Drittes Reich

Schon zu Nazi-Zeiten wurde an 3D-Filmen gearbeitet

Der australische Filmemacher Philippe Mora will zwei bislang kaum bekannte stereoskopische Nazi-Filme aus den 1930er-Jahren gefunden haben.

Nach dem (filmtechnisch angeblich revolutionären) 3D-Hype, den James Cameron global mit „Avatar“ ausgelöst hat und nachdem Wim Wenders dem stereoskopischen Film auf der diesjährigen Berlinale mit „Pina“ ästhetisch neue Räume geöffnet hat, kommt die Wiederentdeckung angeblicher Nazi-3D-Filme termingerecht.

Wo 3D allein nicht reicht, hilft die Spekulation mit den Nazis. Glaubt man dem australischen Filmemacher Philippe Mora („Swastika“, „Return of Captain Invincible“ sowie, in Vorbereitung, „Dali 3D“), so hat er zwei bislang kaum bekannte stereoskopische Nazi-Filme aus den 1930er Jahren gefunden, die bewiesen, dass die braunen Machthaber nicht nur totale Meister des Bildes, sondern quasi auch Pioniere des stereoskopischen Filmemachens waren, etwa zeitgleich mit 3D-Kurzfilmversuchen der Amerikaner („Audioscopics“).

Guardian-Geschichte ist ein alter Hut

Der „Guardian“, der die Story am 16. Februar groß herausgebracht hat, illustriert die Meldung mit einem Foto von Leni Riefenstahl, die zwar den „Triumph des Willens“ und die Olympia-Filme gemacht, aber nicht in 3D gearbeitet hat.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die ganze Geschichte, wie die Stereoskopie überhaupt, als alter Hut, und auch die Nazis spielen nur eine untergeordnete Rolle. Keine Aufmärsche, kein Meer von Hakenkreuzfahnen in drei Dimensionen.

Tatsächlich begannen die ersten Versuche mit dem stereoskopischen Film in Deutschland nicht auf einem NS-Parteitag, sondern im Mai 1937 auf der Gartenschau in Dresden. Der NS-nahe Werbe- und Industriefilmhersteller Fritz Boehner aus Dresden, seit 1933 im Werberat der deutschen Wirtschaft aktiv, war einer der ersten, der mit der neuen, von Zeiss-Ikon bereitgestellten Technik experimentierte.

Am 5. Dezember 1937 fand im Berliner Ufa Palast im Zoo dann die Premiere jenes „Nazi-3D-Films“ statt, dessen Wiederentdeckung Mora für sich reklamiert, der aber schon vor 30 Jahren zum Programm der von Peter Hagemann organisierten 3D-Retrospektive der Berlinale gehörte: „Zum Greifen nah“ (Regie: Curt A. Engel und Karl Schröder) war ein Werbefilm für die Volksfürsorge-Lebensversicherung.

1939, rollten dann noch sechs Mädel ins Wochenend, in einer weiteren halbstündigen Raumfilm-Studie von Zeiss-Ikon. Auch dieses naive Stück Film etikettiert Mora als Entdeckung aus Nazi-Archiven unter der Prämisse, dass auch noch das biederste Bildermärchen irgendwie von Goebbels kontrolliert oder gar in Auftrag gegeben worden war. Tatsächlich gehören die so genannten 3D-Entdeckungen nicht zum Kanon der perfiden Propagandafilme und verdienen kaum das infame „Gütesiegel“ NS.

Wie in anderen Ländern wurde übrigens auch in Deutschland die stereoskopische Technik nach dem Krieg neu entdeckt, noch vor der amerikanischen 3D-Welle aus der Zeit des Kalten Krieges: mit einem heute unfreiwillig komisch wirkenden Werbefilm für VW („Ein weißer Traum“, 1950). Das allerdings ist dann schon politischer, wenn man weiß, wer den Volkswagen in Auftrag gegeben hat…