Zwei Jahre später als geplant hat der polnisch-französische Starregisseur Roman Polanski am Dienstagabend in Zürich den Preis für sein Lebenswerk entgegengenommen. Die Auszeichnung war ihm vom Zurich Film Festival bereits 2009 zugesprochen worden. Doch als er vor zwei Jahren am 26. September in die Schweiz einreisen wollte, wurde er in Zürich verhaftet.

Grund war ein internationaler Haftbefehl der USA. Diese forderten die Auslieferung Polanskis, weil der Regisseur 1977 eine Minderjährige missbraucht haben soll. Polanski wurde in seinem Chalet in Gstaad unter Hausarrest gestellt. Im Juli 2010 wurde er freigelassen. Die Schweiz lehnte seine Auslieferung ab. Die Behörden hatten Zweifel an der Darstellung des Sachverhalts durch die USA. Die US-Behörden legen dem polnisch-französischen Oscarpreisträger zur Last, 1977 eine 13-Jährige vergewaltigt zu haben. Polanski hatte seinerzeit eingeräumt, das Mädchen mit Champagner und Drogen verführt zu haben. Als ihm aber seiner Ansicht nach absprachewidrig eine längere Haftstrafe drohte, floh er 1978 aus den USA und kehrte seither nie wieder zurück.

Mit zwei Jahren Verspätung sollte der 78-Jährige nun am Dienstagabend das „Goldene Auge“ des Zürcher Filmfestivals entgegennehmen.

„Besser spät als nie“, sagte er in einem Interview mit dem französischsprachigen Schweizer Fernsehen. Er sei nach wie vor „sehr gerne in der Schweiz“. Die Festivalleitung hatte sich über die Zusage Polanskis sehr gefreut. „Wir sind sehr stolz und geehrt, Roman Polanski nun endlich in Zürich empfangen zu können“, teilte sie mit.

Auch den Oscar, mit dem er 2003 für „Der Pianist“ als bester Regisseur ausgezeichnet wurde, wagte er aus Angst vor Verhaftung nicht selbst entgegenzunehmen. Als sein Film „Der Ghostwriter“ auf der Berlinale 2010 uraufgeführt wurde, saß er noch in Gstaad im Hausarrest, zur Premiere von „Der Gott des Gemetzels“ in Venedig reiste er nicht an. An seinem Wohnsitz Paris war er als französischer Staatsbürger vor einer Auslieferung sicher.

Ein Kinoklassiker mit privaten Tragödien

Polanski schuf bis zu seinem 35. Lebensjahr bereits vier Filme, die ihm allesamt höchste internationale Anerkennung einbrachten und Klassiker der Leinwand sind. Danach überwand er berufliche wie auch private Tiefschläge und errang 2003 mit dem Oscar für das Holocaust-Drama „Der Pianist“ seinen größten Triumph.

Es war der späte, doch längst überfällige Höhepunkt einer Karriere, die Polanski einen herausragenden Platz in der Filmgeschichte sichert: „Ekel“ (1965 mit der noch jungen Catherine Deneuve), „Tanz der Vampire“ (1967), „Rosemaries Baby“ (1968) bis hin zu „Chinatown“ (1974). „Frantic“ (1988) und schließlich 2002 der große Alterserfolg „Der Pianist“ runden das Werk ab. Auch Flops gab es in der langen Regietätigkeit. Aber die haben lange nicht so geschadet wie die privaten Skandale, die dem klein gewachsenen Mann einst den bösen Ruf eines „verderbten Zwergs“ eintrugen.

Am 18. August 1933 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, zog er mit diesen 1936 ins polnische Krakau. Polanskis Mutter starb in Auschwitz, er selbst überlebte im Versteck bei Kleinbauern. Es dauerte viele Jahre, bis sich der Filmemacher mit der Überlebensgeschichte eines jüdischen Pianisten im Warschauer Ghetto dem Trauma seiner Kindheit annähern konnte und mit „Der Pianist“ einen Film von tiefer Menschlichkeit schuf.

Polanskis zweite Frau Sharon Tate, Hauptdarstellerin der Horror-Komödie „Tanz der Vampire“, wurde 1969 Opfer eines grauenvollen Massenmordes der Anhänger des Sektenführes Charles Manson. Seit 1989 ist er mit der 30 Jahre jüngeren Schauspielerin Emmanuelle Seigner verheiratet, die seitdem in mehreren seiner Filme mitwirkte. Das Paar hat zwei Kinder.

dpa/bb