Sebastian Baumgarten

"In Bayreuth ist man wie auf Droge"

Wie Katharina Wagner hört er gern Rammstein: Sebastian Baumgarten inszeniert zum 100. Jubiläum der Bayreuther Festspiele Wagners "Tannhäuser". Ein Gespräch.

Sebastian Baumgarten (42) ist im Theater aufgewachsen, sein Fluchtort aber ist das Kino. Er argumentiert mit Philosophen wie Giorgio Agamben und Slavoj Zizek, wenn er inszeniert ist aber auch ein Fitness-Studioabo Bestandteil des Vertrags. Er will Oper als geschlossenes System und trotzdem die vierte Wand durchbrechen. Nun hat ihn die Familie Wagner als Regisseur für den „Tannhäuser“ engagiert. Es dirigiert der ursprünglich aus der Alten Musik kommende Thomas Hengelbrock. Am 25. Juli ist Premiere.

Morgenpost Online : Lars van Trier und Wim Wenders haben hier den „Ring“ hingeschmissen, Tankred Dorst hat enttäuscht. Sollte in Bayreuth ein Regieanfänger arbeiten?

Sebastian Baumgarten : Klares Nein. Wobei der „Ring“ eine ganz andere Sache ist. Man muss hier gut vorbereitet und organisiert, im besten Sinne routiniert sein. Personen- und Chorführung, Bühne, Kostüm, Licht, Video, Choreografie und schließlich die orchestrale Seite und der Gesang müssen hier in kürzester Zeit zusammenkommen, müssen sich aneinander entwickeln und stark genug werden. Man braucht den Raum und auch das Budget, um das, was man machen kann, wofür hier einzigartige Qualität zur Verfügung steht, auch wirklich umzusetzen, sonst bleibt es nur Andeutung. Ich bin kein großer Reduzierer, bei mir ist mehr immer mehr.

Morgenpost Online : Sie hatten dreieinhalb Probenwochen. Sind Sie fertig geworden?

Baumgarten : Was dieses Jahr nicht geht, muss ich eben nächstes Jahr machen. Da bin ich ganz schmerzfrei. Sätze wie diese sind bereits vor Bayreuther Zeugen gefallen. Das ist aber auch vernünftig. Man bekommt als Regisseur erst spät, wenn alles sich zusammensetzt, den Draufblick. Bis dahin war alles Theorie. Ich habe viel mit diesem einzigartigen Raum gespielt, den anderen Entfernungen zum Zuschauer, der Größe. Bayreuth ist der einzige Opernort der Welt, wo man richtige Blackouts hinbekommt, weil man ja das Licht aus dem Orchestergraben nicht sieht – das erfordert bestimmte Spielweisen.

Morgenpost Online : Die Festspiele wurden in den letzten Wochen wieder vermehrt angegriffen. Spürt man das in den Proben?

Baumgarten : Strukturell ist der Druck ungeheuer groß. Ich finde das grenzwertig. Die Intendantinnen werden eingekesselt. Denen ist eigentlich kein Vorwurf zu machen. Die Welt will ein Wagnerwunder. Dafür gibt es aber zu wenig Zeit und Geld. Der Staat mag nicht viel zahlen, die Karten sollen schließlich sozial verträglich bleiben. Die Mäzene sollen nicht mehr garantierte Kartenkontingente haben. Überall lauert der Rechnungshof. Erstaunlich, wie da noch ein solch ruhiges und seriöses Arbeiten möglich ist. Aber am Werk sind hier lauter leidenschaftliche Möglichmacher.

Morgenpost Online : Wie wirkt Bayreuth?

Baumgarten : Man wird dort schnell angesteckt von einem Art Wagnerwahn. Der entfesselt ungeheure Adrenalinausstöße. Man ist wie auf Droge. Wahnsinn! Nach anderthalb Wochen hatte ich schon zwei Akte durchinszeniert, wer mich vom Theater kennt, weiß, dass das eigentlich nicht mein Tempo ist. Man kann hier sofort die reine Handwerklichkeit, das halmaspielartige Umsetzen eines Regiebuchs hinter sich lassen, hier lernt die Kreativität fliegen.

Morgenpost Online : Tauscht man sich in Bayreuth mit den anderen Regiekollegen, etwa mit Hans Neuenfels und Stefan Herheim aus?

