Lady Gaga & Co.

Die Zukunft gehört den selbstbewussten Mädchen

Sie sind laut und schrill, und das nicht nur musikalisch: Eine neue Generation von Popmusikerinnen schert sich nicht um Konventionen oder glatte Vorbilder à la Britney Spears. Diese jungen Frauen machen ihre eigene Musik und tragen ihre eigene Mode. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

Nicht einmal in der grellbunten Kitschwelt von Las Vegas fällt Lady Gaga auf, in ihrem schwarzen Gummikleid, mit kristallgeschmückter Maxi-Sonnenbrille und unmöglich hohen Hacken. So sehe sie nun mal immer aus, sagt die Sängerin, die ständig auf ihr Äußeres angesprochen wird; T-Shirt und Flip Flops werde man in ihrem Kleiderschrank nicht finden. Laut, knallig, auffällig und provokant muss es sein: „Das ist die Zukunft der Popmusik“, sagt Lady Gaga.

Mit Unterwäsche "drüber" getragen, mit Selbstbräuner zum künstlichen Gelbbraun getönter Haut, platinblonden Bob-Perücken, die mit Hasenohren geschmückt oder zur überdimensionalen Schleife gebunden sind: Lady Gagas Name spricht Bände – im englischen bedeutet „gaga“ so viel wie "verrückt". Und doch ist die Amerikanerin nicht die einzige Sängerin, die derzeit mit schrägem Auftreten gegen Pop-Konventionen rebelliert – und damit auch noch gutes Geld verdient. Was vor einigen Jahren noch fast undenkbar war, als neben männlichen Gitarrenbands einige wenige weibliche Plastik-Popstars wie Britney Spears oder Christina Aguilera die Charts bestimmten, gehört heute zum neuen Alltag der Popmusik.

Beth Ditto, die dicke Sängerin der Indie-Band The Gossip, schockierte vor zwei Jahren die von durchschnittlichen Kleidergrößen geprägte Popwelt mit ihren Kurven – und einer mindestens so üppigen Soulstimme. Die 28-jährige Amerikanerin präsentiert sich bei ihren Auftritten wie eine übergewichtige Betty Boop, in hautengen Catsuits oder Paillettenkleidern, die ihre schwellenden Formen erst so richtig zum Ausdruck bringen. Vom britischen Musikmagazin „New Musical Express“ zur „Queen of Cool“ gekürt, zeigte sie sich splitternackt auf dem Cover der Zeitschrift; Achselhaare und ein auf den linken Oberarm tätowierter Anker mit der Aufschrift "Mama" waren ebenfalls zu sehen. „Kiss my Ass!“ ("Leckt mich am Arsch!") lautete die Zeile neben dem Titelbild – eine unmissverständliche Botschaft an die Musik- und Lifestyle-Industrie, die bekennenden Lesben wie Beth Ditto mit Kleidergrößen ab 42 aufwärts bekanntlich nicht gerade zugeneigt ist.

Inzwischen hat sich Beth Ditto von der exzentrischen Sängerin zur Stilikone gemausert: Bei den Frühjahrs-Modewochen sah man sie bei den wichtigsten Designern in der ersten Reihe sitzen; in der ersten Ausgabe des neuen Modemagazins "Pop" schmückte sie ebenfalls das Titelbild. Selbstverständlich wieder splitternackt.

Die zierliche Sängerin Lovefoxxx, Frontfrau der brasilianischen Elektropop-Band Cansei de ser Sexy, schockierte die Besucher des britischen Indie-Musikfestivals in Glastonbury im vergangenen Jahr mit ihrem Auftritt in einem Catsuit aus regenbogenfarbenen Pailetten. Nicht einmal vor gelb-schwarz gestreiften Ganzkörper-Anzügen schreckt sie zurück, obwohl diese Outfits mehr an misslungene Biene-Maja-Kostüme als an Mode erinnern. Passenderweise heißt Cansei de ser Sexy übersetzt so viel wie „Keine Lust mehr, sexy zu sein“.

