Die Frau traut sich was. In ihrer rund 25-jährigen Karriere machte die schwedische Sängerin und Diplomatentochter Anne Sofie von Otter vor nichts halt. Sie modernisierte das Diven-Image in Richtung Emanzipation. Mit Grieg, Cecile Chaminade und Zemlinsky erweiterte sie im Alleingang das Konzert-Repertoire. Zwischen Barock, Pop und Romantik wechselte sie souverän hin und her. Sogar in Wagners „Götterdämmerung“ und „Tristan und Isolde“ sang sie risikobereit über die eigenen Grenzen hinaus. Ohne Schaden zu nehmen. Kürzlich erfüllte sie sich mit Christoph Marthalers Basler „Großherzogin von Gerolstein“ einen langgehegten Traum einer Zusammenarbeit mit diesem Regisseur.
Und ließ sich bereitwillig eine blonde Föhnwelle verpassen, um auszusehen wie Camilla Parker Bowles. In Martin Kusejs Wiener „Rake’s Progress“ (als Türken-Baba) hängte sie sich an der entscheidenden Stelle einen Plastik-Pimmel an. „Ich hab’ kein Problem damit, hässlich rüberzukommen“, sagt sie. „Fast im Gegenteil: Ich liebe es.“
Große Karriere mit Mezzosopran-Stimme
Allerdings blieb sie im Singen immer schön. Im Crossover-Bereich war sie mit Elvis Costello- und Abba-Alben überaus erfolgreich. Anne Sofie von Otter, inzwischen knapp über 50, ist eine Langstreckenläuferin der Klassik: die schwedische Nachtigall für alle Fälle. Und der Beweis, dass man auch ohne Röhre, sondern mit einem wohlerzogenen, eher kleinen Mezzosopran groß Karriere machen kann. „Ich bin selber überrascht, wohin sich das alles entwickelt hat“, sagt sie und lacht dabei. Wie singulär diese Sängerin in der Musiklandschaft steht, das zeigt sich nirgendwo deutlicher als an ihrem geheimen Vorbild. „Ich liebe am meisten Julie Andrews.“
Um Erreichtes noch einmal zu übertreffen, ist Anne Sofie von Otter neuerdings die wohl erste Sängerin, die nach Jahrzehnten als Exklusivkünstlerin bei der Deutschen Grammophon den Schutz dieses Groß-Labels freiwillig verließ – um bei einem französischen Independent neues Glück zu finden. „Love Songs“, die neue Doppel-CD mit Liedern, die Brad Mehldau für sie geschrieben hat, serviert neben den Klavierliedern, die zeigen, dass es ein Liedleben jenseits der Atonalität gibt, auch eine Auswahl von Mixed Pickles aus Jazz, Musical und Pop. „Ich bin keine Jazz-Sängerin“, sagt sie freimütig und ironisch. Und hat mit Songs von Joni Mitchell, Michel Legrand und John Lennon dennoch ihre wohl beste CD seit Jahren gemacht.
Das juxt und unkt, erotisiert und kommuniziert so frisch wie schon lange nicht. Natürlich stets mit jenem gewissen Otter-Touch, einer Mischung aus Offenheit, Höflichkeit und Dezenz, die man ihr früher manchmal als Neutralität ankreidete. „Ich bin ein Kontrollfreak“, sagt sie und bringt damit womöglich das Geheimnis ihrer Dauerhaftigkeit auf den Punkt. Weil sie sich nie verheizen ließ, sondern immer nur das machte, was sie sich in den blonden Dickschädel gesetzt hatte. Und der ist sehr, sehr vernünftig. „Ich habe weit mehr erreicht, als ich mir selber vorgenommen hatte.“
Otter: "Lasse mich regelmäßig coachen"
Dabei geschah ihre Flucht nach vorn, hin zum kleinen, feinen Franzosen-Label, nicht ganz freiwillig. „Die Deutsche Grammophon hatte Probleme damit, dass mein Korngold-Album vor einigen Jahren auf Doppel-CD-Maß anwuchs“, so von Otter. Da wurde es ihr zu eng. Bei „Naive“ werden jetzt zwei (eigentlich knapp gefüllte) CDs zum Preis von einer verkauft. Viel Geld kann man damit nicht verdienen. Doch das genau sind eben die Selbstbestimmung und ihr Preis.
Eine späte Wende in ihrem Leben kam erst kürzlich. Ihr Album mit Musik aus dem Konzentrationslager Theresienstadt (Lieder von Viktor Ullmann, Ilse Weber und anderen) hatte ein Trauma der eigenen Familie aufarbeiten wollen, das einen Schatten vor allem auf das Leben ihres Vaters warf. Der schwedische Diplomat Baron Göran von Otter wurde 1942 auf einer Zugfahrt Ohrenzeuge der Tatsache des Massenmords an den europäischen Juden. Er versuchte die Informationen, die er von seinem Mitreisenden Kurt Gerstein erhalten hatte, weiterzugeben. Vergeblich. Sie blieben im schwedischen Außenministerium hängen. „Mein Vater war ein deprimierter, irgendwie gebrochener Mann, zu dem ich als Kind wenig Nähe herstellen konnte“, so von Otter. „Erst durch eigene Recherchen im Zusammenhang mit jener Platte habe ich ihn besser zu verstehen gelernt. Was mein Leben durchaus verändert hat.“
Mit dem jetzigen Befreiungsschlag, weg von der „Universal“, ändert sich sonst für die Künstlerin erstaunlich wenig. „Ich habe schon immer am liebsten viele verschiedene Komponisten miteinander kombiniert, auch in Konzerten.“ Bald einmal wolle sie Fricka in Wagners „Rheingold“ singen. Mit dem weich und smoothig modernisierten Jazz der „Love Songs“ von Brad Mehldau geht sie demnächst auf Tournee. Mit diesem Album erweist sich Anne Sofie von Otter als kluge Dauerbrennerin einer Branche, die inzwischen vor allem darauf achtet, möglichst viel Frischfleisch in möglichst kurzer Zeit zu servieren (und abzuservieren).
Wie hat sie es eigentlich geschafft, sich an den vielen Aufgaben nicht selber zu ruinieren? „Ich nehme noch immer Gesangsunterricht – und lasse mich regelmäßig coachen.“ Eine Lehre, die sich so mancher vokale Durchstarter heute gesagt sein lassen sollte.
Anne Sofie von Otter und Brad Mehldau (Klavier). 2 CDs, Naive.





