Berlinale

"Katyn" – Ein Film über Stalins Verbrechen

Im Frühjahr 1940 ermordet der Geheimdienst Josef Stalins in der Nähe der Stadt Katyn 14.000 polnische Kriegsgefangene. Auf der Berlinale erinnert nun Andrzej Wajdas Film "Katyn" an das Massaker. Wajda erzählt vom Leid der Opfer und warum den Nazis die Schuld an der Bluttat zugeschoben wurde.

Foto: ddp

Angela Merkel ging gestern auf der Berlinale ins Kino; nicht zum Vergnügen; „Katyn“ ist grimmige Unterhaltung. Ihr Kulturstaatsminister Neumann empfing seinen polnischen Kollegen Zdrojewski und betonte: „Wir wollen gemeinsam daran arbeiten, Gräben in Europa zu überwinden. Dies kann nur gelingen, wenn wir konkrete Vorhaben angehen, die der historischen Wahrheit dienen.“ Obwohl er eher das umstrittene „Netzwerk Erinnerung“ gemeint haben dürfte, hätte er einen der besten Wettbewerbsfilme nicht besser zusammenfassen können: Andrzej Wajdas „Katyn“.

Für Wajda und seine Heimat gab es wohl kaum ein konkreteres Vorhaben, das der historischen Wahrheit bedurfte, als die Ereignisse des Frühjahrs 1940 bei Katyn nahe der zentralrussischen Stadt Smolensk. Damals wurden vom sowjetischen Geheimdienst NKWD mehr als 14000 polnische Kriegsgefangene ermordet und verscharrt.

Erst nutzen die Nazis die Massengräber für die Propaganda ...

„Katyn“ beginnt mit der Panik des Septembers 1939, als nacheinander Hitler den Westen Polens und Stalin den Osten angriff; Wajda fasst dies in einer einzigen eindrucksvollen Einstellung zusammen, in der auf einer Brücke Flüchtlinge von links nach rechts strömen und sich mit einem entgegengesetzten Flüchtlingsstrom mischen, der in der anderen Richtung die Rettung sucht. Bald machten Nazis und Sowjets beide Jagd auf die intellektuelle Elite des besetzten Landes; die Deutschen transportieren Universitätsprofessoren nach Sachsenhausen und die Russen gefangene Offiziere in die Sowjetsphäre.


Dies hätte ein sehr linearer Film werden können, vom Zusammenbruch der polnischen Armee bis zu den Gruben in den russischen Birkenwäldern. Wajdas Interesse reicht jedoch weit über die eigentlichen Ereignisse heraus, denn spätestens seit die Nazis die Massengräber in dem nun von ihnen eroberten Gebiet entdeckten, wurde ein Politikum daraus. Die Deutschen benutzten den Fund, um die internationale Meinung gegen den russischen Feind zu beeinflussen und ließen sogar eine internationale Untersuchungskommission vor Ort. Kaum hatte Stalin ihn zurückerobert, ließ er eine eigene Kommission die Schuld der Wehrmacht „nachweisen“.

Wajda erzählt weitgehend aus der Sicht der Frau eines der gefangen genommenen Offiziere. Sie sieht ihn ein letztes Mal vor dem Abtransport, entkommt knapp den NKWD-Schergen, erhält Briefe ihres Mannes aus der Gefangenschaft und stellt 1943 mit Erleichterung fest, dass er nicht auf der von den Deutschen herausposaunten Liste der gefundenen Toten steht.

... dann mauscheln die Sowjets beim Datum des Massenmords


Nach Kriegsende erfährt sie von seinem Tod, doch diese individuelle Wahrheit darf nicht die historische sein: Polen liegt nun im Einflussbereich der Sowjetunion, und deshalb muss auf seinem Grab ein falsches Todesdatum stehen: Wäre dort 1940 eingemeißelt, würde das auf russische Täter deuten, und deshalb wird es in 1941 geändert. Erst jetzt, wenn die Toten exhumiert, für Propaganda missbraucht und begraben worden sind, zeigt Wajda das eigentliche Massaker: grausam, kalt und quälend ausführlich.

Man muss „Katyn“ als einen Schlusspunkt sehen. Wajda beginnt mit düsteren Wolken, die aufziehen, und entlässt uns mit traumatischen Mordbildern– unterstützt von Dissonanzen Krzysztof Pendereckis. Trotzdem sollte man seinen Film nicht als Anklage verstehen; es ist eher der Abschluss eines Trauerprozesses, der während der vier Jahrzehnte der Volkrepublik Polen in der Lüge über die Täter eingefroren war.

Beim Katyn-Massaker wurde auch ein Hauptmann der polnischen Armee namens Jakub Wajda umgebracht, der Vater des Regisseurs. Seit 50 Jahren dreht Jakubs Sohn nun Filme über Zeitgeschichte und speziell den Weltkrieg, und er hat schon den Untergang der polnischen Kavallerie gegen Hitlers Panzer betrauert („Lotna“) und dem Warschauer Aufstand ein Denkmal gesetzt („Kanal“) und die KZ-Befreiung geschildert („Landschaft nach der Schlacht“).

Mit den Toten kann sie leben, mit den Mördern dagegen nicht

„Katyn“ reicht weit in die Gegenwart hinein, weil es mindestens so sehr um Geschichte selbst wie den Umgang mit ihr geht. Zwei Schwestern streiten sich darin darum, welches Datum auf dem Grabstein stehen soll: „Du denkst nur an die Toten und nicht an die Lebenden“, sagt die eine, die sich mit dem neuen kommunistischen Regime und der Katyn-Lüge zu arrangieren bereit ist. „Ich kann leben mit den Ermordeten, aber nicht mit ihren Mördern“, antwortet die andere.

Womit wir wieder bei der historischen Wahrheit wären. Es gibt sie, nicht alles ist beliebig und von Interpretationen abhängig, und manchmal dauert es Jahrzehnte, bevor sie sich durchsetzt, und manchmal muss sie gegen Verfälscher verteidigt werden. Yoji Yamadas Berlinale-Film „Kabei“ gehört in letztere Kategorie, ein Anti-Serum in der japanischen Kriegsdiskussion, die immer mehr in Heldenverehrung für die Kaiserliche Armee abgleitet; Errol Morris' „Standard Operating Procedure“ gehört auch dazu, weil er beweist, dass Abu Ghraib nicht die Verfehlung einiger fauler Äpfel in der Armee war, sondern von oben gewollt und gedeckt