"Smile"

Das verschollene Meisterwerk der Beach Boys

Nach 44 Jahren veröffentlicht Brian Wilson die verloren geglaubten Aufnahmen der Beach-Boys-Platte "Smile". Der Beweis, dass man im Pop auch zu Ende denken konnte.

Foto: EMI Music Ltd

Am Abend sitzt Brian Wilson an der Heimorgel, ohne darauf zu spielen. Er gibt ein Konzert in London, in der Royal Festival Hall. Die Bühne wird von Musikern bevölkert, Brian Wilson hält sich fest an seinem Keyboard, starrt auf einen Bildschirm und singt Lieder von George Gershwin.

Seine Knabenstimme klingt so klar wie früher bei den Beach Boys, seiner Band, die er vor 50 Jahren gründete. Da war er 19. Eine halbe Stunde singt er, dann erhebt er sich und schlurft davon. Nach einer weiteren halben Stunde kehrt er an seinen Arbeitsplatz zurück, zu seinen eigenen Klassikern, von „Surfin’ USA“ bis „Love And Mercy“. Manchmal greifen seine Finger flüchtig nach den Tasten, einmal hängen sie ihm eine Bassgitarre um.

"Smile" war lange verschollen

Vor sieben Jahren saß der bleiche Kalifornier zuletzt hier im königlichen Festsaal. „Smile“ feierte Weltpremiere, das verschollene Meisterwerk der Popmusik. Die Aufnahmen zum nie erschienenen Album lagerten seit 1967 irgendwo; es hieß sogar, Brian Wilson habe sie verbrannt in der Verzweiflung des verkannten Künstlers. „Smile“ verschwand im Mythennebel.

Erst 2004 war er bereit dafür. Für eine Bühnenfassung und die Neueinspielung mit verständnisvolleren Musikern als es die Beach Boys waren. Bei der Uraufführung weinten die Besucher. Heute tanzen sie: Der Veteran, der ihnen wieder „Good Vibrations“ vorträgt, hat erklärt, er werde „Smile“ nun auch im Original veröffentlichen, er sei im Besitz der alten Bänder.

Londons Trödelmärkte bieten „Smile“ schon länger an. Als Album, in Vinyl gepresst, mit 18 Stücken und dem Titelbild des Grafikers Frank Holmes, der ein Geschäft gezeichnet hat, in dem man Lächeln kaufen kann, in allen Formen. „Hübsches Cover, glückliche Erinnerungen“, sagt Brian Wilson. Er blickt durch die Raubpressung hindurch ins Leere oder in die Ferne. Man hat ihn am Morgen nach dem Gastspiel in ein Konferenzzimmer seines Hotels gesetzt, um Interviews zu geben.

Ein erschöpfter Mann von 69 Jahren, dem das Sprechen schwerer als das Singen fällt. Er trägt ein weit geöffnetes, mit blauen Heilkräutern bedrucktes Hemd. Es wird ein mühsames Gespräch, um die Geheimnisse zu lüften, die sich in 44 Jahren angesammelt haben. „Yeah“, lautet Brian Wilsons rätselhafte Antwort auf die längeren Fragen. Manchmal sieht er einen ratlos an. Ob „Smile“ im Lauf der Lobpreisungen und Legenden heute überschätzt werde als größtes Album aller Zeiten? „Es war ein Versprechen“, flüstert er.

Hymnen auf den Strand spielte er in einer Kammer

„Smile“ gilt, rückblickend erzählt, als biografisches Malheur eines zu früh Vollendeten. Brian Wilson war zwar taub auf einem Ohr, aber der Talentierteste der Söhne eines Plattenproduzenten. Er bekam die Prügel ab zur musischen Erziehung; er scharte die Beach Boys um sich, Brüder, Nachbarn und Cousins. Er komponierte Hymnen auf den Strand, die Sonne und das Surfen und saß dabei lieber in der Kammer am Klavier.

Ein licht- und wasserscheuer Kalifornier im Geiste. 1964 brach er auf einer Tournee zusammen, 1965 zog er sich zurück, und 1966 nutzte er eine Konzertreise seiner Kollegen, um sich unbehelligt seiner „Teenage Symphony To God“ zu widmen, wie er damals sagte, einem Werk über Amerika, dem Mutterland der Popmusik.

Das Land war irritiert vom Album „Pet Sounds“, das Brian Wilson und die Beach Boys nicht am Strand zeigte, sondern im Streichelzoo. Sie sangen nachdenkliche Lieder. „Smile“ sollte beweisen, dass man Pop sogar noch größer, tiefer und zu Ende denken konnte.

