Bayreuther Festspiele

"Wagners Tannhäuser ist anstrengender als Punk"

Heldentenor und Rockmusiker: Lars Cleveman spricht über Drogen in den Siebzigern, Skinheads und seinen Job bei den Bayreuther Festspielen.

Foto: domdummaste.net, dpa / domdummaste.net, dpa/David Ebener

Der Schwede Lars Cleveman ist 53 Jahre alt. Früher war er erst Punk, dann Opernsänger, heute ist er beides. Seine elektronische Underground-Band heißt Dom Dummaste (schwedisch: Die Dümmsten). Derzeit läuft Clevemans Debütsaison bei den Bayreuther Festspielen, er singt im „ Tannhäuser “ die Titelpartie. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt er, was die Klassik vom Rock lernen könnte.

Morgenpost Online: Herr Cleveman, in welchem Club in Bayreuth kann man am besten feiern gehen?

Lars Cleveman: Oh, das müsste ich Sie fragen. Ich gestehe, dass ich seit meiner Ankunft hier praktisch keine Freizeit hatte. Die Probenzeit war schon ziemlich hart. Ich gehe in letzter Zeit sowieso nur noch sehr selten in den Club. Ich bin 53, wissen Sie. Ich gehe lieber auf Konzerte.

Morgenpost Online: Es hat nie so viel Rock im Bayreuther Festspielhaus gegeben wie im neuen „Tannhäuser“. Sie in der Titelrolle, und Rammstein-Zitate als Projektionen an der Wand. Waren Sie mal auf einem Rammstein-Konzert?

Cleveman: Ich konnte sie bisher leider nicht live sehen. Nächstes Jahr werden sie nach Schweden kommen, dann will ich da sein. Aber ich habe Platten. „Liebe ist für alle da“ ist bei mir im Auto im CD-Player.

Morgenpost Online: Sind Sie gar nicht eifersüchtig, dass Katharina Wagner in der Öffentlichkeit immer über Rammstein spricht und Ihre Band Dom Dummaste nie erwähnt?

Cleveman: Nein, das eine kann man mit dem anderen gar nicht vergleichen. Rammstein ist wirklich ziemlich riesig. Meine Band war einigermaßen bekannt in den Siebzigern und Achtzigern, in der schwedischen Punkszene. Wir haben nicht ein einziges Konzert im Ausland gespielt.

Morgenpost Online: Worum geht es bei Dom Dummaste?

Cleveman: Wir haben die Band als Antwort auf den Iggy-Pop-Titel „Dum dum boys“ gegründet. Unser erstes Stück war eine schwedische Übersetzung dieses Songs. Wir wollten eine Rockgruppe sein, die alles umfasst: Gedichte, Rock ’n’ Roll, Improvisationen, Surrealismus, Humor, Pop, Avantgarde, einfach alles.

Unsere Vorbilder waren Bands wie Mothers of Invention oder Velvet Underground. Wir kamen mitten in die Punk-Ära hinein, und der Vorteil daran war, dass alle sehr offen für verrücktes Zeug waren. Die Menschen wollten etwas Neues hören.

Morgenpost Online: Kann man Punkmusiker in den Siebzigern sein, ohne Drogen zu nehmen?

Cleveman: Drogen waren allgegenwärtig. Aber ich habe versucht, sie zu vermeiden. Alkohol war schon schlimm genug.

Morgenpost Online: Sie schreiben selber an den Songs für Dom Dummaste mit. Warum komponieren Sie experimentellen Punk und keine Opernarien?

Cleveman: Vielleicht werde ich das eines Tages tun. Ich habe sogar schon heimlich ein paar kurze, absurde Opern geschrieben, aus Spaß, nur so für mich selbst. Aber ich mag das Komponieren von Pop- und Rockmusik nun mal sehr. Mir gefällt, dass ein Rocksong nie fertig ist. Du kannst immer etwas Neues damit machen. Du kannst die Lieder verändern, covern oder dabei improvisieren. Im Rock gibt es große Freiheit.

