Dietrich & Riefenstahl

Marlene, Leni und verbrannte Männer am Wegesrand

Genies weiblicher Selbsterfindung: Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl verband Schönheit, Ehrgeiz, Disziplin – und ein Netz von Männerbekanntschaften.

Foto: getty images/Picture Alliance

Es gibt viele Orte, an denen die Suche nach der neuen Frau mit großer Ausdauer betrieben wird – und wir reden hier nicht von schattigen Bars oder Partnerschaftsbörsen. Da wären zum Beispiel die Titelseiten der Frauenzeitschriften, aber auch die Seminare der Gendertheorie und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Betriebsamkeit der halb visionären, halb bürokratischen Frauenforschung wirkt fast, als sei ordnungsgemäß ein Wettbewerb ausgeschrieben worden. Uneinigkeit herrscht dann höchstens darüber, ob Lady Gaga oder Charlotte Roche den Vorgaben besser entspricht.

Vielleicht liegt der Fehler dieser Fahndung schon in der Idee, eine möglichst breit angelegte Debatte über Businesskostüme, Kinderspielplätze und ehelichen Analverkehr werde schon irgendwann einen neuen Typus auftauchen lassen. Aber vielleicht trügt auch nur die Hoffnung, das Neue sei irgendwo an jenem Horizont zu finden, an dem unsere Gegenwart in die Zukunft kippt. Tatsächlich existiert bereits ein Labor zur Erzeugung der neuen Frau. Nur liegt es an einem Ort, an dem es die PR-Abteilung der aufgeklärten Weiblichkeit nicht vermuten würde – im gerade erst ausgekühlten zwanzigsten Jahrhundert.

Einzigartige und einsame Wesen

Karin Wielands Doppelbiografie von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl trägt den Untertitel "Der Traum von der neuen Frau". Was wie ein kitschiges Versprechen klingt, ist in Wahrheit die präzise Beschreibung einer Mechanik, die aus den Wünschen einer ganzen Epoche zwei einzigartige und zugleich einsame Wesen schuf.

Dietrich und Riefenstahl wurden, wer sie waren, ohne dass ihnen jemand eine Gebrauchsanweisung für das Leben an die Hand gegeben hätte: Beide haben sich in voller Urheberschaft selbst erfunden. Und doch sind sie in jeder Hinsicht Geschöpfe, ihrem Zeitalter so entstiegen wie die Maschinenfrau in Fritz Langs "Metropolis". An diesen zwei Lebensläufen, die beide um 1900 beginnen und um 2000 enden, erzählt Wieland eine außergewöhnliche Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Dietrich und Riefenstahl kommen in einem sehr buchstäblichen Sinn aus dem Nichts, nämlich aus dem Berlin der späten Kaiserzeit – einer hochnervösen Großstadt, die sich weder über Tradition noch über Kultur definierte, wohl aber über Dynamik. Beide Familien waren zugewandert, und Dietrich brachte als Tochter eines Polizeibeamten, der im Hochparterre einer Schöneberger Mietskaserne wohnte, ebenso wenig biografisches Startkapital mit wie Riefenstahl, eine Handwerksmeistertochter aus dem Wedding, deren Familie in Heimarbeit Zigarettenhülsen klebte.

Es gab Hunderttausende, die wie sie aufwuchsen – und tatsächlich ist die "neue Frau", von der dieses Buch handelt, ein Massenphänomen. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg stürzte die wilhelminische Männlichkeit in eine Krise, die Ehe verlor als Versorgungsoption ihren Reiz - und so träumten die jungen Mädchen von einer Karriere als Filmstar oder Tänzerin, während sie als Kaufhausangestellte oder Tippfräulein ihr Geld verdienten und sich abends schick machten fürs Rendezvous, zu dem sie im Zweifel die stärkeren Waffen mitbrachten.

Produkte des neusachlichen Berlin

Auch Dietrich und Riefenstahl hätten sich einreihen können unter jene Ladenmädchen, die in Siegfried Kracauers berühmtem Essay ins Kino gehen. Tatsächlich sind sie typische Vertreterinnen ihrer Kohorte, jener "überflüssigen Generation", deren Jugend von Frontmeldungen und Rübengerichten geprägt wurde und die in Zeiten der Hyperinflation erwachsen wurde, zur Sachlichkeit und Schnelligkeit gezwungen.

