Kino

So begeistert Martina Gedeck als Clara Schumann

Ohne sie wäre der Film von Helma-Sander Brahms wohl nur ein weiterer Historienschinken. Doch in "Geliebte Clara" belebt Martina Gedeck als Clara Schumann herzhaft die Dreiecksgeschichte zwischen Mann Robert und Johannes Brahms. Und das, obwohl sie ursprünglich nur zweite Wahl war.

Sie ist die erste nicht. Zum illustren Vorgängerinnen-Kreis von Martina Gedeck als Clara Schumann gehören Hilde Krahl in der Ufa-Schmonzette "Träumerei" (1944), Katharine Hepburn (neben Paul Henreid in "Clara Schumanns große Liebe" von 1947), und Nastassja Kinski (neben Herbert Grönemeyer in "Frühlingssinfonie" von 1983).

Doch während die Hepburn ihr querständiges Talent in einem honigsüß geschönten Hollywood-Melodram der zu Ende gehenden Studioära vergeudete und die Kinski als korkenzieherbelockte Braut in einem Adoleszenz-Kostümschinken des gezähmten neuen deutschen Films ihren Robert anschmachtete, muss die Gedeck in "Geliebte Clara" das verkörpern, für das sie gewöhnlich gebucht wird: die herbe Schmerzensmadonna mit dem entsagungsvollen Wehmutsblick.

Und das macht sie natürlich wieder ganz vorzüglich. Statt als alleinerziehende Küchenchefin ("Bella Martha"), als gelangweilte Gattin im Swingerclub ("Elementarteilchen") als bespitzelte Schauspielerin ("Das Leben der Anderen") oder schießwütig-ideologieverbohrte Terroristin ("Der Baader-Meinhof-Komplex") darf sie diesmal in dezent geblümten Biedermeierkleidern zwischen antiken Möbeln Kinder, Küche und Konzert, Genie und Wahnsinn unter einen Gedeckhut bringen.

Mal sanftmütig um den mental unsteten, bisweilen allzu sehr den Jungs nachblickenden Gatten bemüht, mal resolut die aufmüpfigen Musiker der Düsseldorfer Konzertgesellschaft vom DirigentInnen-Pult aus brüskierend, mal jungmädchenhaft verschämt gegenüber dem netten Herrn Brahms, der als Hausgast in allen Lebenslagen so überaus hilfsbereit ist.

Die Gedeck, eigentlich nur zweite Wahl für die verhinderte Isabelle Huppert, hält diesen oft symbolhaft bemühten, letztendlich faden, nicht wirklich ein Thema zu Ende erzählenden oder wenigstens individuell beobachtenden biographischen Bilderbogen zusammen. So herzhaft sie als Clara Schumann ihre Familie, vor allem den in den syphilitischen Wahnsinn abgleitenden Ehemann nach außen hin schützt, so hält sie mit ihrer durchscheinend zarten, doch zupackenden Darstellung das Interesse wach.

Auch wenn sie im emotionalen Hin und Her dieses notorischen Trios viel zu oft und wenig motiviert die Seiten wechseln muss. Der mit großem optischem Ausrufezeichen ihr entglittene Ehering, den der zufällig vorbeikommende Brahms galant vom Straßenpflaster lüftet, macht ja schon anfangs klar, was auf den Zuschauer zukommt.

Blankpoliert und brav

Helma Sanders-Brahms hatte zwei Motive für ihren Film: Sie ist weitläufig mit Johannes Brahms verwandt. Und sie wollte sich - anders als Peter Schamoni in "Frühlingssinfonie", der die Brautwerbung und die Widerstände mit Rolf Hoppes poltrigem Schwiegervater Wieck thematisiert - auf die späten gemeinsamen Jahre des berühmtestes Paares der deutschen Musikgeschichte konzentrieren.

Die aber werden allzu brav abgehakt. Clara, die die Familie mit ihren Klavierkünsten durchbringen muss und als Komponistin untergebuttert wird. Der in Depression und Irrsein versinkende Schumann, der als städtischer Musikdirektor in Düsseldorf endlich eine feste Stelle hat und diese nicht mehr bewältigt. Die schicksalhafte Begegnung mit dem jungen Brahms, der beiden Gefährte - und vielleicht auch noch mehr wurde. Schumanns Selbstmordversuch im Karneval von der Rheinbrücke. Sein Tod in der Anstalt.

Doch der sich in Wein, Wüten und Wähnen verlierende Pascal Greggory und der spillerige Blondschopf Malik Zidi sind als Robert und Johannes nur blässliche Gedeck-Gegenüber. Zudem reichte offenbar das Budget nur für historisch blankpolierte Vignetten an ungarischen Drehorten - kein wirkliches Künstler- oder Zeitpanorama.

So hört man von angeblich wenigen Orchestermitgliedern gelieferten, vollsaftig heutigen Sinfoniesound aus magyarischen Neorokoko-Stadttheatern. Der Tonfall und die Bilddetails stimmen einfach nicht, wie soll dann eine Neuinterpretation der bekannten Geschichte gelingen? Zumal Sanders-Brahms nicht spekulieren mag, sich weitgehend an die Fakten hält.

Clara Schumann, die alles erduldet und immer weiter spielt, die Ikone der feministischen Musikwissenschaft: So steht sie auch diesmal da. Und sieht aus wie die Protagonistin in einer Guido-Knopp-Doku, in der nur die Historiker und Zeitzeugen fehlen.