"Fashion Weekend"

In Neukölln beweisen 32 Modedesigner Kreativität

Eine ganz eigene Modeszene hat sich im Berliner Bezirk Neukölln etabliert. Viele neue Ateliers haben in den vergangenen Jahren eröffnet, Designer und Schneider ein Netzwerk gegründet. Beim "Fashion Weekend" präsentieren 32 Modemacher ihre Labels.

Foto: Amin Akhtar

Genau sieben Minuten Zeit. Sieben Minuten, in denen auf dem Laufsteg alles passen muss: Stimmung, Bewegung, Outfits, Licht und Musik. Von diesem Gedanken getrieben, hat Gabriele Prellwitz einen ganzen Tag mit der Suche nach der richtigen Musik verbracht. Etwas Dramatisches für die Abendgarderobe, ein leichter Song für das Tagesdesign sollte es sein. Beides mit einem moderaten Tempo. „Der Laufsteg ist kurz, da will ich meine Models nicht so treiben“, sagt die Designerin. Sie spielt die Melodien am Laptop an und ist zufrieden mit dem Ergebnis. Und vor allem erleichtert. Sie sei völlig überarbeitet, das letzte Outfit noch nicht ganz fertig, sagt sie. Aber ihre Euphorie vor dem großen Auftritt ist ungebremst.

Am Freitag und Sonnabend haben 32 Modemacher beim „Neukölln Fashion Weekend“ ihren großen Auftritt. Die Messe, auf der nur Mode „made in Neukölln“ zu sehen ist, wurde zum zweiten Mal vom Netzwerk Mode&Nähen (Nemona) organisiert. Schauplatz ist die Spielstätte des Heimathafens – der Saalbau an der Karl-Marx-Straße 141 –, der sich für zwei Tage in einen Laufsteg verwandelt. Geöffnet ist die Messe für Besucher am Freitag von 15 bis 19 Uhr und am Sonnabend von 10 bis 21 Uhr. Der Eintritt kostet zwei Euro. Alle Designer wurden von einer Jury ausgewählt. „Entscheidend war, dass die Sachen innovativ und tragbar sind, aber auch qualitativ hochwertig“, sagt Sabine Hülsebus, Projektleiterin von Nemona.

15 Designer im Reuterkiez

Abseits vom großen Moderummel hat sich in Neukölln eine eigene Szene entwickelt. Nach dem ersten „Neukölln Fashion Weekend“ im Jahre 2008 seien viele neue Ateliers eröffnet worden, sagt Sabine Hülsebus. Allein im Reuterkiez, so schätzt sie, hätten 15 Designer ihr Modestudio. Seit März gibt es das Netzwerk Nemona – ein EU-gefördertes Projekt –, zu dem nicht nur Designer, sondern auch Schneider gehören. Etwa 50 Mitglieder arbeiten heute in dem Netzwerk zusammen.

Drei aktive Netzwerker haben ihre Ateliers in der Bürknerstraße, nahe am U-Bahnhof Schönleinstraße. In der Bürknerstraße 1 steht Sabine Steinort gerade am Bügelbrett, am anderen Ende des Schneidertisches näht eine Praktikantin Knöpfe auf exakt vorgezeichnete Kreuze an. Zeit zum Reden habe sie nicht gerade, sagt die Designerin. Die Stunden vor der Messe seien gezählt. Formfischer – so der Name des Ladens – sei ihrer Liebe zum Meer geschuldet. Weiche Stoffe, „die der Haut schmeicheln“, sind das Markenzeichen der Designerin, die ansonsten eine klassische Mode mit verspielten Details präsentiert. Sabine Steinort ist schon das zweite Mal bei der Neuköllner Modemesse dabei. Sie freut sich vor allem auf die Kollegen. „Wir haben alle verschiedene Stilrichtungen, die sich befruchten“, sagt die 45-Jährige. Als Konkurrenten empfinde sie ihre Messenachbarn nicht.

Studium in Mailand

Nur ein paar Schritte weiter sitzen Philippe Werhahn und Dennis Pahl vor ihrem Laden „Kollateralschaden“ an der Bürknerstraße 11. Der Schlapphut ist ihr Markenzeichen, den die jungen Männer auch bei sommerlichen Temperaturen nicht absetzen. Sie kennen sich seit der Grundschule und haben sich nur einmal für das Studium getrennt. Werhahn hat Modedesign in Mailand und Pahl Kunst in Bremen studiert. In Neukölln haben sie sich angesiedelt, „weil das nur hier ohne große Investitionen möglich war“. An einem Ort arbeiten, wohnen und verkaufen – das war ihr Traum, der zumindest für Philippe Werhahn wahr geworden ist. Der 31-Jährige wohnt mit seiner Familie in den Räumen hinter dem Atelier. Am Abend, wenn der elf Monate alte Sohn schläft, wird der Schneidertisch zum Wohnzimmertisch.

Die beiden haben sich die Arbeit aufgeteilt: Dennis Pahl schneidet zu und bedruckt die Stoffe, Werhahn gestaltet und näht. Dabei entsteht fast alles vom Sportshirt bis zum Cocktailkleid, mit einer Besonderheit: Die Teile sind vielfältig einsetzbar. So gibt es einen drehbaren Pulli, der von beiden Seiten über den Kopf gezogen werden kann. Einmal wird er zum Kleid, das andere Mal zu einem Sweatshirt. Unter dem Label „Ting Ding“ verarbeitet Werhahn außerdem schon getragene Sachen. So wird aus einem Hawaiihemd ein flottes Sommerkleid, Hosen und Röcke verwandeln sich in Pullover.

Nebenan hat Strickdesignerin Gabriele Prellwitz mit ihrem Label „Anyonion“ ihr Atelier. Die 46-Jährige hat Programmiererin gelernt und BWL studiert. Das ist heute ihr Vorteil. Im hinteren Raum steht eine Strickmaschine, fast drei Meter lang, zwei Tonnen schwer. Um ihre hauchfeinen Strickstoffe herzustellen, muss sie die Maschine programmieren können. Das ist ihre Kunst. Ihr Strick ist so zart wie Seide, ihre Kleider können in der Liga der Abendgarderobe mitspielen. Weg vom Strickliesel-Image – das war ihr Ziel. Dass sie es geschafft hat, will sie in ihrer Show zeigen. In genau sieben Minuten.