „Borgia“, der das ausschweifende Sexleben der Papstfamilie während der Renaissance ausbreitet. Und mindestens jeder dritte Deutsche schaut heimlich Sexfilmchen im Internet. Wer also braucht noch ein öffentliches Sex-Kino in Berlin-Mitte, ein Relikt aus der Zeit vor dem Internet?

Ein schwarzer Vorhang verschluckt diese Peinlichkeiten, hinter der Tür im roten Dämmerlicht sind alle gleich. Ein Herr mit Nickelbrille kommt aus dem hinteren Teil des Ladens, rückt sein Jackett zurecht und sagt „Bis zum nächsten Mal.“ Viel mehr wird nicht geredet an diesem Ort. Hier sprechen die Bilder.

Tageskarte für 7,50 Euro

"Tageseintritt 7,50 Euro. Kommen Sie so oft Sie wollen“, steht an der Tür, die sich per Summer öffnet. Schmaler Raum mit zwölf Sesseln, Einzelplätze und Zweierreihen. Die Klimaanlage brummt, die Leinwand zeigt ein Pärchen, das auf einem Ledersofa herumturnt. Sie werfen sich sportliche Kommentare zu. Die Frau ist Vivian Schmitt, eine Berlinerin, die sich in der Branche einen Namen gemacht hat. Vier Herren schauen zu, als würden sie Fußball gucken. Nur, dass hier nicht jeder beide Hände frei hat für Bier und Kippe. Wenn ein Taschentuch raschelt, ist das wie anfeuern.

„Wir haben einen guten Ruf“, sagt Mario. Der 45-Jährige ist ein Kickboxer mit Lachfalten. Dildos sortiert der Familienvater wie Tupperware für Erwachsene und hat nichts dagegen, als Dinosaurier bezeichnet zu werden. Das Sexkino an der Rosa-Luxemburg-Straße war 1991 das erste in Ost-Berlin, heute ist es eines der letzten seiner Art in der gesamten Stadt. Seit dem Jahr 2001 gingen die meisten Sexkinos Pleite, Kunden entdeckten die Angebote im Internet. Es war das Jahr, in dem Mario den Laden übernahm. Das sei wie beim Aktienhandel, sagt er. „Wer gewinnen will, muss gegen den Trend kaufen.“ Er habe mittlerweile viele Stammkunden, auch junge, aber die meisten seien etwas älter.

Draußen, vor dem Kino, steht neben Fahrrädern ein Rollator am Baum angeschlossen. Mario beachtet ihn nicht. Nur wenn sich an einigen Tagen drei Rollatoren aneinander drängen, „dann irritiert mich das schon“. Es kommen Senioren hierher, die zu Hause keine Pornos schauen dürfen. Andere erzählen, dass ihre Frau verstorben ist und sie nun die Zeit totschlagen. „Wir sind ein freundlicher Laden, sonst hast du keine Chance “, sagt Mario und fegt mal wieder Zigarettenkippen vor der Tür weg.

Vor ihm haben Russen den Laden geführt. „So war das üblich.“ Halb Ost-Berlin sei nach der Wende gekommen, um „Filmchen zu kieken“. Als Mario hier anfing, war die Party eigentlich vorbei: Die Sessel verschlissen, die Kasse leer. Der Kaufmann rekonstruierte drinnen die 80er-Jahre. Goldrahmen, Saxofonsound, Poster mit Blondinen. Eine Hommage an die Zeit der VHS-Kassetten, als noch beide Geschäfte gut liefen: Pornos im Kino, Pornos für zu Hause. Heute ist es ein familiärer Betrieb, in dem der Chef auch selbst an der Kasse steht. Neuerdings sind zwei Aushilfen dazugekommen, unterstützt vom Arbeitsamt.

