Stars der Zukunft

Rihanna und Lady Gaga definieren Pop und Porno

Monster des Ruhms, die sich selbst schufen: Die Sängerinnen Lady Gaga und Rihanna sind die Popstars der Stunde. Mit herausragenden Alben haben sie ein Jahrzehnt beendet und ein neues eingeläutet. Sie demonstrieren, dass Frauen die Bedingungen zum Sex festlegen, zwischen Pop und Porno.

Foto: Getty Images/ddp

Die Grammy-Gala im vergangenen Jahr versäumte sie. Rihanna ließ sich wegen häuslicher Gewalt entschuldigen. Chris Brown, ihr Lebensabschnittspartner, hatte sie verprügelt. Der Parvenü verlässt das Ghetto, während ihn das Ghetto nie verlässt. Die Frau spielt mit.

Das Drama um Rihanna zog sich hin durchs Jahr 2009. Ihr Album „Rated R“ erschien zu spät, um für die diesjährigen Grammys in unzähligen Kategorien nominiert zu werden. Angesagt hat sich Rihanna trotzdem, wenn morgen die Preise in Los Angeles verliehen werden.

Fünffach nominiert ist Lady Gaga, Rihannas Rivalin – ginge es nach Magazinen und Portalen, die Musik aus Hitparaden unbeirrt als pubertäre Angelegenheit behandeln. Heute listen selbst die Klatschtanten von „People“ Lady Gaga und Rihanna zwischen den Obamas auf, unter den faszinierenden Persönlichkeiten.

Pop dient, mit der nötigen Distanz betrachtet, immer noch als Brennglas der Verhältnisse. Auch wenn die Nachrufe auf die nostalgisch in sich kreisenden Nullerjahre behaupten, der Trend sei, dass es keine Trends mehr gäbe. Ein echtes Ende der Geschichte, endlich.

Einigkeit besteht darin, dass Lady Gaga und Rihanna mit herausragenden Alben ein Jahrzehnt beendet und ein weiteres eingeläutet haben. Ein Jahrzehnt bricht an, in dem Gewissheiten wieder verhandelt werden. Ökonomische, politische Systeme und soziale Bräuche. Zuschreibungen, Werte, Normen und Moral.

Anlässlich der American Music Awards, dem Grammy-Barometer, trat Rihanna zuletzt als Blondine auf und drehte sich am Kreuz als Mumie. Lady Gaga kostümierte sich als Nackte, Alien und Skelett. Sie opferte ihren Konzertflügel den Flammen und zerschlug viel Glas. Von übertriebener Zuversicht konnte bei keinem der verwirrenden Auftritte der Rede sein.

Rihanna wird im Februar 21 Jahre alt. Geboren in Barbados fiel sie einem Urlauber ins Auge, der ihr eine Laufbahn in Amerika in Aussicht stellte. Aufnahmen schickte er an die Firma Def Jam in New York, wo sich Jay-Z persönlich ihrer annahm.

Jay-Z war vom Straßenrapper zum Geschäftsführer der Firma aufgestiegen, zum „CEO des HipHop“, wie es damals hieß. Er stellte seinen minderjährigen Schützling vor mit „Music Of The Sun“, als unbedarftes Ding aus der Karibik. Anschließend stellte Rihanna sich noch einmal selber mit „A Girl Like Me“ vor.

Mit dem dritten Album „Good Girl Gone Bad“ stellte sich die „Barbie aus Barbados“ in den Dienst des heutigen R’n’B, indem sie die erotischen Verheißungen in eisigem Ehrgeiz löschte. Ihr „Umbrella“ war das Lied zum Jahr 2007.

„Rated R“ stellt plötzlich alles in den Schatten. Auch die blauen Flecken und die Würgemale vom vergangenen Jahr. Während Chris Brown gemeinnützige Arbeit verrichten muss und ein selbstmitleidiges Album aufgenommen hat, um seine Strafe abzubüßen, fällt Rihanna aus der Rolle. Aus der Rolle „Schwarze Sängerin“.

Sie tritt einem als Domina in Stacheldraht entgegen, Schwarzweiß fotografiert von Ellen von Unwerth (auf der Platte als „Ellen von Unworth“) am Berliner Hauptbahnhof. Rihanna windet sich empört in einem Bad aus Barbiepuppen. Sie trägt Ketten und Grace-Jones-Frisuren. Sie ist blass. Geschminkt ist sie wie im New Wave der Achtzigerjahre, und so hört sich „Rated R“ auch über weite Strecken an: Synthetisierte Klangwolken, naturbelassenes Klavier und strenge, unterkühlte Beats.