Und wirklich sammeln auch sie Autogrammkarten jener Stummfilmstars, deren Busen sie auf der Leinwand beben sehen – und formen ihr Selbst lieber unter den Blicken der Männer auf der Straße als unter der militärischen Aufsicht der Eltern. Sie sind wie alle, und Karin Wieland, die in ihre Schilderungen Sätze von Franz Hessel, Sebastian Haffner oder Harry Graf Kessler einbaut, entwirft das neusachliche Berlin in einer Präzision, wie sie James Joyce vorgeschwebt haben muss, als er behauptete, man könne seinen "Ulysses" zur Rekonstruktion von Dublin nutzen.

Nichts unterscheidet Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl von all den anderen, die Kurse in rhythmischer Gymnastik belegen, sich an Theaterschulen bewerben und ihre Entjungferung mit unromantischer Berechnung planen – außer einem darwinistischen Durchsetzungswillen und einer androgynen Schönheit, die im ersten Fall verschwenderisch, im zweiten eher sportlich ausfiel. Über einen frühen Theaterauftritt von Dietrich, die Nebenrollen in Stücken spielte, die sie nicht verstand, schreibt Bernhard Minetti: "Schöner Wuchs. Unschauspielerisch."

Über Riefenstahl, die sich von einem Liebhaber kunstbeflissene Soloauftritte finanzieren ließ, urteilte ein Rezensent: "Und es bleibt also nicht Zorn über diesen Anblick, sondern eine leise Trauer, dass solche äußere Vollkommenheit nicht gesegnet ist mit der Gnade des Blutes, der Herrlichkeit des Genius, der Fackel des Dämons."

"Das Nichts, das Du spieltest"

Der Verriss erfasst die entscheidende Qualität dieser Frauen, die eben nicht die Legende vom Genie und seiner überquellenden Innerlichkeit nachspielen, sondern die Leere erobern, das eigentliche Terrain des Jahrhunderts: "Es war eigentlich das Nichts, was Du spieltest oder machtest", schreibt ein Kollege an Dietrich, "und dieses Nichts hat Dich später berühmt gemacht."

Es wäre leicht, die Karrieren von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl als Ergebnis männlicher Protektion zu analysieren: Der Welterfolg verdankte sich hier dem Produzenten Joseph von Sternberg, der Dietrich zur "Blauen Lola" machte und sein Leben lang liebte, dort Adolf Hitler, der Riefenstahl nicht nur den Reichsparteitag filmen ließ, sondern der sie auch so verehrte, dass abenteuerliche Gerüchte in Umlauf kamen, welche die junge Regisseurin nicht dementierte.

Doch das komplizierte Netz von Liebschaften, das beide Stars umgab und das einen Gutteil der Prominenz ihrer Jahre umfasst, erweist sich als Teil jenes Kunstwerks, das die Frauen schufen. Dietrich ließ den Mythos um ihre Bisexualität, der 1928 nach einem Bühnenduett mit einer Frau in der Welt war, bewusst wuchern, und ihre spätere Affäre mit der Drehbuchautorin Mercedes de Acosta versteht man nur ganz, wenn man weiß, dass Acosta Greta Garbos Geliebte war.

Zurück bleiben auf der Strecke, die – halb in Deutschland, halb im Exil – mitten durch den Zweiten Weltkrieg führt, verbrannte Männer, ein paar der besten Filme der Kinogeschichte und bittere Enttäuschungen. Die Größe dieser Doppelbiografie erweist sich darin, dass sie das Raster der guten Exil-Dietrich und der bösen Nazi-Riefenstahl ganz verweigert und beide Frauen aus faszinierter Distanz beschreibt. Über Leni Riefenstahl heißt es am Ende: "Mit kalten Duschen, Arbeit und Morphium wird sie 100 Jahre alt." Ein lakonischer Satz, der sich wie ein Grabspruch liest. Die neue Frau ist eine Gestalt der Vergangenheit.

Karin Wieland: Dietrich & Riefenstahl. Der Traum von der neuen Frau. Carl Hanser Verlag, München. 632 Seiten, 27,90 Euro.