Wenn mal wieder ein Zivilpolizist im Laden vorbeischaut, der sich nach Filmen wie „Hairy Potter und die Kammer des Schleckens“ bückt, bis die Dienstwaffe unter seiner Jacke spannt, dann weiß Mario, dass der Beamte bald wieder draußen ist, weil er nichts Verdächtiges gefunden hat. Nicht selten seien Rotlichtläden sonst nah an der Mafia-Szene: Umschlagplatz für Drogen, Menschenhandel. Aber wenn alles legal ist, dann hätten die Kunden keine Berührungsängste. Zumal: „Wat Illegales hier in Mitte? Wie lange soll det jut gehen?“

An Mario kommt kein Minderjähriger vorbei

In den Jahren nach der Generation Porno ist das Sexkino ein Ort seltsamer Anständigkeit geworden. Während im Netz auch Kinder mit Pornografie in Berührung kommen, auch unabsichtlich, auch Missbrauchfilme verbreitet werden und Internetsexsucht anerkannte Diagnose ist, kommt an Mario kein Minderjähriger vorbei. Es gibt auch einen Jugendschutzbeauftragten. Und zufällig gerät ohnehin niemand in seinen Laden. Was viele abstößt, machen Gleichgesinnte hinter verschlossener Tür. Man will sagen: Wie es sich gehört.

Auf Familienfeiern erzählt Mario mittlerweile freimütig, dass er einen Sexshop betreibt. Einige antworten dann: „So etwas muss es ja auch geben, damit diese Männer sich nicht an Frauen vergreifen.“ Der Vater einer Tochter antwortet dann: „Wer illegale Fantasien hat, der findet bei mir nichts, was ihn befriedigt.“

Die Tür klickt. Wieder verlässt ein Mann das Kino, ein gemütlicher Typ mit Pulli und Bierbauch. Draußen antwortet er nicht unfreundlich auf die Frage, warum er hierher geht. „Ist doch netter, wa?“ Es sagt das, als sei es eben geselliger, in der Kneipe zu trinken, als alleine zuhause zu saufen. Deshalb hält sich der Laden gegen den Hochglanz-Sexshop, der um die Ecke am Hackeschen Markt aufgemacht hat. Dort gibt es zwar auffällig komfortable Toiletten, aber kein Gemeinschaftskino.

Doch nicht alle Besucher fügen sich dem Generalverdacht, unattraktiv für echte – und vor allem unbezahlte – Sexpartner zu sein. Einige Besucher hier hoffen auf echte Kontakte, „Erotica“ ist ein beliebter Ort für Hetero-, Bi- und Homosexuelle. Eine große Zielgruppe, Porno als kleinster gemeinsamer Nenner, das ist das Geschäft.

Die schmale Treppe führt in den Keller, in einen schmucklosen Raum mit Fernseher und einer 1,20 Meter breiten Matratze. „Mein Partner hatte eine Superidee“, sagt Mario. Das „Seitensprungzimmer“ kostet 20 Euro für eineinhalb Stunden. Anonym, versteht sich. „Zum Knutschen besser als jede Parkbank, bequemer als jedes Treppenhaus“, sagt Mario. Auf dem Bettlaken klebt ein Post-it: „Frisch“. Da sei dieser Koch eines Sterne-Hotels, der oft mit seiner Küchengehilfin vorbeikomme. Und diese ältere Dame mit ihrer Begleitung, die zur Begrüßung immer sage: „Gut, dass es Sie gibt.“ Es kommen auch Ehepaare. Sexshop und Rotlicht, das kann einen Kick geben.

Nebenan ist Marios Büro, ein fensterloser Raum, in dem sich penibel sortierte Aktenordner stapeln. „Es gibt Leute, die träumen von so einem Arbeitsplatz“, sagt er. Und ständig Pornos bei der Arbeit, wie kommt man damit klar? „Es gibt gute und schlechte“, sagt der 45-Jährige nur.

Nun ist es nicht so, dass „Erotica“ ausschließlich ein Ort für ungenierte, vielleicht sogar romantische Abenteuer ist. Nebenan ist ein Striptease-Zimmer, der Übergang zu Sexarbeit oder Prostitution muss fließend sein. „Die Mädels tanzen so gerne, und tagsüber hat noch keine Disco offen“, sagt Mario und grinst. Sechs Tänzerinnen arbeiten in dem Laden, allesamt selbstständig. „Was die Mädchen machen, da mischen wir uns nicht ein, deshalb haben wir keinen Streit.“