„Ein Baumeister der Lyrik“

Während sich der Rest der Beach Boys in Europa feiern ließ, traf Van Dyke Parks im Studio ein. Der Brillenträger war der Songschreiber des akademischen Milieus. „Ein Baumeister der Lyrik“, sagt Brian Wilson. Er scheint noch etwas hinzufügen wollen, murmelt vor sich hin und schaut verwirrt zum Fenster auf seinen Betreuer, einen gleichgültigen Mann mit Laptop.

Angeblich ließen sich Parks und Wilson damals nicht nur LSD liefern, sondern auch Sand unter den Flügel schippen, um sich wie am Strand zu fühlen: „Yeah, der Sandkasten.“ Für eine Suite über die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde rüsteten sie Musiker mit Brandschutzhelmen aus und schickten das Orchester in den Pool: „Authentische Musik.“ In einem Stück über Gemüse soll man Paul McCartney hören können: „Er besuchte uns. Wir spielten ‚Vegetables‘ ein, und Paul nahm einen Sellerie und biss hinein.“

Verschwörungstheorien um "Smile"

Die Beatles ließen sich von „Pet Sounds“ anregen zu „Sgt. Pepper“, das Brian Wilson 1967 derart eingeschüchtert habe, dass er „Smile“ nicht mehr veröffentlichen wollte. Stimmt das? „Äh … Was? … Nein.“ Es ist auch so schon schwer genug, die blühenden Verschwörungstheorien, die das Album umranken, zu entflechten. War die Plattenfirma schuld? Oder Cousin Mike Love, der sonst die Texte für die Beach Boys schrieb und Van Dyke Parks für einen Wirrkopf hielt?

Brian Wilson redet plötzlich, ohne Luft zu holen: „Ich sagte zu Mike: ‚Mike, unsere Musik muss wachsen. Wir können nicht immer Surfsongs spielen.‘ Mike sagte: ‚Stimmt.‘ Ich weiß nicht, warum er dann ‚Smile‘ nicht mochte. Vielleicht klang es für ihn nicht mehr nach der Band, in der wir waren.“ Er hat „Smile“ verhindert? „Nein, das waren Mr. Parks und ich, es war zu früh dafür. Es brauchte seine Zeit, damit die Menschheit es versteht. Wir haben auch entscheiden, dass es endlich soweit ist.“

Wilson wurde unter Psychodrogen gesetzt

„Smile“ musste auch warten, bis sein Schöpfer dazu wieder in der Lage war. Die schönsten Songs wurden verteilt auf Singles und auf späteren Alben. Brian Wilson wurde manisch-depressiv, ernährte sich vegan oder von Fast-Food, musizierte ruhelos oder lag wochenlang im Bett, um fernzusehen. Er nahm weitere Alben auf, die nie erschienen.

Eugene Landy, ein umstrittener Therapeut, setzte ihn unter Psychodrogen und ließ ihn entmündigen. Erst in den Neunzigern fing er sich wieder. 1995 trat er auf im Filmporträt „I Just Wasn’t Made For These Times“. Mit Van Dyke Parks brachte er „Orange Crate Art“ heraus und Soloalben.

"Sammlung aller Schnipsel"

Er wagte sich sogar auf die Bühne, stellte eine Band zusammen, führte „Pet Sounds“ auf und schließlich „Smile“, 2004 in London. Seine endgültige Fassung? „Yeah.“ Er brütet eine Weile und erklärt zu „Smile“ 2011: „Es ist die vollständige Sammlung aller Schnipsel.“

Es gibt eine Sonderedition davon mit fünf CDs, dazu Vinyl-Preziosen und ein Buch mit wohlmeinenden Grußbotschaften, jetzt auch von Mike Love. Eine unkritische Gesamtausgabe. Man hört jedem Stück die Mühen an, die es gekostet haben muss, in Aufnahmen von Dutzenden Fragmenten und Versionen.

Charles Manson warf Schatten über die Beach Boys

Aber man hört auch, was so verstörend hätte sein können im heiteren Sommer 1967: Nicht nur die Musik an sich, zwischen Vokalpolyphonie und DooWop, Westernklavieren und Waldhörnern, „Heroes and Villians“ und „Surf’s Up“, Gershwin und Folk.

Es sind die dunklen Seiten der Musik. Schatten, die später über Kalifornien fielen, als die Beach Boys sich mit Charles Manson einließen und Brian Wilson müde wurde. Er erwacht, wenn man ihn nach der Platte seines Lebens fragt, dann sagt er: „Surfer Girl“. Kein großes Album, eine Single über Mädchen auf den Wellen. Er versucht zu lächeln.