Mystik

Telepathin empfängt Gedanken von Eisbär Knut

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Simone Meyer

Sie sieht Heiligenscheine über glücklichen Katzen und graue Wolken, die von Tieren stammen, über Zoos. "Super-Dog-Nanny" Katinka Witte hat eine seltsame Gabe: Als Tierkommunikatorin nimmt sie geistigen Kontakt zu Hund, Pferd und Schildkröte auf. In der Aura von Eisbär Knut hat sie sich jüngst aber ziemlich verfühlt.

Diese graue Wolke über Hagenbecks sieht sie schon von Weitem. Deswegen geht Katinka Witte in keinen Zoo mehr. „Ich ertrage das nicht“, sagt die 29-Jährige. „Wenn sich Tiere nämlich mies fühlen, dann schicken sie mir die Farbe Grau.“ Diese Botschaft liest sie nicht etwa auf einer Karte oder auf dem Fell – sie erkennt sie in der Aura der Tiere. So strahlt auch ihr Kater Hannibal ein bisschen viel Rot aus, wenn er Schnupfen hat; oder aber ein wohliges Rosa, wenn er gekrault wird.

So, wie Mystiker in allen Teilen der Welt behaupten, sie könnten farbige Lichtbögen über den Köpfen anderer Menschen sehen – so behauptet Katinka Witte, dass sie bunte Heiligenscheine bei Hund, Katz und Pferd erkennt. Tiertelepathie heißt diese Gabe. Katinka Witte praktiziert sie sogar im Fernsehen. In der Sendung „Tier-TV“ (auf Astra Digital) hat sie jeden Sonntag Sprechstunde: Von 14 bis 16 Uhr hilft sie Zuschauern, die vorher ein Foto ihres Lieblings geschickt haben.


Ehe sie vor Kameras die Diagnose verliest, schaut sie sich diese Bilder zu Hause genau an. Sie scannt ihre Patienten, als hätte sie eine Röntgenbrille auf. Steht die Leitung, versucht sie, sich in die Tiere hineinzuversetzen. Und spricht am Ende für sie aus, ob es gerade vorn an der Pfote zwickt, im Bauch rumort oder einfach nur das Fell juckt. „Ich empfange Gedanken wie: Mein Herz rast, meine Gelenke schmerzen, mein Magen knurrt“, beschreibt Katinka Witte.

Manchmal laufen auch Bilder in ihrem Kopf ein, die ihr verraten, dass sich Miezi auf einem Spielplatz versteckt oder Maunzi in einem Schuppen eingesperrt ist. Regelmäßig spürt Katinka Witte auf diese Weise verschwundene Haustiere auf. Wenn Außenstehende bei diesen Erzählungen fragend in ihre großen hellblauen Augen starren, erklärt sie: „Jeder Mensch ist in der Lage, mit Tieren zu kommunizieren.“ „Nur verlieren wir diese Fähigkeit, weil wir sie nicht regelmäßig abrufen.“

Seit der Kindheit ein ganz besonderer Draht

So ähnlich war es auch bei der kleinen Katinka aus Geesthacht. Im Grunde hat sie immer geahnt, dass sie einen besonderen Draht zu Tieren hat. Nur konnte sie nie etwas damit anfangen. Das änderte sich mit Beginn ihrer zweiten Lehre. Damals, im Frühjahr 2005, hatte sie gerade eine kleine Krise in ihrem Erzieherberuf. Eine Freundin erzählte ihr von Nicole Schöfman, Ex-Model, Autorin des Buchs „Katzenflüstern“ und Trainerin. Katinka Witte meldete sich zu einem Kurs an. „Nach dem ersten Tag dachte ich: ,Du bist hier völlig falsch'“, erinnert sie sich. Meditation war eigentlich nichts für sie.