Zwei Engländer betreten den Laden, in dieser Gruppenstärke lässt Mario die Touristen noch rein. „Ten euros for ten minutes“, sagt ein Engländer, der mit einem Kumpel an der Kasse steht. Mario gibt das Wechselgeld raus, hält es in die Höhe und sagt: „And this is for a nice strip, you understand?“. Die Tänzerinnen leben vom Geld, was die Besucher auf die Bühne legen. Ob Mario also weiß, was in dem Zimmer mit Tanzstange und Ledersessel alles möglich ist, bleibt sein Geheimnis. „Prostitution ist ein legaler Beruf“, sagt er. Längst nicht alle Stripperinnen bezeichnen ihren Job als Prostitution. Aber wer mit Pornos handelt, steht Sexarbeit ohnehin nicht allzu kritisch gegenüber.

Es heißt, 1899 habe das erste Sexkino in Berlin eröffnet, in der Münzstraße in Mitte, mit 158 Plätzen. Die Branche florierte bis in die 30er-Jahre. Gezeigt wurde weniger Sex als Striptease. Die Pornoindustrie entwickelte sich deutlich später, experimentelle US-Filme wie „Deep Throat“ wurden Kassenschlager, aber warfen die Frage auf: Kann das legal sein? Es kam vor, dass Darsteller wegen Vergewaltigung angezeigt wurden.

Zwischen „Gierige Schlampen“ und „Gang Bang 3“ stehen im Regal auch DVDs, die keine Geschlechtsteile zeigen, sondern Porträts von Frauen in Pastellfarben. „Pornos von Frauen für Frauen“, sagt Mario. „Mit ganz doll küssen und so.“ Nicht, dass er was dagegen habe, aber die Streifen hier sind ein Ladenhüter. Wenn Frauen hierher kommen, dann wollen die meisten Hardcore-Streifen. „Die sind oft noch versauter als wir.“ Es ist die Beobachtung eines Geschäftsmannes, nicht eines Soziologen oder Sexualforschers.

Sexarbeit als Billigarbeit

Aber das gewaltige Sortiment an Sexfilmen wirft noch eine andere Frage auf: Zwischen 2,99 und 80 Euro kosten die DVDs in Marios Laden. In den Einzelkabinen, die mit 1000 Kanälen von „Blümchensex“ bis „Gangbang“ aufwarten, fallen jede Minute 50 Cent durch. „Jugendliche konsumieren ausschließlich im Netz, die geben gar kein Geld aus dafür“, sagt Mario. Zwar wächst der Markt im Internet, und es ist schwer zu sagen, wer an den Milliarden-Umsätzen wie viel verdient. Fest steht nur, dass in den Billigstreifen oft Mädchen aus Osteuropa zu sehen sind. „Die haben fast keine Chance, ein Star zu werden und bei den großen Produktionen mitzumachen“, sagt Mario. Das richtige Geschäft laufe ohnehin in Kalifornien. Es klingt so, als hätte er längst die Produktion aufgenommen, wenn damit Geld zu machen wäre.

Sexarbeit als Billigarbeit – man kommt nicht um den Gedanken herum, diese Entwicklung auch der Umsonst-Kultur im Netz zuzuschreiben. Draußen, vor der Ladentür, hängt ein Gemälde. Es zeigt eine Frau in Lederstiefeln, die ihren Hintern in die Höhe reckt. Das Bild eines russischen Künstlers hängt hier seit sechs Jahren, und kürzlich kam das Ordnungsamt vorbei: Das Geschlechtsteil müsse abgedeckt werden, hieß es. Gegenüber verkauft ein Laden Dessous auf aufreizenden Schaufensterpuppen, und Mario muss lächeln. „Ich habe nichts abgeklebt.“ In der Kunst gebe es nun mal keine Pornografie, sonst dürfte Aktmalerei nicht öffentlich ausgestellt werden.

Dass Kunst keine echten Menschen zeigt, Pornos aber schon, dazu sagt Mario nichts. Er geht durch seinen Laden und schaut nach, ob eine Glühbirne auszuwechseln ist. Das hier ist ein Ort für Endverbraucher, nicht für Debatten über Männerkultur oder Moral.

Mario trinkt Kaffee, im Radio laufen Nachrichten. „Ich will in Ruhe arbeiten und pünktlich meine Miete bezahlen.“