Baumgarten : Na klar. (Grinst) Aber wir sprechen uns nicht strategisch ab, wie wir die Intendantinnen rumkriegen, uns noch mehr Zeit und Geld zuzugestehen. In der Kantine gibt es die jeweiligen Teamtische. Es ist immer lustig zu sehen, ob bei denen gerade Euphorie herrscht oder Enttäuschung. Hier überkreuzt sich viel, auch wenn jede Produktion ihre eigene Dynamik und ihre eigenen Sorgen hat. Alle sind hier Wagnerianer, man ist kein Einzelkämpfer. Das schafft Solidarität – schon weil wir alle einigermaßen würdevoll durch dieses Nadelöhr der Endproben schlüpfen müssen.

Morgenpost Online : Die letzten Bayreuther „Meistersinger“ und besonders „Parsifal“ haben sich mit der Bayreuther Inszenierungsgeschichte auseinandergesetzt. War das jetzt auch für Sie wichtig?

Baumgarten : Sowohl als auch. Es ist mir natürlich nicht egal, ob es Frankfurt oder Bayreuth ist, auch wenn ich wohl konzeptionell gleich rangehen würde. Aber hier entwickeln sich die Dinge anders.

Morgenpost Online : Worum also geht es bei Ihnen?

Baumgarten : Das steht doch im Stück. Um das antike System Apoll und Dionysos, bei Wagner auch auf einer anderen Ebene verweiblicht und religiös konnotiert als Maria und Venus. Jeder kreative Mensch schwebt in der Gefahr, im Exzess zu versinken – so wie gerade die junge Schauspielerin Maria Kwiatkowsky, die eben gestorben ist und mit der ich zusammengearbeitet habe. Hochbegabung ist eine Gefährdung. Auf der anderen Seite droht man wiederum zu pragmatisch, zu „apollinisch“ zu werden. Ich will keine Interpretationstheaterlösung – wir spielen alles in der Etagenwohnung, Krankenhaus oder so –, das ist für mich vorbei. Ich will den Kern des Stoffes, wie ihn Wagner gelesen hat, aufspüren. Und wenn dieser Kern für uns heute noch eine Bedeutung hat, dann ist er es wert, es heute noch zu spielen. Ich will gerade nicht in eine Zeit oder eine soziale Situation hineindrängeln.

Morgenpost Online : Aber kann man sich als Opernregisseur überhaupt ein dionysisches Dasein leisten?

Baumgarten : Am Ende sind wir alle Apolliniker. Es ist eine Ambivalenz: Da ist die Sehnsucht nach dem Rausch, und dort wieder das Eingefangenwerden, die absolute Ordnung des Bayreuther Systems. Die Bühne dort braucht die strenge Form.

Morgenpost Online : Wie klappt es mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock?

Baumgarten : Er ist wunderbar, ich nenne ihn einen Tonspurdramatiker. Wie er etwa mit Accelerandi umgeht oder mit der Sprachbehandlung, das ist toll und spannend. Ich höre wie im Krimi zu. Wir haben echt alle zu tun, das umzusetzen, was im Topf ist.

Morgenpost Online : Hat sich das Orchester auf Hengelbrocks sehr spezifische Klangvorstellungen überhaupt einlassen wollen oder können?

Baumgarten : Es gibt Stellen bei Wagner, da sagt er selbst: „Hier ist die Musik von mir notiert worden, aber es ist fast frei zu denken.“ Kaum einer weiß, wie das damals praktiziert wurde, Thomas hat aber alles gelesen, was sich dazu finden lässt. Und versucht herauszufinden, wie sich das heute, auch mit unseren Hörvorstellungen, umsetzen lässt. Das kann man geschmacklich nicht mögen, aber er ist immer sehr genau. Und wenn Katharina Wagner uns nur sechs Trompeten bezahlen kann statt der von Wagner geforderten zwölf, dann machen wir es eben mit sechs. Auch hier – Pragmatismus. Den musste schließlich auch schon Wagner erfahren.

Morgenpost Online : Wo sind die Festspiele gerade? Wir haben 100-jähriges Jubiläum…

Baumgarten : Auf dem richtigen Dampfer. Schauen Sie sich doch die Inszenierungen der letzten Jahre an. Ob gelungen oder nicht, sie sind wagemutig. Aber auch hier gilt: Gerade wenn etwas riskant gedacht ist, dann muss es wirklich zu Ende inszeniert sein. Und deshalb darf die Politik Bayreuth auf keinen Fall etwas wegnehmen. Ich möchte, dass die Leute auf 100 Prozent laufen können. Das muss keine Hollywood-Dimensionen annehmen, aber wir wollen alle zeigen, was wir wirklich können.