Morgenpost Online: Das Wort „Freiheit“ wird in Bayreuth auf dem Grünen Hügel nicht besonders gern gehört, wenn es um Musik geht.

Cleveman: Das stimmt. Richard Wagner hat die Partitur geschrieben, und du musst tun, was da drinsteht. Dann gibt es noch einen Dirigenten und einen Regisseur, die einem sagen, was man machen muss.

Die Freiheit in der Oper muss anders entstehen, auf der Bühne. In der Vorstellung kann ich meine Persönlichkeit in die Rolle legen und es passiert spontan etwas. Es ist eine andere Art, die Freiheit zu erreichen.

Morgenpost Online: Was ist anstrengender, ein Abend als „Tannhäuser“ oder ein Gig als Frontmann einer Rockband?

Cleveman: Wenn ich mit der Band auf der Bühne stehe, muss ich nicht nur singen, sondern auch Keyboard spielen und Gitarre. Und natürlich habe ich mehr Verantwortung für die Musik, weil ja nicht nur Interpret, sondern auch der Erfinder bin.

Aber das kann man trotzdem nicht vergleichen mit einem Abend als Tannhäuser. Der ist viel anstrengender, körperlich und geistig. Du kannst nicht sagen: Ok, lass uns die nächste Nummer überspringen, meine Stimme ist angeschlagen. Du musst den ersten Akt singen, du musst den zweiten Akt singen, du musst den dritten Akt singen. Es gibt kein Entrinnen.

Morgenpost Online: Wie unterscheidet sich Ihre Gesangstechnik im Rock und in der Klassik?

Cleveman: Wenn ich mit der Band singe, ist es, als würde ich ein Auto nur im ersten Gang fahren. Ich habe ein Mikrophon, ich kann eine bequeme Stimmlage wählen. Da benutze ich meistens nur eine etwas lautere Sprechstimme.

Morgenpost Online: Der „Tannhäuser“ wird hier in Bayreuth ausgebuht. Haben Sie sowas auch im Rockgeschäft erlebt?

Cleveman: Mit Dom Dummaste mussten wir manchmal aufpassen, nicht verprügelt zu werden. Vor allem, wenn Skinheads auf dem Konzert waren. Einmal sind uns ein paar von denen nach einem Gig mit Nunchakus hinterhergelaufen.

Ich habe einen Schlag auf die Stirn bekommen, musste im Krankenhaus genäht werden. Ein andermal habe ich mich mit einem Roadie hinter der Bühne gestritten. Es kam zum Handgemenge, dabei hat er mich ausgeknockt. Das waren so meine Zusammenstöße mit dem Rock ’n’ Roll. Bei allem Respekt vor den Buh-Rufern in Bayreuth: Ich habe Härteres erlebt.

Morgenpost Online: Was könnten klassische Musiker von Punks lernen?

Cleveman: Jede gute Musik muss emotional sein. Du darfst sie nicht einfach nur machen, es muss um etwas gehen dabei. Vielleicht könnte sich das Klassikgeschäft in Sachen Gefühl ein bisschen etwas abschauen. Man muss sich immer daran erinnern, warum man eigentlich das tut, was man tut.

Morgenpost Online: Gibt es einen Trend in der Klassik, das zu vergessen?

Cleveman: Die Dinge haben sich verändert, gerade im Operngeschäft. Früher, in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, gab es grandiose Wagner-Sänger, die bis heute Vorbilder sind. Max Lorenz zum Beispiel, ich liebe Max Lorenz.

Aber wenn man sich die alten Aufnahmen anhört und dabei in die Partitur guckt, dann sieht man: Die singen überhaupt nicht, was dasteht. Sie singen viel freier. Sehr subjektiv, sehr emotional. So ein Typ wie Max Lorenz würde heute nicht mehr engagiert. Es gibt heute den Trend, dass sich die Sänger gegenseitig imitieren und alle gleich klingen müssen.