Jamie Cullum: Entschuldigen Sie vielmals die Verspätung. Das ist sonst nicht meine Art. Das Mittagessen liegt mir noch etwas schwer im Magen. Außerdem die halbe Flasche Wein...Hoffentlich sehe ich nicht all zu fertig aus?

Morgenpost Online: Nein, natürlich nicht. Hoffentlich hat's geschmeckt?

Cullum: Es war ausgezeichnet. Wir waren im Borchardt. Leider habe ich aber keine Prominente getroffen...

Morgenpost Online: Sie kennen sich gut aus in Berlin. Schließlich waren Sie ja bereits im Mai dieses Jahres in der Hauptstadt. Warum sind Sie nun wieder auf Deutschland-Tournee?

Cullum: Ich wollte unbedingt wieder hierher kommen. Denn mein Album "The Pursuit" ist in Deutschland sehr gut angekommen und hat sich sogar besser als in meiner Heimat England verkauft. Außerdem war die letzte Tournee komplett ausverkauft.

Morgenpost Online: Auch Ihre jetzige Tour ist fast ausverkauft. Fühlen Sie sich denn schon wie ein richtiger Popstar?

Cullum: Nein, eigentlich nicht.

Morgenpost Online: Wirklich nicht?

Cullum: Nein, ich fühle mich wie ein Musiker, den die Leute sehen wollen. Ein Popstar ist etwas anderes. Wir haben weder eine aufwendige Show, noch Feuerwerk auf der Bühne oder Tänzer. Wir übertragen lediglich per Video, was die Musiker auf der Bühne anstellen. Das ist aber dann auch alles.

Morgenpost Online: Trotzdem kommen die Leute zu Ihren Konzerten. In England werden Sie ja auch schon als "Beckham des Jazz" bezeichnet. Gefällt Ihnen eigentlich dieser Spitzname?

Cullum: Nun, David Beckham ist ein großartiger Fußballspieler. Ich kann mir das nur so erklären, dass sich plötzlich Menschen durch Beckham für Fußball interessiert haben, die es sonst nicht taten. Das ist bei vielen meiner Fans genauso. Die interessieren sich eigentlich nicht für Jazz, hören aber trotzdem meine Musik.

Morgenpost Online: Vielleicht liegt es auch daran, dass Sie kein Jazz-Musiker im eigentlichen Sinne sind. Sie kombinieren schließlich Jazz mit Pop und Soul und scheuen sich auch nicht davor, Rihannas "Don't Stop The Music" auf Ihre Weise zu interpretieren.

Cullum: Das stimmt. Bevor ich zum Jazz gekommen bin, habe ich lange Zeit in Pop- und Rock-Bands gespielt. Deshalb war es für mich selbstverständlich, das alles miteinander zu kombinieren.

Morgenpost Online: Oder wollen Sie sich einfach nicht zwischen einem Musik-Genre entscheiden?

Cullum: Ich muss mich überhaupt nicht entscheiden. Jazzmusik ist wie ein Schwamm, der alle möglichen Genres aufsaugen kann. Denken Sie an Miles Davis, der Elemente aus Funk, Rock, Jazz und auch Hip Hop miteinander kombiniert hat.

Morgenpost Online: Deshalb werden Sie ja auch als Musik-Rebell bezeichnet. Wieder so eine Bezeichnung. Trifft die denn wenigstens zu? Wollen Sie ein Rebell sein?

Cullum: Ein Rebell ist für mich jemand, der überall tätowiert ist, der Motorrad fährt und sonstige Klischees bedient. Ich mag keine Klischees. Ich will so gesehen werden, wie ich eigentlich bin. Durch meine Musik bin ich nur ein bisschen Rebell. Gleichzeitig bin ich ein gemütlicher und gutmütiger Typ. Ein Teil von mir ist intelligent und manchmal mache ich auch einfach nur dumme Sachen.

Morgenpost Online: Wann machen Sie dumme Sachen?

Cullum: Oft! Zum Beispiel nach dem Mittagessen eine halbe Flasche Wein zu trinken und kurz danach zu einem Interview-Termin zu gehen (lacht)!

Morgenpost Online: OK, dann sprechen wir lieber über Ihre Songs. Diese drehen sich oft um unglückliche Liebe oder darum, sein Leben zu ändern. Wie viel davon beruht auf persönlichen Erfahrungen?

Cullum: Das ist schwer zu sagen. Die Teile über mich sind in der Regel erfunden, die spielen sich nur in meinem Kopf ab. Aber natürlich habe ich ähnliche Situationen erlebt. Fantasie ist immer ein Stück weit Realität.

Morgenpost Online: In Ihrem Song "Next Year Baby" heißt es: "I'm gonna call my gran every sunday". Rufen Sie denn Ihre Großmutter jeden Sonntag an?

Cullum: Das würde ich gerne. Leider ist sie aber letzten Sommer gestorben. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Noch während sie im Sterben lag, sagte ich zu ihr, dass ich diesen Song nicht mehr spielen könnte.

Morgenpost Online: Dann beruht dieser Song also doch auf persönlichen Erfahrungen?

Cullum: Ja. Er drückt aus, wie ich mich am Ende eines Jahres fühle. Da sage ich mir immer, dass ich mich bessern will.

Morgenpost Online: Was sind denn Ihre Pläne für die Zukunft? Wollen Sie etwas ändern?

Cullum: Ich will unbedingt ein neues Album aufnehmen, da wird sich dann eine Menge auch bei mir verändern. So ist es bei jedem Album.