Rihanna singt, dass Liebe dämlich sei. Die Hymne „Hard“ wertet die überstandene Prüfung aus und zeigt im Video eine Rächerin im knappen Sturmgewand mit Stahlhelm, an dem Mäuseohren sitzen. Amazonen für den Frieden. Es herrscht Krieg.

„The only thing I’m missing is a black guitar. Oh baby, I’m a rockstar“, singt Rihanna, unterstützt von Slash an der Gitarre. Slash war bereits 1991 Michael Jacksons weißer Gast bei „Black Or White“. Die Frage stellt sich für Rihanna nicht mehr.

Als Begleitmusik lässt sie sich Eurodance konfektionieren und ruft sich zum Rockstar aus. Als Rock noch jung war, holten Schwarze wie Chuck Berry oder Jimi Hendrix stellvertretend für die frühen Sklaven des Musikgeschäfts ihre Musik zurück.

Grace Jones und Michael Jackson transzendierten alle Rassen. Heute klagen Jay-Z und U2 gemeinsam vor dem Brandenburger Tor für MTV über Gewalt in Irland. Kanye West zieht sich wie ein Berliner Gymnasiast an. Und Rihanna bricht mit allem, was an HipHop und die Inszenierung einer Lebenswelt erinnert und den Schwarzen immer wieder auf sich selbst zurück wirft.

Und auch Lady Gaga löst ein altes Pop-Versprechen ein und sämtliche sozialen Hierarchien auf. Vor 23 Jahren wurde Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York in eine italienische, begüterte Familie hineingeboren. Sie besuchte die katholische Privatschule und lernte an der Juilliard School Klavier. Während sie an der Hochschule studierte, Theorie und Praxis der Musik, sammelte sie Erfahrungen als Sängerin auf offenen Bühnen und als Stripperin in einschlägigen Bars. Am Ende ihres mehrspurigen Bildungsweges war sie Lady Gaga. Eine Kunstfigur, die mit dem Album „Fame“ bewies, dass Ruhm kein uneinlösbares Versprechen unseriöser Fernsehsender ist.

Das Album „Fame Monster“ bekräftigte die Ankunft. Lady Gagas Zielgruppe wurde mit „Pokerface“ versorgt sowie mit Anregungen für Frisuren und groteske Sonnenbrillen. Auch das Bildungsbürgertum kam nie zu kurz bei Lady Gaga. Unermüdlich spielt sie „Pokerface“ am Flügel vor, mit echten Haaren und im Abendkleid. In Interviews zitiert sie Rilke und Montaigne. Kein Popstar wirkte jemals schichtenübergreifender und sozialistischer als Lady Gaga.

Steht der Menschheit ein Jahrzehnt bevor, das weder Rassen kennt noch Klassen? Wer die Popkultur bisher verfolgt hat, weiß dass es noch nie ein gutes Zeichen war, wenn Utopien nicht als Utopien dargeboten wurden, sondern als Triumph. Als 1972 Wattstax stattfand, das Woodstock der Schwarzen, war die Bürgerrechtsbewegung bereits an gescheitert.

Als der Punk fünf Jahre später aufkam, feierte der Pop die Revolution von unten, während Politik und Wirtschaft bereits am Sozialstaat sägten. Dafür war der Pop in besseren Zeiten aber auch so aufregend wie eine ausgeglichene Gesellschaft. Lady Gagas „Bad Romance“ oder Rihannas „Hard“ hätte man 1970 oder 1990 nicht als visionäre Zumutung empfunden, sondern freundlich durchgewunken. Und wäre behaglich und gelangweilt in die Zustände zurück gesunken.

Beide, Lady Gaga und Rihanna, treten heute auf, als müssten sie die Risse im Gefüge eigenhändig klammern. Eifrig demonstrieren sie, dass Frauen die Bedingungen zum Sex festlegen, zwischen Pop und Porno, was mit Sex natürlich längst nichts mehr zu tun hat.

Sie sind Avatare, Androiden, Monster. Menschen bleiben Angehörige von Schicht und Rasse. Barack Obama wird vom rechten Rand des Politikgeschäfts schon wieder streng daran erinnert, dass niemand mit seiner Hautfarbe und Herkunft den Problemen dieser Welt gewachsen sei. Rihanna bleibt das Opfer häuslicher Gewalt, so soll es üblich sein in ihren Kreisen. Das Jahrzehnt stellt musikalisch einiges in Aussicht.