"Hotel Lux"

Michael Bully Herbig kann keine Witze erzählen

Leander Haußmanns neuer Film "Hotel Lux" lässt an berühmte Vorbilder denken: Chaplins "Der große Diktator" und Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein". Michael Bully Herbig spielt darin einen Parodisten, der in Hollywood Karriere machen will, aber in Moskau strandet.

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Der Film „Hotel Lux" hat in Berlin seine Deutschlandpremiere gefeiert. Hauptdarsteller Michael „Bully" Herbig glänzt in der Rolle des Stalin-Parodisten Hans Zeisig, der vom sowjetischen Geheimdienst für Hitlers Leibastrologen gehalten wird. Dafür muss der Komiker Stalin die Zukunft voraussagen und gerät dabei in abenteuerliche Situationen.

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Berliner Morgenpost Online: Darf ich Sie um etwas bitten, was Sie normalerweise nie tun?

Michael Bully Herbig: Was könnte das sein?

Morgenpost Online: Erzählen Sie einen politischen Witz!

Herbig: Au! Da stoße ich an meine Grenzen – weil ich überhaupt keine Witze erzählen kann. Mein Problem ist, dass ich mir keine merke. Außerdem bringe ich Witze eher in Verbindung mit unangenehmen Situationen. Zum Beispiel Partys, die enden, wenn die Gäste sich nichts mehr zu sagen haben, oft in der Küche, und da holen sie gern ihre Witze raus.

Morgenpost Online: Wie läuft das dann ab?

Herbig: Ich erkenne Witze dann meistens wieder, obwohl sie längst durch mein Raster gefallen sind, weil ich lebensunwichtige Dinge sehr schnell vergesse. Und wenn ich mich erinnere, fällt mir auch die Pointe ein, bevor der Erzähler so weit ist. Mir tut das dann leid, denn ich sehe in das Gesicht meines Gegenübers, der euphorisch vor sich hin performt, in dem Glauben, er habe eine tolle Pointe. Ich überlege währenddessen, was ich tun soll. Soll ich ihm sagen, dass ich den Witz schon kenne? Dann ist er enttäuscht. Oder soll ich so tun, als kennte ich ihn nicht, und am Ende freundlich lachen?

Morgenpost Online: Da begebe ich mich natürlich selbstmörderisch in die Küchensituation, denn ich habe einen alten politischen Witz ausgegraben…

Herbig: Den will ich nun aber hören! Was soll ich tun? Unterbrechen, wenn ich ihn kenne, oder lachen?

Morgenpost Online: Bitte unterbrechen. Und das mit dem Lachen… so human wie möglich.

Herbig: Aber wenn ich ihn kenne, wird kein Lachen erwartet? Und wenn er mir nicht gefällt, dann trotzdem lachen?

Morgenpost Online: Nein! Oder doch? Egal. Ich fange an.

Herbig: Ich bitte darum.

Morgenpost Online: Also… Gehen Ulbricht, Pieck…

Herbig: … fängt schon mal gut an…

Morgenpost Online: … und ihr Kulturminister ins Theater…

Herbig: … Johannes R. Becher!

Morgenpost Online: Kann ich weitermachen?

Herbig: Ja, sicher!

Morgenpost Online: Also… Es wird eine Operette gegeben, „Madame Pompadour“. Fragt Ulbricht seinen Kulturminister: Du, wer war eigentlich diese Pompadour? Antwortet Becher: Eine Rokokokokotte! Meint Ulbricht zu Pieck: Der kennt die auch nicht. Der stottert nur.

Herbig: Das Lustige jetzt war: Ihre Reaktion am Schluss. Wenn dieses Gesicht zur Vorstellung dazugehörte, war sie ein Erfolg. Beim Witz selbst hätten Sie einen Hauch besser stottern können.

Morgenpost Online: Ja, schon, aber ich hatte die Angst, dass ich mich bei diesem Wort verspreche.

Herbig: Nun, es hat zumindest dazu gereicht, dass ich die Pointe verstanden habe.

Morgenpost Online: Ich habe mich geopfert, um etwas bei „Hotel Lux“ zu illustrieren: Um den Witz verstehen zu können, muss man eine Ahnung haben, wer Ulbricht, Pieck und Becher waren.

Herbig: Da grätsche ich dazwischen. Der Witz hätte noch besser vorgetragen werden können, wenn Sie die Dialekte astrein gesprochen hätten, also zum Beispiel den sächselnden Ulbricht.