Noch radikaler als Lovefoxxx oder Beth Ditto weigert sich die neuseeländische Elektropopperin Ladyhawke sogar ganz, „feminine“ Kleidung zu tragen. Sie hüllt sich lieber in Holzfällerhemden und spielt in ihrer Freizeit gerne Computerspiele, die im Zweiten Weltkrieg angesiedelt sind.

Nicht nur der derzeitige Boom des Elektropop sorgt bei seinen Protagonistinnen für eine neue Lust auf goldene Hot Pants (wie bei der britischen Sängerin Little Boots) oder mit Spray hochgetürmte Haare (wie bei New-Wave-Epigonin La Roux): Auch Charts-Stürmerin Katy Perry trat schon in Fifties-Outfits auf, als diese noch Country-Sängerinnen vorbehalten waren. Die junge Britin VV Brown präsentiert sich mit einer Haartolle, die sogar Elvis stolz gemacht hätte – dazu mischt sie völlig schmerzfrei Synthesizer- mit Rock'n'Roll-Klängen. Und ihre Kollegin Karima Francis, laut "Observer" eine der ganz großen Musikhoffnungen in diesem Jahr, beweist, dass man als Frau inzwischen sogar mit ungekämmten Haaren, schiefen Zähnen und ungezupften Augenbrauen erfolgreich sein kann.

Nach der Ära der männlichen Gitarrenbands befänden wir uns im Moment am Anfang eines neuen musikalischen Zeitalters, meint Caroline Sullivan vom „Guardian“: „Jetzt kommen Solokünstler, die en masse vom Planeten Schräg gelandet sind.“ Sie führten die Rückkehr zu einer idiosynkratischen, glaubwürdigen Popmusik an, wie man sie seit den 80er-Jahren nicht mehr erlebt habe.

Dass derzeit vor allem auffällige, selbstbewusste junge Sängerinnen für Musik-Schlagzeilen sorgen, wundert Claire Tschaikowski nicht. Die Sängerin aus London ließ einen lukrativen Deal bei einem Majorlabel sausen und produzierte ihr erstes Album lieber in Eigenregie. „Those Thousand Seas“ wird inzwischen von DJ-Fans von Brasilien bis Polen geremixt. „Im Internet gibt es mittlerweile so viele Tools, mit denen man seine musikalischen Fähigkeiten und eine künstlerische Identität entwickeln, ein Image kreieren und seine Fanbase und den Vertrieb aufbauen kann – lange, bevor man von einem großen Label entdeckt wird", sagt Tschaikowski, die gerade ein eigenes Label gründet, bei dem die Künstler das Sagen haben werden. „Heute sieht man in der Musikszene wieder viel mehr Authentizität und Lust am Experimentieren."

Neu ist der Hang zum exzentrischen Auftreten allerdings auch bei weiblichen Musikerinnen nicht: Schon Madonna schockierte in den 90ern mit ihren spitzen Gaultier-Bustiers; Gwen Stefani setzte sich mit ihrem rotlippigen Vamp-Look äußerlich lange Zeit von anderen Musikerinnen ab; Grace Jones ist bis heute in punkto Outfit und Image eine Ikone geblieben. Dass diese weiblichen Stilvorbilder heute wieder so viel junge Gefolgschaft finden, könnte auch an der Zeit liegen, in der wir leben, meint Iain Watt, Manager von Popstar Mika und Gründer des Musiklabels Wonky Pop. "Die Zeiten sind gut für exzentrische Künstler", sagt er. "Die Konsumenten suchen nach Fluchten aus einem Leben unter ständigem Druck."

Bei so viel Pailetten-Performance drängt sich die Frage auf, was wohl folgen wird, wenn die schillernden Sängerinnen ausgedient haben. Möglicherweise hält der Trend aber sogar länger, als gedacht: In der „Sound of 2009“-Umfrage der BBC, die jährlich die 15 größten Musikhoffnungen des Jahres auflistet, fanden sich ganze zwei Bands à la Arctic Monkeys, Oasis & Co. Im vergangenen Jahr hatten klassisch britische Gitarrenbands dagegen noch 50 Prozent der Liste ausgemacht.

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