Talk im Ersten

Anne Will stoppt die Dazwischen-Quassler

Ab sofort muss Anne Will am Mittwoch ran. Das veränderte Sendekonzept ist nur mäßig revolutionär. Aber Will weiß schon, was sie jetzt am Sonntag macht.

Auf dem Presseprospekt „Talk im Ersten“ präsentiert sich die „Big Five“ der Moderatoren wie ein Beraterteam einer Fielmann-Filiale. Die Herren aus der Brillenabteilung – Günther Jauch , Frank Plasberg und Reinhold Beckmann – tragen dezente Gestelle. Die Damen von der Kontaktlinsentheke – Anne Will und Sandra Maischberger – blicken unverstellt in die Kamera.

Insgesamt dominieren gedeckte Farben, und obwohl allein Jauch Krawatte trägt, strahlt die Inszenierung vor allem eines aus: Seriosität. Die Botschaft: In den diesen Herbst auf neue Sendeplätze verlegten Talkshows wird nicht einfach so dahergequasselt, das Polit-Entertainment-Theater hat ein Ende.

Stattdessen ordnen diese freundlich-kompetenten Fachkräfte das Weltgeschehen verlässlich ein. Und zwar jeden Abend von Sonntag bis Donnerstag.

Den Anfang machen am 30. und 31. August Sandra Maischberger beziehungsweise Anne Will , die vom neuen Platzhirsch Günter Jauch von ihrem Sendeplatz am Sonntag vertrieben wurde und nun mit dem sehr späten Mittwochabend (22.45 Uhr) Vorlieb nehmen muss. Bei der Pressekonferenz in ihrem nur leicht umgestalteten Studio in Berlin-Adlershof macht die Moderatorin gute Miene zum bösen Spiel.

Will gibt Fehler in der alten Sendung zu

Sie freue sich, diese Chance in ihrer Karriere zu haben und wolle etwas Neues ausprobieren, um „ungewöhnliche Begegnungen“ zu ermöglichen und das Motto ihrer Sendung „Politisch denken, persönlich fragen“ auch wirklich einzulösen. „Denn das haben wir früher zugegebenermaßen nicht an allen Stellen eingelöst.“ Was man halt so sagt auf so einer Veranstaltung.

Konkret bedeutet das: Die Sessel sind nicht mehr rot, sondern cremefarben. Auf dem Extra-Sofa werden keine Hartz-IV-Empfänger und andere Menschen aus dem Volk mehr befragt, sondern der erste Gast des Abends allein und in aller Ruhe. Später zieht man dann in die Sitzarena um, denn es folgen sukzessive die anderen Gäste.

Das hat den Vorteil, dass es Anne Will leichter fallen wird, die Rededisziplin in der Runde, die jetzt ja eher eine Reihe ist, zu wahren. Andererseits könnte das ständige Dazu-Kommen die Konzentration extrem stören.

Ob dieses – mäßig revolutionäre – neue Konzept funktioniert, wird sich weisen. Für die erste Sendung zum Thema „Wut im Bauch“ ist jedenfalls eine Mischung geladen, die das Adjektiv „bunt“ wirklich verdient hat. Den Anfang macht Spitzenkoch Tim Raue, der als Jugendlicher in einer gewalttätigen Gang war.

Es folgen der Rapper Sido , der Politiker Edmund Stoiber und der Publizist Christian Nürnberger. Zum Abschluss darf Veronika Ferres der Show ein wenig Glanz verleihen. Wer weiß, vielleicht hat die Königin der Fernseh-Schmonzette auch eine harte Jugend auf der Straße vorzuweisen?

Ansonsten wird Friede, Freude, Eierkuchen demonstriert. Quotendruck habe man nicht, ein mögliches Gerangel unter den fünf Moderatoren um die besten Gäste sei kein Thema. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, der sich fortan als Zuteiler betätigen wird, wiegelt ab. Das sei „keine große Aufgabe“.

Bleibt die Frage, was Anne Will mit dem für sie ungewohnten freien Sonntag macht. „Ich bin pflegeleicht“, sagt sie, „Tatort“-Schauen genüge ihr.

Ein kleiner Trailer auf der ARD-Webseite enthüllt aber noch etwas anderes. Darin sitzt sie auf einer Dachterrasse beim Frühstück und versteckt ihren (klugen) Kopf hinter der zweitgrößten deutschen Sonntagszeitung. Schleichwerbung scheint also auch eine Feiertagsbeschäftigung zu sein.