TV-Kritik

"Hässliche Haut" der Models entsetzt Heidi Klum

In keiner anderen deutschen Sendung wird jungen Zuschauern ein Schönheitsideal so aggressiv aufgedrängt wie bei Heidi Klum. Das ist gefährlich.

Foto: ProSieben / ProSieben/Oliver S.

Der krasse Gegensatz zwischen Realität und Show wurde gleich zu Beginn mehr als deutlich. Ein alter, stämmiger Mann, verkleidet als Schaffner, empfing die Mädchen am Londoner Bahnhof. Seine Statur mit hervorstechendem Bauch war unvorteilhaft, das Gesicht fettig, die Brille scheinbar von Harry Potter geborgt. Eines repräsentierte er ganz sicher nicht: das bei "Germany’s next Topmodel" (GNTM) propagierte Schönheitsideal. Das sollten vielmehr die 25 übrig gebliebenen Kandidatinnen in der britischen "Fashionmetropole" unter Beweis stellen.

Sexy, aufbrausend, verführerisch, so sollte ein Modell daherkommen, und das ist genau das, was auch Chef-Jurorin Heidi Klum von ihren Mädchen erwartet. Doch was bedarf es noch, um auf den Catwalk der Träume zu gelangen? "GTNM" sollte in der zweiten Folge der bereits sechsten Staffel zweifelhafte Eigenschaften zutage fördern.

"Durchsetzungsvermögen als Model ist schon wichtig", kündigte Heidi Klum eine der skurrilsten Aufgaben des Abends an. Um ihre Willensstärke unter Beweis zu stellen, mussten die Kandidatinnen zu je fünf Personen in eine kleine, sich drehende Telefonzelle steigen. Nur wer von ihnen es schaffte, sich in Richtung des Fotografen außerhalb der Zelle zu drängen, konnte auf ein gutes Foto hoffen. Denn Gruppenfotos waren nicht vorgesehen.

Kratzen, beißen und an den Haaren ziehen – ob Klum sich so wahres Durchsetzungsvermögen vorstellt, darf bezweifelt werden. Auch hatte das Ganze herzlich wenig mit einem ernsten Fotoshooting zu tun. Der Kommentar von Juror Thomas Hayo ("Das war recht aufschlussreich") konnte da nur noch als beißende Ironie verstanden werden.

Spontanität und Selbstbewusstsein sind laut Klum ebenfalls Eigenschaften, die ein Model dringend besitzen sollte, um im Modebusiness erfolgreich zu bestehen. Und so klopfte die Jurorin höchstpersönlich bei einigen Kandidatinnen an die Hotelzimmertür, um sie ohne Vorwarnung zu einem Fotoshooting abzuholen.

Und dann das: Sollte erst alles an einen normalen Fototermin inklusive Make-up erinnern, wurde den Mädchen wenig später offenbart, dass sie sich jetzt ohne Schminke der Kamera präsentieren müssten. "Man sieht extrem hässlich aus, wenn man sich gerade abgeschminkt hat", verlautete es von einer Kandidatin, und ihre Mitbewerber stimmten ihr direkt zu.

Als Heidi Klum dann tatsächlich die ersten Pickel im Gesicht der Mädchen ausmachte, stand sie plötzlich entsetzt da, sprach bei einigen Kandidatinnen sogar von "hässlicher Haut". Jeder Pickel der Mädchen wurde dramatisch in Szene gesetzt. Man mag sich kaum ausmalen, was die Fans dieser Show – weiblich, mitten in der Pubertät – in diesem Moment über ihr eigenes Äußeres gedacht haben mögen.

So aggressiv wurde selten im deutschen Fernsehen das Schönheitsideal den Zuschauern aufgedrängt. Noch dazu die propagierten Werte wie Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und Spontanität. Sicherlich alles wichtige Eigenschaften eines Menschen. Doch wie sie hier vermittelt wurden, beispielsweise mithilfe der Telefonzellen-Aktion, war grenzwertig.

Wie herablassend Heidi Klum dabei teilweise auf ihre Kandidatinnen blickt, zeigte sich bei einem Fototermin. Die 16-jährige Amelie wollte eine Glatze haben – eine Schnapsidee, wie sie selbst schnell feststellte und bitterlich weinte beim Gedanken daran, Klum würde ihr nun wirklich eine Glatze rasieren lassen. Diese zeigte zunächst auch keine Rücksicht, kam mit dem Rasierer immer näher, bis sie dann doch zurückzog. "Ich bin dann auch kein Unmensch"; rühmte sie sich angesichts ihrer Rücksichtnahme, ein 16-jähriges Mädchen nicht vor einem Millionenpublikum bloßgestellt zu haben.

Klum hält ihre Hand über die Bewerberinnen – und diese folgen ihr bedingungslos. Einzig die 19-jährige Sarah widersetzte sich in der zweiten Folge. Angesichts der anstehenden Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton sollten die Models in einer Londoner Kirche in kurzen Kleidern auftreten. Für Sarah ein Unding: "Man geht doch auch nicht mit Hotpants in die Kirche." Auch wenn ihre Konkurrentinnen meinten, Sarah wolle nur Aufmerksamkeit erzeugen, war sie doch die Einzige, die wirklich Standhaftigkeit bewies.

Die Jury akzeptierte ihre Entscheidung und so wird Sarah auch in der kommenden Folge zu sehen sein, die vermutlich mit ähnlich zweifelhaften Wertvorstellungen um sich schmeißen wird. Natürlich ist "GNTM" unterhaltsam, natürlich entsteht Schadenfreude, wenn die Kandidatinnen mit ihren hohen Absätzen über den Catwalk stolpern. Eine solide produzierte Show, mehr nicht. Viel denkwürdiger ist jedoch, mit welcher Vehemenz hier ein bestimmtes Schönheitsideal den vor allem jungen Zuschauern aufgezwungen wird. Das ist nicht solide – das ist unterirdisch.