Nach der zweiten Sitzung beschloss sie dennoch zu bleiben. Sie sollten sich im Kurs gegenseitig Farben zuschicken. Und ihr Grün kam tatsächlich als Grün beim Gegenüber an. Gedankenkopie – das überzeugte sie. In der einjährigen Ausbildung lernte sie schließlich für insgesamt 2500 Euro, all die tierischen Signale zu deuten. Die Reaktionen im Bekanntenkreis reichten von Neugier bis zum vielsagenden „Aha –“. „Irgendwie ist das ja auch zu abgehoben, um es erklären zu können“, sagt die 29-Jährige. Seit einem Jahr praktiziert sie nun als Tierkommunikatorin. „Ich kann keine Wunder bewirken“, sagt sie jedem Kunden vorweg. Und: „Ich bin kein Tierarzt.“ Eher arbeitet sie der Medizin zu. Bei der Wasserschildkröte Retti etwa, die nichts mehr fraß, spürte Katinka Witte einen merkwürdigen Druck im Nacken. Mit dieser Diagnose ging die Besitzerin zum Tierarzt, und der schloss dann auf eine Lungenentzündung. Mittlerweile arbeitet Katinka Witte mit zwei Tierheilpraktikern zusammen.

"Ein eindeutiges Blau vermittelt Klarheit"

Homöopathische Perlen zum Entspannen benutzt sie seitdem auch bei Hunden, die partout nicht allein zu Hause bleiben wollen. So wie Krümel. Der bellte wie verrückt, sobald Mutti aus der Tür ging. Immer wieder, nichts half. Die Nachbarn wollten ihn schon verbannen. Bis die „Super-Dog-Nanny“ kam und sah, dass Krümel schon mit fünf Wochen von seiner Mutter getrennt worden war. Klarer Fall: Verlustängste. „Ich habe ihm ein Bild von Frauchen geschickt, das gleich die Tür öffnet“, erzählt die Telepathin. „Dazu ein eindeutiges Blau, das vermittelt Klarheit.“ Und das wirkte.

Als Erzieherin arbeitet die 29-Jährige immer noch. Der Teilzeitjob im Waldorfkindergarten in Winterhude bringt ihr die nötige Abwechslung, den nötigen Kontakt mit Menschen. Doch die Tiertelepathie spannt sie zunehmend ein. Für einmal Aura und Chakren lesen, also Energiezentren aufspüren, nimmt die Tierkommunikatorin 55 Euro. Viele Leute wollen bei solchen Sitzungen mehr über ihren Waldi erfahren, der sein bisheriges Leben vielleicht in Südosteuropa verbracht hat. Oder sie wollen wissen: Will Bello überhaupt noch leben, sollten wir ihn nicht besser von den Schmerzen erlösen?

"Knut sollte mit seiner Vedauung aufpassen"

Solche Einschätzungen gibt Katinka Witte sogar über Tausende Kilometer. Aus Shanghai meldete sich schon ein deutsches Pärchen bei ihr, das sich nicht erklären konnte, warum seine Kampfhündin plötzlich so schüchtern war. Die Tiertelepathin bemerkt Kopfschmerzen, Sorgen, Wut. „Dahinter verbarg sich ein unausgetragener Konflikt zwischen Herrchen und Frauchen“, erklärt sie. „Deswegen zog sich das Tier zurück, um ihnen Gelegenheit zur Aussprache zu geben.“

Zur Spontankostprobe ihres Könnens nimmt Katinka Witte mal Kontakt zu Knut, dem Berliner Eisbären, auf: „Ich spüre einen Druck aufs Herz, er scheint einsam zu sein“, fühlt sie, als sie vor ihrem Laptop sitzt und Fotos des Tieres anstarrt. „Entweder fehlt ihm ein Eisbärenmädchen, oder er vermisst seinen Pfleger“, schätzt sie – was selbst Laien-Telepathen logisch finden. „Knut sollte mit seiner Verdauung aufpassen, und irgendwas ist auch mit seinem rechten Vorderbein. Die Bänder fühlen sich lose an.“ Doch da scheint sich die Telepathin etwas verfühlt zu haben. Denn der Tierarzt aus dem Berliner Zoo meldet: „Knut erfreut sich nicht nur bester Gesundheit, sondern auch bester Stimmung.“