Morgenpost Online: Das ist ja das Allerpeinlichste, wenn man das nicht kann.

Herbig: Davon rede ich. Ein Minenfeld.

Morgenpost Online: Zurück ins „Lux“. Junge Leute kennen „Twin Peak“, nicht Wilhelm Pieck.

Herbig: Als ich Leander Haußmanns Drehbuch gelesen hatte, habe ich schon in der einen oder anderen Besprechung gesagt, man müsse aufpassen, dass man für diesen Film keine Gebrauchsanleitung benötigt. Das Buch ging selbstverständlich mit Namen wie Jeschow und Dimitrow um, von denen auch ich vorher nie gehört hatte.

Morgenpost Online: Ihr Produzent Rohrbach ist Anfang 80, Leander Haußmann Anfang 50. Aber Sie sind die Generation, die das nicht mehr wissen kann oder muss.

Herbig: Es ist immer die Frage: Was muss man wissen? Ulbricht nicht mehr zu kennen wäre dramatisch. Mein Schlüsselerlebnis war eine Fernsehreportage: 15-, 20-Jährigen wurde das Foto eines Politikers gezeigt, den sie nicht erkannten. Es war Helmut Kohl. Solche Leute darf man nicht ausschließen.

Morgenpost Online: Sie haben das Problem dann geschickt gelöst, indem sie beim ersten Auftritt dieser historischen Personen das Bild einfrieren und zum Beispiel „Walter Ulbricht. Er baute die Berliner Mauer“ einblenden.

Herbig: Das war, muss man gestehen, so nicht geplant. Diese Szene, in der die „Lux“-Bewohner bei mir ins Zimmer platzen, habe ich im Drehbuch unterschätzt, weil da nur wirres Zeug geredet wird. Der Zeisig versteht's nicht, ich habe es nicht verstanden, aber ein gewisses Humorpotenzial gesehen. Ich habe nichts gesagt, wollte mich überraschen lassen. Nun lässt Leander gerne Szenen von A bis Z durchspielen, zerstückelt sie nicht. Plötzlich habe ich mich weggeschmissen, weil das Ganze eine ungeheure Eigendynamik bekam. Dann hat man die Szene einem Testpublikum gezeigt, und die wollten wissen, was das eigentlich für Leute sind, die da kommen. Daher die Idee zu diesen Einblendungen, welche die Szene noch lustiger gemacht haben, finde ich, weil sie diesen irren Rhythmus unterbrechen und durch Wiederholung ein Running Gag entsteht.

Morgenpost Online: Trafen sich da zwei Arbeitsweisen: der lockere Haußmann und Bully, der kaum improvisiert?

Herbig: Sagen wir's so: Wenn du die Pflicht kannst, darfst du in der Kür rumprobieren. Ich arbeite gern erst nach dem Drehbuch. Aber: Ober schlägt Unter. Wenn sich bei den Stellproben etwas ergibt, und das ist komischer als das Aufgeschriebene, kommt es in den Film. Ich werfe nicht Schauspieler in den Raum und sage: „Nun zeigt mal euren Text.“ Das genau macht Leander Haußmann – und das hat, wie ich gelernt habe, einen großen Vorteil: Der Zufall bekommt eine Chance. Leander lässt erst einmal laufen, dann korrigiert er. Ich weiß nicht, ob das eine Masche von ihm ist, dass er an den Set kommt und so tut, als habe er keine genaue Vorstellung. Ich vermute, seine Angst ist, er könnte etwas verpassen, wenn er den Leuten im vornherein sagt, was er sehen will.

Morgenpost Online: Zum Schluss der Schluss. „Hotel Lux“ endet wie Lubitschs „Sein oder Nichtsein“…

Leander und ich haben uns häufig gesagt: Lasst uns bloß nicht den Vergleich mit Lubitsch ziehen. Aber natürlich habe ich Lubitsch vorher angesehen, denn ich wollte wissen, wie sich Komiker damals bewegt haben. Oder das rollende R. Es war in deutschen Filmen damals ganz normal, das R zu rollen, und ich hätte gute Lust gehabt, das so zu spielen. Aber dann hätten alle gedacht, „Lux“ sei eine Parodie. Das R ist heutzutage im Rachen nach hinten gerutscht. Ich hatte gehofft, dass die Lubitsch-Frage nicht kommt. Aber die Journalisten stellen sie. Und der nächste Vergleich ist dann immer Chaplins „Großer Diktator“.