Sanierung

Villa Schöningen – vom Kalten Krieg in die Freiheit

1843 wurde sie erbaut, doch erst jetzt ist sie ein fröhlicher Ort der Freiheit. Aus der vom Abriss bedrohten Villa Schöningen an der Glienicker Brücke in Potsdam ist eines der originellsten Museen der jüngsten deutschen Geschichte geworden. Daran hätte auch Alexander von Humboldt seine Freude gehabt.

"Der Blick von der Glienicker Brücke wetteifert mit den schönsten Punkten der Welt“, notierte Alexander von Humboldt Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Mann musste es wissen, hatte damals doch kaum einer den Globus bereist wie der preußische Naturforscher. Aber so weit er auch herumgekommen war in der Welt, er liebte das preußische Arkadien, das sich hier am Übergang zwischen den Residenzstädten Berlin und Potsdam auf das Zauberhafteste entfaltete.

150 Jahre später hat sich der von Humboldt so gepriesene Anblick fast unverändert erhalten. Zwar verbindet seit 1907 eine Stahlbrücke anstelle der alten Steinbrücke die beiden Ufer der Havel, aber das klassizistische Schloss Klein-Glienicke von Karl Friedrich Schinkel mit seinem malerischen Kasino hoch über dem Uferweg hat die Zeitläufte überstanden, südlich thront sein neogotisches Schloss Babelsberg auf einer Anhöhe, nördlich grüßt von Ferne die Sacrower Heilandskirche im italienischen Stil.

Was in den anderthalb Jahrhunderten dazwischen die deutsche Geschichte bewegt hat, die Blütezeiten und die Katastrophen, Nationalsozialisten und Kommunisten, Kalter Krieg und deutsche Teilung – all das lässt sich an diesem Ort ablesen wie an kaum einem anderen entlang der deutsch-deutschen Grenze.

Genauer gesagt, an einem einzigen Gebäude: der klassizistischen Villa Schöningen, die seit 1843 auf der Potsdamer Seite direkt an jener Glienicker Brücke steht, die 40 Jahre lang die Teilung Deutschlands und Europas symbolisierte, die 40 Jahre lang verbarrikadiert war und nur ein paar Mal unter den Augen der Welt geöffnet wurde, um Agenten zwischen den USA und der Sowjetunion auszutauschen. Jetzt ist hier ein kleines Privatmuseum entstanden – ein spektakulärer Beitrag zum 20. Jahrestag des Mauerfalls und ein Musterbeispiel bürgerlichen Engagements.

Ihre Entstehung verdankte die Villa einer Laune des architekturbegeisterten Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. Weil ihn der Anblick eines Häuschens störte, das sich ein Schiffbaumeister gebaut hatte, sorgte er dafür, dass an gleicher Stelle eine Villa des Schinkel-Schülers Ludwig Persius entstand.

Erster Bewohner wurde des Königs Hofmarschall Kurd Wolfgang von Schöning, es folgte die Familie Herrmann Wallichs, eines Mitgründers der Deutschen Bank, die als Juden Opfer der Nazis wurden und später auch der Kommunisten, die das Haus enteigneten, um hier eine DDR-Kindererziehungsanstalt unterzubringen.

Nach der Wende wurde das Gebäude an die Familie Wallich zurückgegeben, 1997 kaufte ein Bauunternehmer die Villa und wollte neben dem historischen Gebäude Stadtvillen errichten, was das Denkmalamt ablehnte. So ließ er die Villa verfallen, bis eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich war – der Abriss drohte.

Es war ein Potsdamer Neubürger, den Reizen der Stadt verfallen, wie es so vielen seit der Wende ging, der die Villa rettete: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG (in der auch die WELT erscheint), zusammen mit seinem Freund, dem Unternehmer Leonhard H. Fischer.

Sie kauften die Villa 2007 mit dem Ziel, sie zu bewahren und daraus ein offenes Haus der Erinnerung, der Kunst und der Begegnung zu machen. Nach 15 Monaten Bauzeit kehrt das klassizistische Baudenkmal nun in die Potsdamer Kulturlandschaft zurück.

Im Erdgeschoss wird die Geschichte der Villa und ihrer wechselnden Nutzer erzählt, vor allem über Computerbildschirme, auf denen Zeitzeugen ihre Geschichten erzählen, Kindergärtnerinnen und Anwohner aus DDR-Zeiten, vor allem aber jene Staatsmänner, Diplomaten und Geheimdienst-Mitarbeiter, für die die Glienicker Brücke ein Ort der großen Politik war.

Eindrucksvolle Exponate

Wenige, aber eindrucksvolle Exponate sind über das Zeitzeugenprojekt der Villa zusammengekommen, darunter ein so genannter „Stalinrasen“, ein Metallgitter mit 14 Zentimeter langen Nägeln, von denen viele entlang der Ufer im Wasser montiert wurden, um Flüchtende schwer zu verletzen. In einem von der damaligen DDR-Bildungsminsterin Margot Honecker verfassten Erziehungs-Leitfaden lässt sich nachlesen, was die Kleinkinder über ihre „Beschützer“, die Grenzsoldaten, lernen sollten.

In den hohen Räumen des Obergeschosses wird – parallel zur Kunsthalle Wien, die Kooperationspartner ist – die erste Kunstausstellung präsentiert, die um das Thema „1989“ kreist, mit Werken u.a. von Neo Rauch, Josephine Meckseper, Ilya & Emilia Kabakov.

Wenn die neue Villa Schöningen am Sonntag offiziell eröffnet, wird das Gebäude eine Präsenz von Staatsmännern erleben, wie es sie in der Geschichte Potsdams lange nicht mehr gab: Die Bundeskanzlerin spricht, außerdem angesagt haben sich der Vizekanzler, der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, die Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Henry Kissinger, aus Polen Chefdiplomat Radoslaw Sikorski und aus Südafrika dessen ehemaliger Präsident Frederik Willem de Clerk.

Mathias Döpfner und Leonhard Fischer wünschen sich, dass die Villa das wird, „was das Haus und sein Garten bis heute nie waren: ein fröhlicher Ort der Freiheit“. In der Tat lässt sich kaum ein schönerer Ort denken, das Glück der deutschen Einheit zu feiern. Auch Alexander von Humboldt hätte seine helle Freude daran.

Villa Schöningen, Berliner Straße 86, Potsdam, geöffnet zum Brückenfest ?am 10. November, danach immer ?Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.