Vielleicht ist der Mann ja doch mit irgendwem im Bunde. Irgendwem Guten in diesem Fall. Jedenfalls war der Himmel selten in letzter Zeit so hoch und so blau über der Dachterrasse des Soho House-Club in Mitte. Was sich cool weiß oder glaubt in Berlin, sitzt in diesem Club herum mit bloßen Füßen, weißen Laptops und großen Brillen. Niemand fällt hier auf, auch Jan Becker nicht: Tarot-Karten-Tattoo auf dem Unterarm, rote Weste, Haarhalbmond gefräst auf dem ein bisschen stacheligen Schädel. Jan Becker ist ein großer Kerl, ein großer weicher Kerl mit einem weichen, sanft saarländischen Tonfall. Er wäre vermutlich sein bestes Spielgerät - offen, naiv (sagt er selbst), fantasievoll, fokussiert. Mit solchen Leuten spielt Becker gern. Aus solchen Leuten ist es leicht zu lesen. Davon lebt Jan Becker. Er ist Wundermacher, Gedankenleser, Magier, Coach, Hypnotiseur, Buchautor. Der Haushanussen des Soho, „Germanys Next Uri Geller" , Deutschlands führender Verblüffungskünstler.

Hier um die Ecke wohnt der 36-Jährige. Hier hat er sein Buch geschrieben. „Ich kenne dein Geheimnis“ (Pendo, München) heißt es, es handelt von ihm, von seinen Wundertaten, von der Rückkehr des Magischen in die Welt, die Macht der Rituale und der Grundschule des Gedankenlesens für jedermann, von der Wissenschaft der Empathie und der Psychologie, von Gott und dem Gedankenlesen. Hier lässt man ihn in Ruhe. In der Videothek ein paar Stockwerke unten, veranstaltet er spiritistische Sitzungen, liest Gedanken, konfrontiert Menschen aus Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und ganz normale Leute mit dem scheinbar Unerklärbaren, Wunderbaren. „Salon der blauen Blume“ nennt er das. Klingt anmaßend. Er meint das nicht so. Becker ist halt Romantiker, er liebt Novalis und das 19. Jahrhundert und die Salonkunst.

Ein Fallensteller, ein Trickbetrüger

Wolfgang Martynkewiczs „Salon Deutschland“ liegt neben ihm auf dem Stuhl. Ein Buch über den legendären Münchner Salon Bruckmann, in dem sich Literaten, Künstler, Utopisten, Politiker und Spinner trafen, Thomas Mann und Hofmannsthal, Chamberlain und Hitler. Ein Buch über die Pervertierung des Bürgerlichen. Ein bisschen als Warnung liegt es da. Für ihn selbst und seinen Salon.

Becker liest viel. Becker liest alles. Ein typischer Autodidakt. Er sehnt sich nach historischer Verankerung in einer Tradition, nach wissenschaftlicher Grundierung. Wie seine ganze schizophrene Profession, die wissen will, was im letzten manchmal nicht erklärbar ist.

Jan Becker ist Fallensteller, sagt er selbst, Trickbetrüger, immer schon gewesen. Er lacht. Aber es stimmt. Hat sich immer wohler gefühlt unter Freaks und Spinnern. Die reale Realität könne warten, hat er schon seinem Onkel erzählt. Da war er 14 und der Onkel ein halbhohes Tier bei der örtlichen Arbeitsagentur. Das Leben des Onkels wollte er nie führen, hat er ihm gesagt. Die zum Teil heftigen Diskussionen über seine Zukunft, sagt er, hätten aber ihm das Selbstbewusstsein gegeben, das ihn immer noch stützt. Jan Becker erfand sich selbst, als Bühnentier.

In der Schule, im Vorgarten eines Freundes hatte er da schon Zirkus gemacht. Direktor, Magier, Jongleur: Jan Becker. Eintritt: zehn Pfennig. Sein erstes Eisgeld. Mit zwölf hatte ihm die Mutter ein legendäres Buch seines großen Vorgängers und Teilvorbilds Eric Jan Hanussen von 1920 geschenkt. „Das Gedankenlesen“. Jan probierte alles aus. Er übte Handauflegen und Gedankenraten, wie andere Kinder Geige lernen oder Klavier. Jeder, sagt er immer wieder, kann Gedanken lesen. Weil unser Körper uns verrät, weil er in minimalen Bewegungen zeigt, was der Kopf denkt. Ideomotorischer Effekt heißt das. Mit Übersinnlichkeit hat Gedankenlesen weniger zu tun als mit Sinnlichkeit, mit Nähe. Empathie gehört dazu, Offenheit gegenüber Menschen.

Darin war Becker gut. Als Gedankenleser war er gut. Er wurde immer besser. Hätte es damals „Jugend liest Gedanken“ gegeben, Jan Becker hätte es gewonnen. Becker reiste durch die Welt, las, lernte bei Kollegen, sammelte historische Bücher, Artefakte, Ausstellungsstücke großer Magier, spielte in Varietés, erforschte die Menschen – wo er sitzt und steht, beobachtet er, entwickelt Geschichten im Kopf über Passanten, notiert Verhaltensweisen. Und er entwickelte eine Bühnenshow um eine Bühnenfigur, die seine schwarzromantische, dominante Seite ausstellt.

Zahlen machen sein Leben leichter

Inzwischen kann er perfekt große Säle scannen. Findet schnell, mit wem er’s machen kann (im – katholischen – Süden geht’s leichter als im Norden, mit Frauen besser als mit Männern, mit Jungen besser als mit Älteren). Routine hilft auch beim Gedankenlesen. Bis zu einem gewissen Punkt. Denn wie bei vielem – ob Geigespielen, Romaneschreiben, Kochen oder Tortemachen – ist irgendwann ein Status der Virtuosität erreicht, sagt Becker, ein Umschlagpunkt, dann geschieht etwas, was das Gute vom Exorbitanten scheidet, und Dinge geschehen, die nicht mit Routine, mit Ideomotorik erklärbar sind. Etwa einer unbekannten Frau zu sagen, wie sie nach Hause kommt, nur vermittelt durch eine Berührung an der Schulter, am Ende sogar ohne. Werden wir kurz noch mal magisch. Will er jetzt noch schnell lesen, was ich mir zum Mittagessen ausgesucht habe? Klappt nicht, sagt er. Wenn da Nummern vor den Gerichten stünden, ja. Ohne wird’s extrem schwierig. Dann lassen wirs. Oder wir gehen zum Chinesen.

Wintergarten Varieté, Potsdamer Str. 96. Tel. (030) 588433, Montag (26. September 2011) um 20 Uhr