Paris

Isabelle Huppert wird Gewalt angetan

Frankreichs Diva Isabelle Huppert spielt in Paris die Blanche in "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams. Regie führte Krysztof Warlikowski. Der Pole verfremdete das Drama so sehr, dass es nicht mehr "Un tramway nommé désir" heißen durfte, sondern nur noch "Un tramway"

Foto: Pascal Victor/ArtComArt

Das Theater, sagte Isabelle Huppert kürzlich, ist Attila. Nach der Premiere von "Un Tramway" - nach Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" - versteht man das besser. Huppert spielt darin die deklassierte Lehrerin Blanche DuBois, zu Besuch bei Schwester und Schwager. Der Attila der Stunde ist der polnische Regisseur Krysztof Warlikowski. Am Donnerstag stand er zum bescheidenen Schlussapplaus mit verschränkten Armen auf der Bühne des Pariser Odéon und ließ sich von Kollegen tröstend auf die Schulter klopfen. Er hat das Stück weitgehend zertrümmert. Aus rechtlichen Gründen blieb nicht einmal der Titel "Un Tramway nommé Désir" heil. Ähnliches hat vor zehn Jahren Frank Castorf erlebt, der seine Version auch nach einer Intervention der Tennessee-Williams-Erben in "Endstation Amerika" umbenennen musste - und damit genau hier, im Odéon ein Paris-Gastspiel gab.

Auf verbrannter Erde errichtete jetzt Warlikowski dann einen hochtechnisierten Neubau. Ein sauberes amerikanisches Westküsten-Penthouse, wie es das Bühnenbild mit ein paar Möbeln andeutet. Aber wie so oft bei Neubauten, ging dabei die Seele des Melodrams verloren. "Un Tramway" lässt die Zuschauer kalt.

Wie kommt es überhaupt, dass derzeit alle "Endstation Sehnsucht" spielen wollen? Das 1947 uraufgeführte Theaterstück ist allein in dieser Spielzeit in München, Düsseldorf, Oberhausen, Landshut, Stuttgart zu sehen und die Pariser Inszenierung kommt zur Berliner "Spielzeit Europa".

Ist es das Interesse in Krisenzeiten an den sozial Deklassierten wie Blanche und Stella? Oder liegt es an Sätzen wie Stanley Kowalskis "Wenn du in dieser Wettbewerbs-Welt die Nase vorn behalten willst, musst du an dein Glück glauben"?

Warlikowski hat das Stück wohl wegen der dramaturgischen Bedeutung des Badezimmers gewählt, in dem Blanche gern sehr heiß badet: Ein Raum, den Warlikowski in den meisten seiner Inszenierungen, auch den dazu ungeeigneten, einrichtet. Bekanntlich ist das der Ort, in dem der Mensch überwiegend nackt und endlich allein sich selbst gegenübersteht. Warlikowski inszeniert ein Selbstgespräch: "Die Kunst des Monologs ist nur in Abgeschiedenheit, fern von den anderen, zu pflegen. Die anderen hindern uns daran, unsere eigenen Gedanken zu hören", sagt Blanche.

Hier ist dieses Badezimmer ein langer, erhöht über die ganze Bühne ragender, klinisch ausgeleuchteter Plexiglas-Kasten mit Klo, Waschbecken und Wanne. Wenn das Licht im Saal ausgeht, dann erkennt der Zuschauer darin frontal die Silhouette von Isabelle Huppert in schwarzer Unterwäsche, wie ein aufgespießtes Insekt gespreizt auf einem Hocker sitzend. Ihr Gesicht erscheint grau wie ein Totenkopf auf einer Videoleinwand hinter ihr. Sie zerrt an ihrer Haut. Sie spricht wie mit verbrannter Zunge, kann sich kaum aufrecht halten. Ein Opfer der Psychiatrie. Als wäre Blanche bereits da, wohin sie Tennessee Williams erst am Ende abtransportieren lässt. In der geschlossenen Anstalt.

Der Rest des Abends ist ihre wackelige Erinnerung, so wackelig und gefährdet wie Isabelle Huppert auf ihren hohen Absätzen über die Bühne stakst. Isabelle Huppert zeigt gewaltige Energie, verkrampft sich in Anfällen und würgt tierische Laute hervor. "Blanche DuBois" hätte Warlikowskis "Tramway" eigentlich heißen müssen, denn nur für sie interessiert er sich. Florence Thomassin als Stella, Yann Collette als Mitch und gerade auch Andrzej Chyra als Stanley bleiben Randfiguren. So fehlt Huppert der Partner, mit dem eine Spannung aufzubauen wäre.

Im Kopf von Blanche gerät vieles durcheinander: Warlikowski spielt eine Neuübersetzung des Stücks von Wajdi Mouwad, baute das Stück um und erweiterte es um Texte von Flaubert, Sophokles oder Kinderreime. Renate Jett als Eunice singt musikalische Einlagen von "All by myself" bis "Common people".

Die von der Webcam verzerrten Gesichter der Schauspieler erscheinen wie Gespenster im Bühnenhintergrund. Zudem sind alle Schauspieler mit Mikrofonen ausgestattet: Wie ihr Bild, so ist auch ihre Stimme gespalten. Natürlich hat Warlikowski gelesen, dass Tennessee Williams' Schwester an Schizophrenie litt. Psychische Störungen spielen in vielen seiner Stücke eine Rolle. Das gefällt dem katholischen Romantiker Warlikowski, dessen neben dem Badezimmer zweites Lieblingsmotiv die Irrenanstalt ist: "Künstler sind die Propheten einer bestimmten Wirklichkeit", sagt er. "Sie drücken das Gestörte der menschlichen Natur aus. Dafür haben wir die psychiatrischen Krankenhäuser, die Kirchen und die Theater."

Williams' dramaturgischen Grund des Wahnsinns - den Untergang einer Kultur - vermittelt diese Inszenierung nicht. Warlikowskis Erklärung: Schuld an der geistigen Zerrüttung ist sexuelle Unterdrückung. Deswegen werden dem Zuschauer eine lange Passage über Salome und Jochanan sowie eine viel zu lange Pop-Rock-Fassung von Monteverdis "Combattimento" geboten, während der Blanche auf der die ganze Bühne einnehmenden Bowlingbahn von Stanley vergewaltigt wird. Ein Attila. In dieser Inszenierung bleibt kein Kegel stehen.