Polnische Film-Ikone

Oscar-Preisträger Andrzej Wajda feiert 85. Geburtstag

Seit einem halben Jahrhundert steht Andrzej Wajda hinter der Kamera. Viele seiner Filme erzählen vom Leid seines Heimatlandes Polen.

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Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Filmdebüt denkt Andrzej Wajda immer noch nicht daran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Der polnische Regisseur, der am 6. März 85 Jahre alt wird, steht in diesen Tagen schon wieder hinter der Kamera.

Und auch diesmal geht es ihm um die Politik. Denn zur Hauptfigur seines neuen Films hat er Lech Walesa gewählt – den schnauzbärtigen Elektriker von der Danziger Werft, der vor gut 30 Jahren als Streikführer den Sturz der kommunistischen Diktatur einleitete und es später zum ersten demokratischen Präsidenten seines Landes brachte.

Keine Angst vor Konfrontation

Er wolle das Phänomen Walesa beleuchten, seinen faszinierenden Weg vom einfachen Arbeiter zur National-Ikone auf der Leinwand zeigen, sagt Wajda. Dass er mit seinem Film zwischen alle Fronten polnischer Politik gerät, ist ihm klar. Denn für die national-konservative Opposition um Jaroslaw Kaczynski ist Walesa ein kommunistischer Agent und damit eine Hassfigur.

Doch Angst vor Konfrontation ist dem Regisseur, der mit seinen Filmwerken oft die Nationalmythen hinterfragte, völlig fremd. Der in Suwalki in Nordostpolen geborene Wajda wollte eigentlich Maler werden, brach aber mit 24 Jahren ein Malerei-Studium ab und ging zur Filmschule nach Lodz.


Meisterwerke der Filmgeschichte

Er hätte zwar gern „blau gekleidete Frauen auf grünem Gras“ gemalt, habe aber leider keine Zeit dafür gehabt, sagte er Jahrzehnte später zu seiner Entscheidung. Bereits mit seinen ersten Filmen – „Eine Generation“ (1955), „Der Kanal“ (1957) und „Asche und Diamant“ (1958) gelangen Wajda Meisterwerke, die bis heute als Klassiker der „polnischen Filmschule“ gelten.

Der Regisseur, der selbst am Widerstand gegen die deutsche Besatzung teilgenommen hatte, setzte sich in ihnen mit der Kriegszeit sowie der Machtübernahme durch Kommunisten nach Kriegsende auseinander. Bis zum demokratischen Umbruch von 1989 bewegte sich Wajda auf dem dünnen Eis zwischen Wahrheit und Zensur und musste auch Kompromisse schließen.

Politisches Engagement durch Filme

Doch konnten in der Zeit der Diktatur Filme wie „Der Mann aus Marmor“ (1977), eine schonungslose Kritik des Stalinismus, entstehen. „Ich war die Stimme der Nation, die nicht frei sprechen konnte“, sagte Wajda. Ohne seine Filme hätte es 1980 die Freiheitsbewegung „Solidarnosc“ nicht gegeben, verteidigte sich der Regisseur gegen Vorwürfe, er sei bei der Kollaboration mit der Staatsmacht zu weit gegangen.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zog es Wajda zunächst in die Politik. Er wurde 1989 als Kandidat der Bewegung „Solidarnosc“ in den Senat, die zweite Parlamentskammer, gewählt. Doch der Flirt mit der Politik dauerte nur zwei Jahre – die Kunst erwies sich als stärker.

Ein Film über ein polnisches Trauma

In „Die Karwoche“ (1995) thematisierte der Regisseur den polnischen Antisemitismus, im Nationalepos „Pan Tadeusz“ (1999) zeigte er ein idealisiertes Polenbild aus dem 18. Jahrhundert. Mit dem Streifen „Das Massaker von Katyn“ (2007) setzte Wajda tausenden polnischen Offizieren, die 1940 vom sowjetischen Geheimdienst erschossen worden waren, ein Denkmal.

Unter den Opfern des Massakers befand sich auch Wajdas Vater, ein Kavallerieoffizier. Bei der Deutschland-Premiere (2008) in Berlin saß Bundeskanzlerin Angela Merkel in der ersten Reihe. Für sein Lebenswerk wurde Wajda 2000 mit dem Oscar ausgezeichnet.

"Goldener Ehrenbär" auf der Berlinale

2006 würdigte ihn die Berlinale mit dem Goldenen Ehren-Bären. West-Berlin, „der Ort der Freiheit, der am nächsten zu Warschau lag“, spielte schon in den 1970er und 1980er Jahren eine wichtige Rolle für den Künstler. An der Berliner Schaubühne arbeitete Wajda bei Peter Stein, bei dem er „Schuld und Sühne“ nach Dostojewski inszenierte.

Ungeachtet enger Kontakte zu Deutschland blieb Wajda gegenüber dem westlichen Nachbar Polens wachsam. Beim Stichwort Deutschland werde man immer an das Konzentrationslager Auschwitz denken, sagte er in einem Interview. „Goethe und Völkermord, Beethoven und die Gaskammern – all das gehört zum Erbe Deutschlands“.